Buchkritik

Helga Schubert - Vom Aufstehen

STAND
AUTOR/IN

Die 80-jährige Bachmann-Preisträgerin erzählt in diesem autobiographischen Roman von den Prägungen ihres Lebens: Kriegs-und Flüchtlingskindheit, Alltag in der DDR – und eine traumatisierte, hartherzige Mutter. Ein berührendes Buch über das Verzeihen und Ankommen bei sich selbst.

Audio herunterladen (6,2 MB | MP3)

„Alles gut“: eine beruhigende Floskel, egal, wie es uns wirklich geht

„Alles gut“. Das ist so eine Wendung, die sich in den letzten Jahren in unsere Alltagsprache eingeschlichen hat. Eine beruhigende Floskel, egal, wie es uns wirklich geht.

In Helga Schuberts Buch „Vom Aufstehen“ ist „Alles gut“ ein zentraler Satz – und mehr als eine oberflächliche Wendung. Er ist wichtig für dieses Leben, das die Autorin in drei große Themenbereiche teilt.

Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung

Und nun ist die Ich-Erzählerin, deren Lebensdaten bis hin zum Namen mit der Autorin Helga Schubert übereinstimmen, über 80 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem pflegebedürftigen Mann in einem Haus in Mecklenburg-Vorpommern und blickt zurück auf ein Leben, in dem nun wirklich nicht immer „Alles gut“ war. 29 Kapitel, unterschiedlich lang; Erzählungen, die sich so flüssig lesen wie ein Roman.

Der Vater fällt im Krieg, als das Kind ein Jahr alt ist - hätte er es in den Arm genommen?

Helga Schubert, das Kriegskind, wird 1940 in Berlin geboren. Ein Trauma ihres Lebens ist der Verlust des Vaters, den sie nie kennenlernte. Denn als er an der Ostfront von einer Granate zerfetzt wurde, mit gerade mal 28, war Helga erst ein Jahr alt. Sie leidet unter dem Verlust, fragt sich, ob dieser Vater sie geliebt hätte, getröstet und in den Arm genommen - all das, was ihre Mutter nie konnte.

Eiskalt ist diese, verprügelt die Tochter und verletzt sie immer wieder mit Worten:

Da sagte meine Mutter ganz ruhig (…)
Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.
Und später sagte meine Mutter einmal:
Die Menschen deiner Generation sollten ihren Müttern, die sie damals auf der Flucht retteten, ein Denkmal setzen.
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

„Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich“

Die Flucht ist das Lebenstrauma der Mutter, die mit der kleinen Helga zu Fuß in einem dreirädrigen Kinderwagen vor den Panzern der Roten Armee zu den Schwiegereltern nach Greifswald flieht. Dort wird die mittlerweile fünfjährige Helga todkrank: Fieber, Scharlach, Ruhr und Mittelohrentzündung.

Meine Mutter setzte sich mit ihrer Pistole an das Bett ihres Kindes und sagte zu ihm: Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich.
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

Als die Mutter mit 100 Jahren stirbt, beginnt Helga Schubert ihre literarische Auseinandersetzung

Helga wird wieder gesund, die Mutter versenkt die Pistole im Fluss. Und auch das Gift, das sie vom Schwiegervater für den Fall bekommt, dass die Russen vor der Tür stehen, gibt sie dem Kind nicht. Helga und ihre Mutter überleben, doch die Mutter wird liebesunfähig, hart und herzlos. Nie finden die beiden Frauen wieder zueinander. Erst als die Mutter mit über 100 Jahren stirbt, beginnt Helga Schubert ihre literarische Auseinandersetzung.

Sie – beziehungsweise die Erzählerin – ordnet den Nachlass der Verstorbenen. Viel Besitz ist nicht übrig, denn die Mutter lebte nach dem Motto: Geld ist zum Ausgeben da. Das nahm bisweilen absurde Züge an:

„Meine Mutter hatte im Krieg alles verloren (…) Nun wollte sich meine Mutter nach der Wende, also fünfundvierzig Jahre nach der Flucht aus Hinterpommern, wenigstens etwas wieder anschaffen, was sie vor dem Krieg besessen hatte: Ein Lexikon, 24 000 D-Mark hatte es gekostet, Band um Band hatte sie es erwartet, aber weil sich das Wissen alle paar Jahre verdoppelt und die Leute nur noch im Internet suchen, war es bald nur noch ein paar Hundert Euro wert.“
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

Zentral ist für Helga Schubert der christliche Gedanke von Vergebung

Und doch ist „Vom Aufstehen“ keine Abrechnung. Helga Schubert ist Psychologin und hat als Therapeutin gearbeitet, das merkt man dem Buch an. Denn untergründig stellt sie immer wieder die Frage: Wie wurde die Mutter, wie sie war? Und wie hat das wiederum mich geprägt? Zentral ist für Helga Schubert dabei der christliche Gedanke von Vergebung – alles gut.

„Vom Aufstehen“ ist klar autobiografisch, sehr persönlich und intim – aber weit weg von Nabelschau und narzisstischer Selbstbespiegelung. Das liegt vor allem daran, dass sich die Autorin an den stilistischen Fahrplan hält, den sie selbst auf einer der ersten Seiten vorgibt:  

„Mit Selbstironie, aus verschiedenen Blickwinkeln, mit einem ersten Satz, der die Pointe unmerklich vorbereitet (…) Nichts Eindeutiges, Belehrendes, Aufklärerisches.
Vor allem ohne Pathos.“
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

Die Erzählerin inszeniert sich nicht als Regimekritikerin, beschreibt aber, wie sie unter dem Regime litt

Auch über ihr Leben in der DDR reflektiert die Erzählerin klug und unpathetisch. Sie inszeniert sich nicht als Regimekritikerin, beschreibt aber, wie sie unter dem Regime litt, sich eingesperrt und unfrei fühlte - und wie ihre Karriere als Schriftstellerin in der DDR behindert wurde: 1980 das Verbot, am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilzunehmen, einige Jahre später durfte sie den Hans-Fallada-Preis nicht annehmen oder zu einer gemeinsamen Lesung mit Herta Müller in den Westen reisen.

Helga Schubert, das Kind der deutschen Teilung, erzählt auch das alles ohne Groll - wenn auch als kleinen Sieg über die DDR-Diktatur:

„Der 3. Oktober ist für mich ein Feiertag, und zwar von Anfang an: Vom 3. Oktober 1990 an. Wir im Osten waren dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beigetreten.
Pragmatisch und nicht pathetisch.“
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

Die Autorin lässt Erinnerungen sehen, schmecken, fühlen, riechen

Helga Schuberts Buch überzeugt durch eine klare, ungekünstelte Sprache. Sinnlich sind diese „Lebensgeschichten“ trotzdem. Die Autorin zählt nicht nur Erinnerungen auf, sondern lässt sie sehen, schmecken, fühlen, riechen:

„Ich schloss immer meine Augen nach dem Aufwachen. Atmete tief ein: In der Kuhle zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der Duft nach Nelkenseife, das Lavendelsäckchen neben dem Kopfkissen, der Waschmittelduft in der Flanell-Bettwäsche und meinem Nachthemd. “
(Helga Schubert: Vom Aufstehen)

Ein berührendes Buch - auch darüber, wie das eigene Ich lieben lernen kann

„Vom Aufstehen“ ist ein berührendes Buch. Über Verletzung und Heilung und darüber, wie man zu der wird, die man ist. Und wie dieses Ich lieben lernen kann.

Zugleich lädt es dazu ein, die Gegenwart zu genießen, das Gute zu sehen in den kleinen Momenten der Geborgenheit. Mit einem solchen Moment schließt das Buch: Die Ich-Erzählerin Helga Schubert kuschelt sich am Morgen nochmal unter die warme Decke. Dann: Aufstehen – Umarmung von ihrem Mann – Glück.

Der letzte Satz des Buches lautet: „Alles gut.“

Zeitgenossen Helga Schubert: „Ich habe auch Diktaturfolgen“

Die meiste Zeit war Helga Schubert nur Literatur-Experten ein Begriff: In der DDR gehörte sie zu den unbequemen Literaten, musste beispielsweise 1980 eine Einladung zum Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt ablehnen. Diesen Sommer wurde ihre Kurzgeschichte „Vom Aufstehen“ dort preisgekrönt. Späte Genugtuung?  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

STAND
AUTOR/IN