Buch-Tipp Beatrix Borchard mit einem neuen Buch über Clara Schumann

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SWR2

„Clara Schumann – Musik als Lebensform. Neue Quellen – andere Schreibweisen“ heißt das neue Buch von Beatrix Borchard. Die Musikwissenschaftlerin hat sich den neu zugänglichen Briefwechsel von Clara Schumann angesehen und sich die Frage gestellt: Was wissen wir wirklich über Clara Schumann? Dorothee Riemer hat das Buch gelesen.

Tägliche Korrespondenz

Klavier spielen war natürlich ein essenzieller Bestandteil von Clara Schumanns Tagesablauf. Wann immer es ging, war der streng geregelt. Zu so einem Tag gehörte dann außer Klavier spielen auch Spazierengehen, Unterricht geben, Besuch empfangen und: Briefe schreiben. Egal ob als junge Virtuosin auf Reisen, als gestresste Mutter von sieben kleinen Kindern oder als gefeierte Künstlerin, ob als begehrte Klavier-Professorin oder auf Kur mit einem schmerzenden Arm. Immer hat Clara Schumann Briefe geschrieben, täglich wandte sie sich ihrer Korrespondenz zu. Und wenn der Arm zu sehr schmerzte, diktierte sie auch mal den einen oder anderen Brief.

Einblick in das Musikleben des 19. Jahrhunderts

Tausende Briefe schrieb Clara Schumann und war so mit vielen ihrer Zeitgenossen verbunden. Ihre Korrespondenz gibt Einblick in das Musikleben des 19. Jahrhunderts, aber zeigt natürlich auch Clara Schumanns ganz persönliche Sicht der Dinge, ihre Hoffnungen und Frustrationen. Dank der Schumann Briefedition lässt sich mit jedem Jahr Neues zu den Schumanns entdecken, denn es erscheinen immer neue Bände, die nicht nur die Briefe von Robert und Clara Schumann enthalten, sondern auch die jeweiligen Antworten der Briefpartner.

Was erfahren wir durch die neu erschlossenen Briefmaterialien?

Die neu zugänglichen Briefwechsel Clara Schumanns hat sich auch die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard angesehen. Sie beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Clara Schumann und mit der Frage, was uns die Quellen zur Künstlerin sagen – und was nicht. Was wir wissen können, und was nicht.

„Dank der neu erschlossenen Briefmaterialien und der nun komplett zugänglichen Jugendtagebücher differenziert sich unser Wissen über Leben und Arbeit von Clara Schumann immer stärker. Dieser Reichtum hat dennoch und gerade deswegen für mich, (…) den Effekt, dass die Fülle nicht größere Nähe herstellt, sondern größere Distanz und ein geschärftes Bewusstsein für die Notwendigkeit historischer Kontextualisierung. …“ (…) Leerstellen und weiße Flecken sind kein beklagenswertes Manko; sie sind essentiell. Manchmal sind sie dem Zufall geschuldet, im Falle Clara Schumanns zumeist Folge gezielter Nachlasslenkung.“

Ausgewählte Nachlass-Zusammenstellung

Denn Clara Schumann hat gegen Ende ihres Lebens bewusst die Materialien zusammengestellt, die sie der Nachwelt hinterlassen wollte – und welche nicht. Berühmt die Tatsache, dass sie zahlreiche Briefe, die sie selbst an Johannes Brahms schrieb, zurückforderte, durchsah und einen großen Teil vernichtete. Borchard stellt diesen Prozess in ihrem Buch dar. Welche Gedanken, welches Ziel leitete Clara Schumann bei dieser Arbeit? Borchards These:

„Sie dienten der Dokumentation der musik- und menschheitsgeschichtlichen Bedeutung von Clara Schumann als Zeugnisse der Selbstvergewisserung, der Selbstinterpretation, auch der Selbstinszenierung.“

Andere Betrachtungsansätze durch neue Details

Beatrix Borchard hat sich geradezu in diese Fülle an Briefen, Korrespondenzen und Texten hineingewühlt. Sie hebt einzelne Themenkomplexe heraus und betrachtet Clara Schumanns Beziehungen zu Robert, zu ihren Eltern, zu Freundinnen und Kollegen und Kolleginnen; sie widmet der Familie Mendelssohn breiten Raum und Clara Schumanns Beziehung zu dem Geiger Joseph Joachim. Mit keinem anderen Musiker hat Clara Schumann häufiger konzertiert; die Korrespondenz mit ihm ist gerade erschienen. Natürlich ist dazu schon vieles bekannt, aber es gibt immer wieder Details, die sich durch die neuen Texte etwas anders darstellen, die Bedeutung sich etwas verschiebt.

So zeigt Borchard beispielsweise anhand der Beziehungen zur Familie Mendelssohn, dass sich Clara Schumanns Konzept, Bach und Beethoven mit zeitgenössischen Werken in einem Konzert zu spielen, eher auf das Vorbild Mendelssohns zurückführen lässt.

„Das Profil Clara Wiecks als Pianistin, dass sich in ihrer über sechzig Jahre währenden Karriere immer stärker ausprägte, war also älter als die Liebesbeziehung zu Robert Schumann, auf dessen Einfluss ihre künstlerische Entwicklung gerne zurückgeführt wird.“

Clara Schumann für Fortgeschrittene

Borchards Buch ist keine Biografie oder Übersichtsdarstellung zu Clara Schumann. Es ist sozusagen „Clara Schumann für Fortgeschrittene“. Obwohl Borchard immer wieder den Kontext darstellt, sollte der oder die Lesende mit den Eckpunkten Clara Schumanns Biografie vertraut sein, um die neuen Überlegungen Borchards einordnen zu können. Für alle Fans des Musiklebens des 19. Jahrhunderts, die nicht nur Clara Schumann, sondern auch Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Hermann Levi, Joseph Joachim, Johannes Brahms näherkommen wollen, sich aber nicht durch tausende Briefe lesen wollen, ist Borchards Buch Pflichtlektüre.

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