Spirituelle Influencerinnen

#WitchTok: Eine junge Generation von Hexen beschwört auf TikTok das Übersinnliche

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AUTOR/IN
Lydia Huckebrink
Lydia Huckebrink, Autorin SWR Kultur (Foto: SWR, Foto: Lydia Huckebrink)

Junge Frauen, die sich als Hexen oder „Wiccas“ bezeichnen, praktizieren auf TikTok Zaubersprüche und legen Tarotkarten. Hinter der okkulten Esoterik mit dem Hashtag #WitchTok verbirgt sich ein massentauglicher Self-Care-Trend, in dem auch ein Funken Feminismus steckt.

Eine Frau im dunklen Look mit brennender Kerze im Wald (Foto: picture-alliance / Reportdienste,  Zoonar | Dasha Petrenko)
TikTok-Hexen sind die spirituellen Influencerinnen der Gen-Z.

Gemahlene Eierschalen für den Schutzzauber

Tiktokterin Casper zeigt, was man für einen Schutzzauber braucht: gemahlene Eierschalen, Rosmarin, schwarzen Pfeffer, den Stein Achat. Ein Lorbeerblatt, auf das sie vorher eine Rune kritzelt.

Alles kommt in ein Gläschen, das sie mit schwarzem Wachs versiegelt und vorher gründlich ausgeräuchert hat. Fertig ist der Talisman, der vor schwarzer Magie beschützen soll.

Auf TikTok wimmelt es von Hexen

TikTok ist voll von Hokuspokus-Content wie diesem. Der Hashtag #WitchTok wird milliardenfach geklickt. Creator*innen sind meist junge Frauen wie Casper, die sich selbst als Hexen oder „Wiccas“ bezeichnen.

In kurzen Clips zeigen sie, was es braucht, um selbst eine Hexe zu sein und die eigene Energie zum Leben zu erwecken. Denn die Gabe zur Magie schlummere in jeder Frau, so das Credo auf TikTok.

Schwarze Magie für Fortgeschrittene

Fortgeschrittene Hexen stellen auf der Plattform ihre magischen Fähigkeiten unter Beweis. Eine echte „Wicca“ kann eine Kerze selbstverständlich durch pure Willenskraft zum Erlöschen bringen – dank ihrer spirituellen Macht.

Besonders bildstark inszeniert werden aber die Spielereien mit schwarzer Magie: Räucherstäbchen, Totenköpfe, tropfende Kerzen mit rätselhaften Runen bilden die Kulisse für satanische Experimente. Zu bedrohlicher Musik werden allerhand Pulver zusammengemischt und angezündet, bis schließlich alles in Flammen aufgeht.

Die Hexen-Gemeinschaft ist vielfältig

Die #Witchtok-Community ist vielfältig. Es gibt die unterschiedlichste Strömungen innerhalb der Hexen-Gemeinschaft. Einigen geht es um den eigenen Vorteil, sie hantieren mit Liebeszaubern oder beschwören Geld und gute Noten.

Andere bezeichnen sich als Kräuterhexen, besinnen sich auf das "alte Wissen", Naturheilkunde und die vermeintlich verloren gegangene Intuition.

Wieder andere geben Einblick in Numerologie, oder zeigen, wie man Tarot-Karten liest, meditiert oder einen Raum von negativer Energie reinigt.

Die Ansätze sind vielfältig, doch das Ziel ist überall das gleiche: Allen geht es darum, Kontrolle auszuüben – auf die Gegenwart und auf die eigene innere Kraft. Sie wollen Orientierung bieten und sich mit der Natur und dem Überirdischen verbinden.

#Witchtok ist Self-Care im Esoterik-Gewand

Schwarze Magie lehnen die meisten WitchToker*innen ab. Ihnen geht es nicht um Selbstbereicherung sondern darum, Positivität, Selbstfürsorge und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. So wie Shisha Rainbow, der erfolgreichsten WitchTokerin Deutschlands.

Die junge Frau mit den bunten Haaren hat die Augen geschlossen, ihr Gesicht ist pink ausgeleuchtet, die Hände gestikulieren still in der Luft. „Energiearbeit“ nennt sie das. „Deine Gefühle sind berechtigt. Nur durch sie kannst du heilen“, gibt sie der Community mit auf den Weg. Ihre Follower*innen sind begeistert. „Ich habe direkt angefangen zu weinen“, kommentiert eine.

Man mag das als Quacksalberei oder Gefühlsduselei abtun. Doch die Achtsamkeits-Szene, die sich einer ähnlich großen Fangemeinde erfreut, wie die jungen Hexen auf TikTok, arbeitet mit ganz ähnlichen Glaubenssätzen.

Gesellschaft Jung, spirituell, online – Sinnsuche auf Social Media

Moderne Gurus auf Social Media erreichen hunderttausende User*innen. Für manche ist es eine erfolgreiche Geschäftsidee, die offenbar einen Nerv trifft: Spirituelle Orientierung in einer komplexer und bedrohlicher wirkenden Welt. Wie passen Social Media und Spiritualität zusammen? Und was suchen junge Menschen in spirituellen Angeboten?

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Mit Kristallkugeln gegen das Patriarchat

„Ich renne nicht nach, ich ziehe an; alles was soll, in meinen Bann“, vermittelt die Tiktok-Hexe Shisha Rainbow mantra-artig in einem anderen Clip. Affirmationssätze für mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen im Leben – eine Lektion in positivem Denken für die Gen-Z.

Und mehr noch: In dem Hexen-Hype steckt auch ein Funken Feminismus, wenn auch eingehüllt in eine Weihrauch-Wolke. Schließlich geht es bei #WitchTok immer um Selbstermächtigung, und junge Frauen sind die Zielgruppe.

Dabei gibt es auch einige Männer, die sich auf TikTok mit okkulter Spiritualität hervortun. Auch die queere Community ist bei #WitchTok breit vertreten. Das Credo: Jede*r kann die oder den „Wicca“ in sich zum Leben erwecken.

Esoterik als Geschäftsmodell

Vorausgesetzt, man investiert viel Zeit auf TikTok und hat das nötige Kleingeld. Denn die Hexen-Gadgets sind zahlreich: Tarotkarten, Steine und Mineralien, Gewürze und Kräuter, Amulette, Gläschen, Kerzen in verschiedenen Farben und Formen sind Voraussetzungen für erfolgreiche Zaubereien.

Es steckt also auch enormes Shopping-Potential in dem Trend. Es gibt regelrechte Hexen-Influencerinnen, die auf Tiktok die beliebten Hexen-Accessoires vermarkten.

Auch Shisha Rainbow hat es geschafft, den Trend zu Geld zu machen. In ihrer „Hexenschule“ bietet sie Magie-Kurse für Nachwuchs-Hexen an. Ihr erstes Buch ist erst vor ein paar Monaten erschienen. „Witch Power“ heißt es – ein „Grundlagenwerk der modernen Hexenkunst“. Es ist längst ein Bestseller.

Das bisschen Magie für den Alltag

Menschen streben naturgemäß nach Spiritualität, Heilung und dem tieferen Sinn im Leben. Sich in eine Hexe zu verwandeln, erfüllt den tristen Alltag zusätzlich mit Magie und Bedeutung – wer fände das nicht spannend?

Dass sich Trends blitzschnell kommerzialisieren, auch daran hat man sich im Social-Media-Zeitalter längst gewöhnt. Bleibt die Frage, ob der Hexen-Hype über seine TikTok-Bubble hinaus die Massen mobilisiert – oder ob er so schnell wieder vergeht wie er gekommen ist.

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