Persönlichkeit und Werk von Hans Pfitzner

Komponist zwischen Vision und Abgrund

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Eine besondere Qualität von Michael Schwalb liegt in der Tatsache, dass er sich nicht als Apologet geriert, dass er nicht für jeden Ausrutscher des trotzigen Meisters Verständnis aufbringen will. Antisemitische Entgleisungen finden bei ihm genauso wenig Gnade wie hypertrophe Egoismen. Der Autor nennt ohne Umstände Ross und Reiter.

Der 1869 in Moskau geborene Hans Pfitzner, der in Frankfurt aufwuchs, hat lange Zeit in München gewirkt und gelebt. Das macht ihn zu einem bayerischen Komponisten, jedenfalls hat der Verlag Pustet in Regensburg Pfitzner in seine Reihe der „kleinen(n) bayerischen biografien“ aufgenommen. Da ist er jetzt zwischen den „Wagners“, den „Manns“, zwischen Franz Marc und Ludwig Thoma zu finden.

Es ist gar nicht so leicht, Leben und Werk von Hans Pfitzner auf knapp 130 Taschenbuchseiten zusammenzufassen. Zwar ist seine Musik quantitativ überschaubar, doch der Mann war auch ein ambitionierter Schriftsteller und (vorsichtig gesagt) ein schwieriger Charakter, der sich immer dann lautstark einmischte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Und das passierte ziemlich oft, an allen Ecken und Enden sah er Verschwörungen gegen sich und seine Kunst. Hinzu kommt ein geradezu verbohrtes politisches Denken, das sich gerne mit völkisch-nationalem Furor formulierte, letztlich aber im Nationalsozialismus nicht zu integrieren war, denn dieser Egozentriker glaubte zuerst an sein eigenes Genie und anschließend daran, wie es zu feiern sei. Dass Pfitzner darüber hinaus auch ein gefährlicher Familientyrann war, sickert nach und nach durch.

Kurzum, dieses Leben könnte einen Romanschriftsteller schon einige hundert Seiten in Atem halten; dass sich auch andere damit beschäftigen sollten, liegt an der Tatsache, dass Pfitzners Musik über weite Strecken außergewöhnlich ist. Neben ihrer unbestreitbaren Qualität schlägt zu Buche, dass sie nur sehr schwer einzuordnen ist. Sie ist so widerborstig wie ihr Schöpfer. Auch im Rahmen seiner eigenen Entwicklungslinien tanzt er immer wieder aus der Reihe – wie einer, der zwischen Moderne, Spätromantik und Eigensinn produktiv hin und her taumelt. Das macht diesen seltsamen Komponisten zu einem ausgesprochen aufregenden Repräsentanten seiner Zeit, spannender in gewisser Weise als der Antipode Richard Strauss, der seine wunderbare Musik auf den gut geölten Schienen perfekter Verkaufsstrategien an den Mann brachte.

Wie gesagt, das erste Problem bei diesem Büchlein ist der geringe Platz für eine höchst komplexe Figur, was den Autor in einengende, gelegentlich doch sehr kurz getaktete Hinsichten zwingt, also in elf Hauptkapitel, die wiederum in zahlreiche Abschnitte portioniert sind. Manchmal steht eine Zwischenüberschrift über nur einem Absatz. Das mag die Übersicht erleichtern, aber den Gedankenfluss kann das schon mal bremsen. In Johann Peter Vogels lesenswerter, mittlerweile leider vergriffener rororo-Monographie von 1989 gab es acht Kapitel. Das hat sehr gut funktioniert und einen quasi essayistischen Gedankenfluss gefördert. Doch die, möglicherweise auch vom Verlag verordnete, Kurzatmigkeit, die darüber hinaus besondere Einzelaspekte in grau unterlegte Extrafelder zwingt, ist ein eher formaler Einwand.

Eine besondere Qualität von Michael Schwalb liegt in der Tatsache, dass er sich nicht als Apologet geriert, dass er nicht für jeden Ausrutscher des trotzigen Meisters Verständnis aufbringen will. Antisemitische Entgleisungen finden bei ihm genauso wenig Gnade wie hypertrophe Egoismen. Der Autor nennt ohne Umstände Ross und Reiter. Auch in Bezug auf Pfitzners ohnehin schmales Werk, nimmt er heilsame Unterscheidungen und Bewertungen vor. Die letzte Oper von 1931 „Das Herz“ erfährt eine nüchterne Beurteilung, die anderen handelt er präzise und knapp ab. Um das Jahrhundertwerk „Palestrina“ angemessen zu würdigen, fehlt der Platz; siehe oben. Eine besondere Stärke des Autors sind die musikalischen Analysen. Das Kapitel über die Lieder ist in dieser Hinsicht besonders gelungen. Musikwissenschaftliche Details werden angesprochen. Ohne die interessierten Laien abzuschrecken, erhellen sie Zusammenhänge. Es gelingt eine schöne Übersicht zu der wichtigen bzw. gewichtigsten Werkgruppe des Komponisten.

Was Schwalb über das Schlussfindungsproblem von Hans Pfitzner sagt, in dem Kapitel über die späte Sinfonik, hat grundsätzlichen Charakter. Es gibt auch ein Kapitel über Pfitzner als Interpret, als Dirigent und Pianist, auch das ist sehr erhellend. Man merkt, dass der Autor als Rundfunkautor, bzw. Redakteur beim WDR tagtäglich damit beschäftigt ist, Musik an interessierte und engagierte Hörer zu vermitteln. Wer, wo auch immer in Sachen Pfitzner neugierig geworden ist, kann dieses Büchlein, wie ein kleines Handbuch benutzen. Eine Zeittafel und Werkübersicht ergänzen es in diesem Sinne.

Buchkritik vom 8.6.2016 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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