Im Schatten eines amerikanischen Mythos

Sofia Coppolas „Priscilla“: Emanzipation an der Seite von Elvis Presley

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Priscilla Presley war die Frau an der Seite des King of Rock'n'Roll, die kindliche Kaiserin von Graceland. Doch ihre Ehe mit Elvis machte die junge Frau vor allem einsam. Sofia Coppolas neuer Film „Priscilla“ holt sie aus dem Schatten des Popstars.

Zu Elvis sagt man nicht Nein

In ihrem neuen Film „Priscilla" erzählt die Amerikanerin Sofia Coppola von einer erst 14-jährigen Teenagerin, die selbst nicht genau weiß, warum sich ein zehn Jahre älterer, berühmter Rockstar für sie interessiert. Aber weil es sich um Elvis Presley handelt, sagt man nicht Nein.

Nach zwei Jahren keuscher Distanzbeziehung ziehen die beiden zusammen. Doch eine grundsätzliche Distanz, die nicht nur etwas mit dem Altersunterschied zu tun hat, bleibt weiter bestehen.

Filmstill (Foto: A24/ Mubi)
Die vierzehnjährige Priscilla Beaulieu (Cailee Spaeny) lebt mit ihrer Familie auf einem US-Militärstützpunkt in Deutschland. Sie wird auf eine Party des zehn Jahre älteren Elvis Presley eingeladen. Bild in Detailansicht öffnen
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1959 ist Elvis (Jacob Elordi) schon ein Star und offensichtlich fasziniert von dem jungen Mädchen. Er wird Priscillas erste große Liebe. Bild in Detailansicht öffnen
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Elvis kehrt nach seinen Militärdienst zurück in die USA. Der Briefwechsel bleibt spärlicher, doch dann wird Priscilla eingeladen, den Musiker auf seinem Luxusanwesen Graceland zu besuchen. Bild in Detailansicht öffnen
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Als Priscilla den Superstar schließlich heiratet, lernt sie die Schattenseiten des Lebens mit Elvis kennen, der unsichere und narzisstische Züge trägt und Ehebruch für normal hält. Bild in Detailansicht öffnen
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Sofia Coppolas Film konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen Priscillas Ankunft in Graceland bis zu ihrer Abreise, als sie sich 14 Jahre später von Elvis trennt. Es geht um Manipulation, Kontrolle und eine letztlich ziemlich ungesunde Beziehung. Bild in Detailansicht öffnen
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Regisseurin Sofia Coppola zeigt in „Priscilla" eine Frau im goldenen Käfig. Nur ist diese am Anfang mehr oder weniger noch ein Kind, und so ist der Film teils Biografie, teils Coming-of-age-Story. Bild in Detailansicht öffnen
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Der Film zeigt vorallem die Entwicklung eines meist isolierten, einsamen jungen Mädchens hin zu einer selbstbestimmten Frau. Bild in Detailansicht öffnen
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Vorlage des Films ist Priscilla Beaulieu Presleys Buch „Elvis and Me“. „Es war das erste Mal, dass ich einen Film über eine Person gemacht habe, die noch am Leben ist und der ich Fragen stellen konnte“, erzählt Coppola. Bild in Detailansicht öffnen
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Regisseurin Sopia Coppola: „Es ist eine universelle Story, es geht um Dinge, die alle Frauen erleben: eine neue Schule, der erste Kuss, Mutter werden. Ich wollte einfach die menschliche Seite der Geschichte zeigen, hoffentlich so wahrheitsgetreu wie möglich." Bild in Detailansicht öffnen

„Priscilla“ ist vor allem ein typischer Coppola-Film

Wüsste man nicht, dass sich dieser Film eng an die Autobiografie von Priscilla Presley, die Ex-Frau des „King“ anlehnt, wäre das auch nicht weiter schlimm. Denn „Priscilla“ ist vor allem ein typischer Coppola-Film: Keine brave Illustration von Fakten, sondern die klug-empathische Meditation über die universelle Einsamkeit junger Mädchen.

Zwischen Graceland, dem luxuriösen Anwesen der Presleys, und den Schauplätzen Coppolas anderer Filme – Versailles, das „Park Hyatt Hotel“ in Tokio und das „Chateau Marmont“ in Los Angeles – ist kein großer Unterschied. Dieser Film ist auch eine Feier des Luxus, des schönen Lebens und der Abwesenheit von schlichten, psychologischen Kurzschlüssen.

Filmstill (Foto: A24/ Mubi)
Sofia Coppolas Film konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen Priscillas Ankunft in Graceland bis zu ihrer Abreise, als sie sich 14 Jahre später von Elvis trennt. Es geht um Manipulation, Kontrolle und eine letztlich ziemlich ungesunde Beziehung.

Priscilla emanzipiert sich in Graceland

In Coppolas Kino gibt es immer ähnliche geschlossene Orte, fast freiwillige Trennungen, aber normalerweise neigen die Protagonisten der Filme dazu, ihren Ort der Gefangenschaft bis zum Ende des Films nicht zu verlassen. In Graceland findet der Entwicklungsprozess der Figur statt: Intim, diskret, respektvoll und sehr persönlich.

Wobei die Kamera mit den Augen und Gesichtern der beiden Hauptfiguren jeden noch so kleinen Gesichtszug zeigt. Elvis ist ein Mann, ein Ehemann, verletzlich, unfähig, auf seine Frau zu hören, zugleich dominiert von seinem Vater und seinem Manager. Gehüllt in perfekte pastellfarbene Kostüme und wunderbare Pop-Musik, die nur selten von Elvis stammt, sondern zeitgenössischer Pop ist, wird dieser Film erzählt.

Filmstill (Foto: A24/ Mubi)
1959 ist Elvis (Jacob Elordi) schon ein Star und offensichtlich fasziniert von dem jungen Mädchen. Er wird Priscillas erste große Liebe.

Cailee Spaeny und Jacob Elordi überzeugen als Priscilla und Elvis

Getragen wird alles auch von der exzellenten, bisher wenig bekannten Cailee Spaeny in der Titelrolle. Sie und Jacob Elordi als Elvis sind zwei der größten Stärken des Films. Sie sind wie Priscilla- und Elvis-Doubles aus einem Paralleluniversum, denen sie nicht einmal allzu sehr ähneln.

In ihnen verbindet sich extreme Natürlichkeit mit einer Art Undurchdringlichkeit, auch untereinander. Fast wie in einer realen Version von Ken und Barbie und einem unfreiwilligen, aber wichtigen Echo auf „Barbie“ von Greta Gerwig.

Spaenys Heldin ähnelt auch auf subtile Weise einer der selbstmörderischen Jungfrauen aus Coppolas Debüt „The Virgin Suicides“, aber der unmittelbare Vorgänger von „Priscilla“ ist „Marie Antoinette“: auch ein Biopic über eine unerfahrene Heldin, die sich in ein wunderschönes Leben stürzt, in dem sie Kuchen statt Brot isst.

Mit künstlichen Wimpern in die Entbindungsklinik

Coppolas visueller Ansatz wird durch den gesamten Stil des Films unterstützt – betont dekorativ, vollgestopft mit farbenfrohen Artefakten. Die wichtigsten Veränderungen, die Priscilla in Graceland erlebt, sind eine neue Garderobe, ungewöhnliche Frisuren und Make-up. Selbst wenn sie in die Entbindungsklinik geht, klebt sie ihre Wimpern auf.

Aber das ist keine Oberflächlichkeit, sondern eine bewusst gewählte Methode und das eigentliche Thema aller Coppola-Untersuchungen. Die Regisseurin versucht nicht, hinter die glänzende Hülle von Elvis zu schauen, denn sie will zeigen, dass er nur aus dieser Hülle besteht.

Trailer „Priscilla“ von Sofia Coppola, ab 4.1.24 im Kino

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