Buchkritik

Sasha Marianna Salzmann - Im Menschen muss alles herrlich sein

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Der Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ von Sasha Marianna Salzmann ist ein ernüchterndes Portrait der späten Sowjetzeit sowie ein Familienroman, der sich auf die Verlusterfahrungen starker Frauenfiguren stützt. Dabei werden Migrationsbiografien mit der schroffen Identitätssuche nachfolgender Generationen verbunden. Ein preiswürdiges Buch.

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Zu Beginn eine tränenreiche Familienzusammenführung mit Streit zwischen Mutter und Tochter.

„Man kann den Menschen nicht vorwerfen, dass sie keine Helden sind, hatte sie zu mir in unserem letzten Streit gesagt, oder vielleicht war es nicht der letzte gewesen, unsere Streitereien hatten keinen Anfang und kein Ende, es war eine nicht abreißende Kette an Verletzungen.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Die Gründe für die Verletzungen liegen in einer Vergangenheit, die für die jüngere Generation ein Rätsel zu sein scheint. Deshalb wird Sasha Marianna Salzmann in ihrem Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ weit zurückblicken in die Biografie der Protagonistin.

Das erste Großkapitel des Romans ist in den 1970er Jahren angesiedelt

Zunächst wird eine Kindheit in der Sowjetunion erzählt. Lena wächst in Gorlowka auf, einer mittelgroßen Stadt, die heute in jenem Teil der Ukraine liegt, der von russischen Separatisten besetzt ist.

In Lenas Jugendjahren ist von diesem Konflikt kaum etwas zu bemerken. Nur wenn die Mutter beiläufig sagt, es sei nicht mehr nötig, die ukrainische Sprache zu erlernen, die sei „ein Relikt“, kündigt sich die düstere Zukunft des Landes an. Die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse waren jedenfalls auch schon zu Sowjetzeiten äußerst angespannt.

Korruption ist allgegenwärtig

Vor allem die allgegenwärtige Korruption belastet die Menschen. Um einen Platz im Pionierlager zu bekommen oder im Krankenhaus behandelt zu werden, müssen nicht nur Pralinen, sondern auch Geldgeschenke verteilt werden. Und die Kinder übernehmen die Kurierdienste.

„Lena wurde schlagartig schwindelig, als sie den Umschlag mit den Scheinen sah. Sie kannte mittlerweile die Bedeutung des Wortes Bestechung, aber sie hatte so etwas noch nie gemacht, und sie hatte noch nie so viel Geld auf einmal gesehen und schon gar nicht mit sich herumgetragen, außerdem fand sie es falsch, irgendwas daran war falsch, zumindest fühlte es sich nicht gut an in der Magengrube.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Der Antisemitismus wächst im sich auflösenden Sowjetreich der 1980er Jahre

Lena schämt sich, und dieses Gefühl wird sie ein Leben lang begleiten. So wird die Musterschülerin nur Medizin studieren können, weil die Mutter ihre Verbindungen spielen lässt. Wir befinden uns nun in den 1980er Jahren, und in dieser Dekade gehören die alten Feindbilder, die in der klassenlosen Gesellschaft überwunden werden sollten, längst zum Alltag selbst der jüngeren Generation. Vor allem der Antisemitismus wächst im sich auflösenden Sowjetreich.

„Wichtiger noch als der Austausch über prüfungsrelevanten Lernstoff schien es, zu erörtern, wer zu welchem Grad jüdisch war und wessen Eltern darum genug Bares besaßen, um ihm oder ihr ein Studium an der Universität zu ermöglichen.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Als junge Ärztin wird dann auch Lena mit Geschenken ihrer Patienten überhäuft. „Im Menschen muss alles herrlich sein – das Gesicht, die Kleidung, die Seele und das was er denkt“, erklärt der Chefarzt, aber nichts ist herrlich in Lenas Leben.

Der Rassismus wird zum neuen Kitt der Gesellschaft

Das Land ihrer Kindheit zerfällt, die Ressentiments gegenüber Leuten aus anderen, nunmehr ehemaligen Sowjetrepubliken nehmen zu und der Rassismus wird zum neuen Kitt der Gesellschaft. Was Lena nicht davon abhält, sich in den Tschetschenen Edil zu verlieben.

Zum Wendepunkt der äußerst dichten Erzählung aber wird der Tod ihrer Großmutter. Bei der alten Dame hatte die traurige Heldin unbeschwerte Sommerferien in erschreckend bescheidenen Wohnverhältnissen verbracht. Beim Ernten der Haselnüsse im kleinen Garten schien dennoch so etwas wie Glück möglich zu sein.

Die emotionalen Beziehungen sind als Spiegelbilder der desolaten gesellschaftlichen Verhältnisse angelegt

Die Genügsamkeit der Oma steht für eine vormoderne Vergangenheit, an die sich in Lenas Verwandtschaft niemand mehr erinnern möchte. Mit diesen Erfahrungen verändert sich auch der Fokus dieses Romans: Die familiären Strukturen und emotionalen Beziehungen, die Salzmann grundsätzlich als Spiegelbilder der desolaten gesellschaftlichen Verhältnisse anlegt, werden immer mehr zum dramaturgischen Motor der Geschehnisse.

Lena erwartet ein Kind von Edil, doch der Vater möchte mit dem Baby nichts zu tun haben. Vielleicht scheint ihm die Verbindung mit einer Ukrainerin nicht geheuer zu sein. Seine Eltern hat sie jedenfalls noch nicht kennengelernt.

Lena heiratet einen Mann aus einer jüdischen Familie und kann nach Deutschland auswandern

Auf die quälende Enttäuschung folgt der radikale Pragmatismus. Sie lässt sich auf einen Mann ein, der sie mal auf einer Party umgarnt hatte. Daniel immerhin stellt Lena umgehend seiner Mutter vor.

„Ein paar Wochen später war die Heiratsurkunde unterschrieben, sie aßen mit der Mutter im Restaurant nebenan zu Mittag und in derselben Woche zog Daniel bei Lena ein. Das war´s.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Mit der Hochzeit wird ein weiterer Erzählfaden in den ohnehin schon multithematischen Prosateppich eingeflochten. Da Daniel aus einer jüdischen Familie stammt, kann er als Kontingentflüchtling nach Deutschland auswandern. Tatsächlich nutzt das Paar die Gelegenheit, sodass Lenas Tochter in Jena aufwachsen wird. Das Mädchen heißt Edita, wird Edi gerufen und ist offenbar nach dem leiblichen Vater benannt. Mit dem Abschied aus der Ukraine versucht Lena, auch eine aufwühlende Liebesgeschichte hinter sich zu lassen.

„Das sie verfolgende Das war´s verformte sich, wuchs sich aus zu einem nicht weniger erbarmungslosen Das ist es jetzt.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Nach der Hälfte des Romans wechselt Salzmann die Erzählperspektive

Nach der Hälfte des Romans springt Sasha Marianna Salzmann in die Gegenwart und wechselt die Erzählperspektive. Jetzt stehen Stimmen im Mittelpunkt, die sich an Lenas Biografie abarbeiten. Freundin Tatjana etwa, die sich in der maroden Ukraine lange als gewitzte Spirituosen-Verkäuferin durchschlägt und es schließlich mit der Mafia zu tun bekommt. Mit einem Kind im Bauch verlässt sie ihre Heimatstadt, dem Ruf ihres deutschen Beschützers folgend, der sie aber im Stich lässt.

Lena hilft der Schwangeren, und diese Selbstlosigkeit begründet eine Freundschaft, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass beide Lebenswege vom Gefühl der Fremdheit bestimmt sind.

Den Töchtern Nina und Edi bleiben die Migrations- und Verlusterfahrungen ihrer Mütter fremd

Lena und Tatjana haben seltsame Phantomschmerzen, die auch ihre Töchter prägen werden. Mit Unverständnis schauen Nina und Edi auf die Migrations- und Verlusterfahrungen ihrer Mütter, die ihnen genauso suspekt bleiben wie deren brüchig-starre Familienkonstellationen. „Ich kann mit dem Konzept Vater nicht besonders viel anfangen“, sagt Nina, und Edi möchte sich von der Mutter nicht ausreden lassen, eine Frau zu lieben.

Mit den „diktaturgeschädigten Jammerlappen, diesen Perestroika-Zombies“ will Edi ohnehin so wenig wie möglich zu tun haben. Wählt ihr Vater inzwischen sogar eine rechtsradikale Partei? So tief die kulturellen und politischen Gräben, auf Lenas 50. Geburtstag sollen trotzdem alle zusammenkommen. Doch die „feierliche Familienzusammenführung“ wird zum Fiasko. Gespräche enden im Streit, der vor allem offenbart, wie wenig sich etwa Mutter und Tochter zu sagen haben. Das Fazit könnte nicht bitterer ausfallen. 

„Einsamkeit gibt es wohl immer im Plural.“
(Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein)

Die Männerrollen bleiben in dem ansonsten so vielschichtigen Roman etwas eindimensional

„Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist also nicht nur ein ernüchterndes Portrait der späten Sowjetzeit, sondern auch ein bemerkenswerter Familienroman, der sich auf die Verlusterfahrungen starker Frauenfiguren stützt. Die Migrationsbiografien verbindet Salzmann sehr geschickt mit der schroffen Identitätssuche nachfolgender Generationen.

Etwas schade, dass die Männerrollen, die keine eigene Erzählperspektive erhalten, in dem ansonsten so vielschichtigen Roman etwas eindimensional geraten sind.

Salzmann schreibt eine nahezu überpräzise Prosa, in der die seelischen und gesellschaftlichen Grenzerfahrungen der Protagonistinnen angemessen widersprüchlich dargestellt werden. Der Tonfall ist so distanziert wie empathisch, die Lebensläufe der weiblichen Charaktere scheinen so vorherbestimmt wie offen zu sein. Ein preiswürdiges Buch.

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