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Schwuler Frauenheld: „Rex Gildo – der letzte Tanz“ von Rosa von Praunheim

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AUTOR/IN
Julia Haungs

In den 1960er und 70er Jahren war Rex Gildo einer der größten deutschen Schlagerstars. Ein braun gebrannter Sonnyboy, der die Frauenherzen eroberte, selbst aber heimlich Männer liebte. Diese Lebenslüge stellt Rosa von Praunheim ins Zentrum seines halbdokumentarischen Spielfilms und erzählt dabei zugleich viel über die Geschichte des Schwulseins in der Bundesrepublik.

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Die Kunstfigur Rex Gildo formte der Manager

Immer braun gebrannt, die Zähne strahlend weiß, das dichte Haar bis ins hohe Alter pechschwarz. Was den Schlagersänger Rex Gildo zum Ende seiner Karriere aussehen lässt wie seine eigene Karikatur, macht am Anfang seinen umwerfenden Charme aus. Der Manager Fred Miekley entdeckt den jungen Dekorateur Ludwig Franz Hirtreiter in den 1950er Jahren und formt ihn zur Kunstfigur Rex Gildo.

 

Filmstill (Foto: missingFILMs)
Er sah blendend aus, konnte singen und tanzen, verkaufte 40 Millionen Schallplatten, wirkte in über 30 Filmen mit, und „Fiesta Mexicana“ konnte jedes Kind mitsingen. (Kilian Berger als der junge Rex Gildo und Sidsel Hindhede als Gitte Hænning) missingFILMs Bild in Detailansicht öffnen
Rex Gildo war ein deutscher Star. Doch dass er und sein Manager/Entdecker/Ziehvater Fred Miekley über Jahrzehnte ein Liebespaar waren, wussten nur engste Vertraute. missingFILMs Bild in Detailansicht öffnen
Es gab viele Gerüchte um die heimliche Homosexualität von Rex Gildo. Seine Karriere begann, als der § 175 Homosexuelle kriminalisierte. Erst 1969 wurde das Gesetz gegen Schwule liberalisiert, aber die Vorurteile der Gesellschaft hielten sich noch sehr lange. missingFILMs Bild in Detailansicht öffnen
Rex Gildo wurde von Fred Miekley (Ben Becker), seinem Entdecker, Manager und heimlichen Liebhaber zu einem Frauenliebling aufgebaut und zur Heirat mit seiner Cousine gedrängt, um Pressegerüchten zuvorzukommen. missingFILMs Bild in Detailansicht öffnen
Halb fiktional, halb dokumentarisch erzählt Rosa von Praunheim Rex Gildos Leben als die tragische Geschichte eines Unterhaltungskünstlers, der sich in der repressiven Öffentlichkeit der 1950er und 60er Jahre zu einem Doppelleben gezwungen glaubte und auch später nie den Ausbruch aus seinem Versteck wagte. missingFILMs Bild in Detailansicht öffnen

Rosa von Praunheim thematisiert die Lebenslüge von Rex Gildo

Schon bald ist Gildo ein Teenie-Idol, spielt in zahlreichen Filmen an der Seite von Conny Froboess und startet eine steile Karriere als Schlagersänger. Offiziell ist der deutlich ältere Miekley nur Gildos Manager, privat sind die beiden bis zu Miekleys Tod 1988 ein Paar.

„Was mich an dem Stoff reizte, war aufzuzeigen, wie schwierig es in den 50er und 60er Jahren für Schwule war, ihre Liebe auszuleben. Besonders für Menschen in der Öffentlichkeit bedeutete es ein Leben voller Heimlichkeit, Versteckspiel und Lüge.“

In seinem halbdokumentarischen Spielfilms setzt Regisseur Rosa von Praunheim gewollt künstliche Spielszenen in gemalten Kulissen neben Archivbilder und Interviews mit Weggefährten aus der Schlagerbranche von Costa Cordalis über Bernhard Brink bis Cornelia Froboess. Es sei schnell klar gewesen, dass sich der Frauenschwarm Rex nicht wirklich für Frauen interessierte, erinnert sich seine Gesangs- und Flirtpartnerin Gitte Haenning.

„Wir spielten ein Paar, weil das Liebeslieder waren. Und wir müssen offensichtlich sehr überzeugend gewesen sein. Dass man darüber schrieb, dass wir tatsächlich ein Paar waren.“

 Scheinheirat mit der Cousine

Rosa von Praunheim bettet die Lebensgeschichte des Schlagerstars ein in das Gesellschaftspanorama der Bundesrepublik. Gildos Karriere beginnt in den repressiven 50ern. Da ist Homosexualität noch strafbar. 1969 wird der Paragraph 175 liberalisiert. Viele Schwule kämpfen für ihre Rechte, allen voran Rosa von Praunheim mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Rex Gildo erlebt seine Situation aber offenbar weiter als so schwierig, dass er 1974, um den Anschein zu wahren, seine Cousine heiratet. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht fürchtet er die Reaktion seiner Fans.

 

Filmstill (Foto: missingFILMs)
Nach Miekleys Tod bekam Gildos Karriere tiefe Risse. Er wurde tablettensüchtig und hatte Alkoholprobleme. 1999 stürzte er aus dem Fenster seiner Münchner Wohnung, er wurde 63 Jahre alt. (Kai Schumann als älterer Rex Gildo) missingFILMs

Alkohol und Tabletten führen zum endgültigen Absturz

In den 1990ern endet Gildos Karriere mit Auftritten in Möbelhäusern. Er beginnt zu trinken, ist tablettensüchtig. 1999 stirbt er nach einem Sturz aus dem Badezimmerfenster. Mit seinem essayartigen Biopic erkundet von Praunheim, wie schmerzhaft es sein muss, sich ein Leben lang selbst zu verleugnen. Ein Thema, das bis heute bedrückend aktuell ist. Die Schlagerbranche mag inzwischen diverser sein. In Männerdomänen wie dem Fußball sieht es aber auch 23 Jahre nach dem Tod von Rex Gildo trostlos aus.

 Trailer "Rex Gildo-Der letzte Tanz", ab 29.9. im KIno

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Julia Haungs