Buchkritik

Elfriede Jelinek – Angabe der Person

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AUTOR/IN
Oliver Pfohlmann

Eine Literaturnobelpreisträgerin unter dem Verdacht der Steuerhinterziehung – für Elfriede Jelinek ein Anlass, eine „Angabe der Person“ zu formulieren. Darin zieht sie die Bilanz ihres Lebens und beschert einen langgezogenen Sprachstrudel mit all ihren Lieblingsthemen als Füllung: vom Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft bis zur wieder anschwellenden Flüchtlingskrise.

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Ein Ermittlungsverfahren bringt das Leben der Autorin durcheinander

Jemand musste Elfriede J. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, stand sie eines Tages im Verdacht der Steuerhinterziehung. Das bizarr anmutende Ermittlungsverfahren gegen Elfriede Jelinek ist zwar inzwischen längst eingestellt, hatte aber literarische Folgen. „Angabe der Person“, so heißt das neue Werk der österreichischen Autorin, in dem sich alles um Schuld und Schulden dreht.

Der Text macht keinen Hehl daraus, woran er sich entzündet hat: daran, wie vor über zehn Jahren eifrige Steuerfahnder das Haus der Literaturnobelpreisträgerin in Wien-Hütteldorf durchsuchten. Und dabei zur Beweissicherung deren – Zitat – „Schrifterln“ ebenso einkassierten wie die Festplatte der Autorin.

Sie haben sich alles genommen, na ja, nicht alles, aber doch. Ich sage es zum hundertsten Mal, wenns reicht: Das ist das schlimmste für mich. Dass sie alles Geschriebene von mir haben. Damit kann ich nicht leben, deshalb schreibe ich es hier, ich schreibe auf, was mein Leben ist, und dann schmeiße ich es weg. Oder Sie machen das selber. Soll ich mich etwa auch wegschmeißen? Vor Lachen?
(Aus: Elfriede Jelinek – Angabe der Person)

Auch wenn Elfriede Jelinek ihre Texte und Datenträger inzwischen wieder zurückhat, ein Albtraum verfolgt sie bis heute, wie sie schreibt: nämlich wie besagte Steuerfahnder zuhause ihren Gattinnen und Kindern aus privaten E-Mails der so genannten „Skandalautorin“ vorlesen und sich dabei vor Lachen auf dem Boden wälzen.

Das Paradoxon von Privatsphäre und Öffentlichkeit bei Jelinek

Eine wahrhaft groteske, ja kafkaeske Phantasie, natürlich – aber auch eine von einer gewissen Ironie. Denn es ist ja so: Seit Elfriede Jelinek 2004 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ihre Existenzform als Schriftstellerin einigermaßen paradox. Einerseits hat sich Österreichs umstrittenste Autorin wortreich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, gern unter Verweis auf ihre ganz persönlichen Sozialphobien, die sie schon vor dem Corona-Lockdown in einer Art Selbstisolation festhielten.

Andererseits aber wurden, sozusagen im Gegenzug, die Texte, die Jelinek in jüngerer Zeit publizierte, immer privater und persönlicher. Wobei diese Veröffentlichungen zuletzt vorwiegend im Internet stattfanden, auf ihrer Webseite nämlich.

Man darf vermuten, dass Jelineks Absage an die Verwertungsmechanismen des Literaturbetriebs von dem Umstand erleichtert wurde, dass ihr die Schwedische Akademie zusammen mit der Nobelmedaille auch ein Preisgeld von knapp 1 Mio. Euro bescherte. Auch ihr bislang letztes großes Prosawerk, den „Privatroman“ „Neid“, veröffentlichte die Autorin 2007 auf ihrer Webseite, kostenlos zum Download.

Erinnerungsarbeit in Stellvertretung

Ihr neues Werk erscheint zwar wieder in ihrem alten Hausverlag Rowohlt, hat mit „Neid“ aber eine Gemeinsamkeit. Denn auch in „Angabe der Person“ erinnert sich Jelinek ausgiebig an ihre jüdischen Vorfahren. An „Onkel Adalbert“ zum Beispiel und wie er sich als Theaterkritiker in eine Primaballerina verliebte. Später im KZ verlor er einen Arm und beging nach Kriegsende wie so viele Holocaust-Überlebende Suizid. Gewohnt sarkastisch und mit viel Selbstironie wappnet sich die Autorin dabei auch gleich gegenüber den offenbar unvermeidlichen Vorwürfen ihrer Verächter: dass sie von ihrer privaten Erinnerungsarbeit nur selbst profitieren wolle.

Das ist halt leider meine Spezialität: Opfer suchen und, wenn keine vorhanden, dann Opfer sein!, ich will Spezi von Opfern sein, wenn ich nicht das Opfer selbst sein kann! Lasst mich das Opfer auch noch spielen! Wenigstens eine Freundin der Opfer, ja, das tut nicht weh, das will ich sein. Genau! Nur hinsehen ist mir zu wenig.
(Aus: Elfriede Jelinek – Angabe der Person)

Eine literarische Bilanz mit vielen klassischen "Jelinek-Themen"

Was für ein Buch ist nun „Angabe der Person“? Es einen „Roman“ zu nennen fällt schwer, schließlich gibt es weder Figuren noch eine Handlung. Der Klappentext spricht von einer „Lebensbilanz“. Das passt insofern, als die knapp 200 weitgehend absatzlosen Seiten einem langgezogenen Sprachstrudel gleichen, mit vielen klassischen Jelinek-Themen als Füllung: allen voran Österreichs verdrängte NS-Vergangenheit und der ewig virulente Frauenhass.

Aber auch der Umgang mit Flüchtlingen und die über Corona-Leichen gehende Gier in den alpinen Skiorten. Und vor allem der globale Finanzkapitalismus, der mit seinen Fantastilliarden, seinen Briefkastenfirmen und seinen kleinen und großen Steuersündern für Jelinek all die anderen Themen verbindet. Ein potenziell unendliches sprachartistisches Spiel mit Assoziationen und Mehrdeutigkeiten, das ebenso bitterböse wie entlarvend ist, oft genug aber auch einfach nur langweilig.

Die Erzählerin ist das Alter Ego der Autorin

Immerhin gibt es in dem Buch eine Ich-Erzählerin, „Elfie“. Das Alter Ego der 76-jährigen Autorin lamentiert über Erfahrungsverlust und Vergesslichkeit und dass sie nur noch – Zitat – „sinnlos … wie eine alte Krähe“ auf ihr Schreibgerät einhackt.

Doch das berüchtigte Jelinekʼsche Stimmenmimikry betreibt „Elfie“ so unbarmherzig wie eh und je: All das aufgeschnappte, aufgelesene Gerede von Steuerfahndern, Finanzberatern oder Feierabend-Vergewaltigern wird gleichsam halbverdaut und mit viel sarkastischem Sprachwitz zur eigenen inneren Reinigung dem Leser, der Leserin vor die Füße gekotzt. Das ist nicht immer schön zu lesen, aber oft genug von absurder Komik: etwa wenn die Erzählerin in ihrer Verzweiflung an all die smarten Steuertricks denkt, die ihr das Finanzamt vom Hals gehalten hätten.

Muttergesellschaften sollten nahezu immer in einem Oasenstaat etabliert werden, aber wie komme ich dorthin, bitte? Und meine Mutter hat mir schon genügt! Die ist mir bis zum Hals gestanden! Bis hierher, wo ich nicht wegkann, habe ich alles kapiert, aber wie komme ich in diese Oase? […] Ich würde es gern wie die Großen machen, […] aber ich kann nicht, ich kann nicht. Geld kann alles, ich kann nichts. Ich kann ja nicht einmal nach Irland fahren, wo meine Dichterkollegen so lang überhaupt keine Steuern gezahlt haben, die Glücklichen!
(Aus: Elfriede Jelinek – Angabe der Person)

Ein Alterswerk, das vor allem Jelinek-Fans gefallen wird

So weit, so gut also. Nur dass all das endlos anmutende Kalauern, Sudern und Assoziieren beim Lesen auf die Dauer ganz schön anstrengt und ermüdet. Zumal es weder hilft, den globalen Finanzwahnsinn besser zu verstehen, noch an die sprachliche Radikalität früherer Werke der Autorin wie „Lust“ oder „Die Kinder der Toten“ heranreicht.

„Angabe der Person“ ist ein klassisches Spätwerk, an dem vor allem Jelinek-Fans ihre Freude haben dürften. Allen anderen hilft vielleicht der Hinweis, dass sich Jelineks Suada und Lamento am besten in kleinen Dosen genießen lässt. Oder auf der Bühne, wo natürlich auch dieser Text bald landen wird.

Film „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ – Kinoportrait der Literaturnobelpreisträgerin

Elfriede Jelinek gehört zu den renommiertesten und zugleich wohl umstrittensten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Lange Jahre in Österreich als „Skandal-Autorin“ geschmäht, erhielt sie 2004 den Literatur-Nobelpreis für ihr Werk. Seitdem hat sich die 75-Jährige aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, schockiert von den negativen Reaktionen auf ihre Auszeichnung in der Heimat. Die Regisseurin Claudia Müller würdigt die scheue Künstlerin mit der Kinodoku „Die Sprache von der Leine lassen“, die beim Filmfest München Premiere feierte.

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