Das Ensemble Esperanza unter der Leitung von Chouchane Siranossian Grenzenlose Spielfreude

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CD-Tipp vom 11.5.2018

Ansteckende Tanzrhythmen

Vagharschapat heißt ein Stück auf dieser CD und klingt mindestens so exotisch, wie sein Name. 20 km westlich von Eriwan in Armenien liegt diese Stadt Vagharschapat. Die anderthalb Jahrtausende alte Kathedrale steht immer noch an der Stelle, wo der Legende nach Gregor der Erleuchter eine Jesusvision hatte, mit dem Befehl einen Tempel zu errichten. Vagharschapat, vom zweiten bis vierten Jahrhundert Hauptstadt Armeniens, ist heute Sitz des Katholikos, des Oberhaupts der armenischen Kirche. Einen fröhlichen Tanz aus dieser geschichtsträchtigen, geistlichen Metropole findet man also unter vielem Anderen in der Suite des Komponisten Komitas, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Vagharschapat Lehrer und Chorleiter gewesen ist.

Musikalischer Völkerverbinder

Als Waisenkind war Soghomon Soghomonian wegen seiner offenkundigen Begabung von einem Priester nach Vagharschapat mitgenommen worden. Nach seiner eigenen Priesterweihe nahm Soghomonian schließlich den Mönchsnamen Komitas Vardapet an und wurde nach seinen Studien, die ihn immerhin bis nach Berlin geführt haben, eine Art Übervater armenischer Musik. Komitas hinterließ tiefe Spuren, nicht nur in der geistlichen Musik Armeniens. Er hat, ähnlich wie Bartok in Ungarn, die armenische Folkloretradition erforscht, und er wurde so zur Stimme eines reichen musikalischen Erbes. Die armenischen Miniaturen auf der neuen CD des Ensemble Esperanza wimmeln vor ansteckenden Tanzrhythmen und hinreißenden Bildern. Komitas, dieser armenische Priester, sammelte bis 1915 nicht nur armenische Folklore, sondern auch Kurdisches, Persisches und Türkisches. Ein musikalischer Völkerverbinder, der von der politischen Realität brutal eingeholt wurde. 1915 wurde Komitas im Zuge der osmanischen Armenierverfolgungen aus Istanbul deportiert. Er überlebte zwar, verbrachte dann aber den Rest seines Lebens als gebrochener Mann in einer psychiatrischen Anstalt in Paris.

Fantastische Ensembleleiterin

Dass die neue CD des Ensemble Esperanza Musik von Komitas ins Zentrum der Produktion gestellt hat, bringt diese fast durch einen Genozid ausgelöschte Stimme armenischer Musik mit grenzenloser Spielfreude wieder zu Gehör, und das liegt natürlich auch an der fantastischen Ensembleleiterin. Chouchane Siranossian, französische Geigerin mit armenischen Wurzeln, kennt man als fulminante Virtuosin in vielen Kontexten, sie ist Paganini Spezialistin, Expertin für Alte Musik und auch in Grenzgebieten zu Jazz und Improvisation unterwegs. "Southern Tunes", Melodien des Südens, ist ihr jüngstes Projekt betitelt, bei dem Siranossian vom Pult der ersten Geigen aus eben mal ein Kammerorchester leitet. Vom armenischen Gebirgsland schlägt die Musik den Bogen musikalisch bis zum anderen Ende Europas.

Hellwacher Verein von Spitzenstreichern

Eduard Toldra soll ein begeisterter Gebirgswanderer gewesen sein, und zum Komponieren kletterte er mitunter sogar auf Bäume. So, sitzend in einer Baumkrone mit Schreibblock, soll Toldra auch seine spätere Ehefrau kennen gelernt haben. Und für den Himmelstürmer Toldra wurde das unten glitzernde Meer zu einer Metapher für seine schöne Braut. All das erfährt man im ziemlich ausführlichen Booklet-Text über den doch ziemlich obskuren Komponisten. Und man erfährt, dass alle Mitglieder des Ensemble Esperanza unter dreißig Jahre alt sind. Ein paar sind nicht mal zwanzig. Keine Teenieband, aber ein hellwacher Verein von Spitzenstreichern voll jugendlichem Elan und brillanter Technik, angeführt von Supervirtuosin Chouchane Siranossian. Im Streicherkonzert von Filmkomponist Nino Rota flüstert und wimmelt es, es weint und lacht, und es knackt und kracht, wo es nötig ist, reine Lust…

Komponist Nino Rota ist vor allem Kinofans ein Begriff: er schrieb legendäre Filmmusiken zum „Paten“ von Coppola oder „La Strada“ von Fellini. Sein Orchesterkonzert, obwohl ein echter Knaller, wird nur alle paar Jahre mal wieder aufgenommen. Die vorliegende Einspielung mit dem Ensemble Esperanza, das sich im Rahmen einer Talentförderung für hochbegabte junge Musiker gefunden hat, ist die bislang explosivste Einspielung. Adrenalin direkt in die Ohrmuschel. Das Programm der CD mit Werken von Toldra, Respighi, Komitas und eben Rota bietet dazu einige Überraschungen. Ein Hinhörer, unbedingt.

CD-Tipp vom 09.05.2018 aus der Sendung Treffpunkt-Klassik - Neue CDs

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