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Hinterzimmersex und Blitzlichtgewitter: „Blonde“ inszeniert Marilyn Monroe als Hollywood-Opfer

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Karsten Umlauf

Marilyn Monroe, der wohl größte Filmstar ihrer Zeit, starb 1962 unter nicht ganz geklärten Umständen mit 36 Jahren an einer Überdosis Tabletten. Bis heute fasziniert an ihr dieses Ende, ihre unfassbar glamouröse Karriere und der Umstand, dass sie zeitgleich ein sehr unglücklicher Mensch war. Die Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat der als Norma Jean Baker geborenen Monroe vor über 20 Jahren einen Roman gewidmet. Verfilmt hat ihn Netflix mit der sehr überzeugenden Ana de Armas als Marilyn.

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Zum Geburtstag ein Blick auf das Foto des Vaters

Zum Geburtstag bekommt die kleine Norma Jean von ihrer Mutter eine Erinnerung geschenkt. Ein Blick auf ein Foto ihres Vaters, das sich ihr für immer einbrennt. Als ihre Mutter etwas später in eine Nervenheilanstalt kommt, kurz nachdem sie versucht hat Norma Jean umzubringen, ist diese Erinnerung ihr einziger Halt. Die Suche nach einer Vaterfigur wird zu einem ihrer großen Lebensthemen.

Filmstill neu (Foto: Netflix)
Der auf dem Erfolgsroman von Joyce Carol Oates basierende Film „Blond“ erfindet das Leben einer der größten Legenden Hollywoods neu: Marilyn Monroe. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Der Film erzählt von Marylin Monroes schwieriger Kindheit als Norma Jeane über ihren Aufstieg zum Star und ihre romantischen Verstrickungen. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
„Blond“ lässt bewusst die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Damit wird die immer größer werdende Kluft zwischen Privatmensch und öffentlicher Figur sichtbar. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Die Hauptrolle in dem Film unter der Regie und nach einem Drehbuch von Andrew Dominik spielt Ana de Armas. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Sich vorzustellen, was hinter verschlossenen Türen passiert sein könnte, gab Drehbuchautor und Regisseur Andrew Dominik die Gelegenheit, in Monroes innere Psyche einzutauchen. „Sie ist zutiefst traumatisiert, und dieses Trauma erfordert eine Trennung zwischen einem öffentlichen Selbst und einem privaten Selbst, was die Geschichte aller ist, aber mit einer berühmten Person, die sich oft öffentlich abspielt, auf eine Weise, die zusätzliches Trauma verursachen kann“... Netflix Bild in Detailansicht öffnen
„...Der Film beschäftigt sich sehr mit der Beziehung zu sich selbst und zu dieser anderen Persönlichkeit, Marilyn, die sowohl ihre Rüstung als auch das Ding ist, das sie zu verzehren droht.“ Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Ähnlich wie der Roman stellt Blonde akribisch ikonische Momente aus Monroes Leben und Karriere nach – einschließlich ihrer atemberaubenden Darbietung von „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“ in Howard Hawks Musical Gentlemen Prefer Blondes aus dem Jahr 1953. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
„Wir haben fast ein Jahr lang jeden Tag stundenlang an diesem Film gearbeitet“, erinnert sich de Armas. „Ich habe Joyces Roman gelesen, Hunderte von Fotos, Videos, Tonaufnahmen, Filmen studiert – alles, was ich in die Finger bekommen konnte. Jede Szene ist von einem bestehenden Foto inspiriert. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Die erste Frage war immer: "Was fühlte Norma Jeane hier?" Wir wollten die menschliche Seite ihrer Geschichte erzählen. Der Ruhm hat Marilyn zur sichtbarsten Person der Welt gemacht, aber er hat Norma auch zur unsichtbarsten gemacht," erinnert sich Ana de Armas. Netflix Bild in Detailansicht öffnen

Buchvorlage von Joyce Carol Oates

„Blonde“ ist keine Filmbiographie im klassischen Sinn. Eine "literarische Verdichtung" hat es Joyce Carol Oates genannt. Und 1000 Seiten geschrieben, die auch viel Fiktionales enthalten. Es ist auch die Verdichtung des amerikanischen Aufstiegsmärchens, nur in einer düsteren Version.

Der Film erzählt Kindheit, Waisenhaus, die Anfänge als Pinup-Girl denkbar knapp bevor er sich zum ersten Mal in eine Art szenischen Stream of Consciousness stürzt: die ersten Schauspielworkshops, unsicheres Vorsprechen, das Scheitern an männlichen Erwartungen.

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„Blonde“ lässt bewusst die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen. Netflix

Hollywoods Studiosystem übernimt die Karriereplanung

Marilyn Monroe wird schließlich zu ihrem Pseudonym, zu der Rolle, die Norma Jean Baker vom klassischen Hollywood Studiosystem zugewiesen wird und die sie immer wieder angenommen hat. Eine Kunstfigur, die Männerfantasien bedient und die Kamera liebt. Im Lauf der Zeit wird der Einsatz von Maske, Alkohol und Drogen immer höher, weil sie ihre Rolle mehr und mehr hasst. Aber sie besitzt nicht die Stärke, sie sich ausreichend vom Leib zu halten.

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Damit wird die immer größer werdende Kluft zwischen Privatmensch und öffentlicher Figur sichtbar. Netflix

Regisseur Andrew Dominik schrammt stellenweise hart am Kitsch vorbei

Der Film von Andrew Dominik dringt immer tiefer in diese Persönlichkeitsspaltung und ihre emotionalen Verwundungen ein. Er ist stellenweise schwer erträglich, explizit und scheint die Kamera ganz bewusst als Komplizin von Missbrauch und Zwangsabtreibung vorzuführen.

Zwischenzeitlich schrammt er hart am Kitsch vorbei und inszeniert Marilyn insgesamt etwas zu einseitig als Opfer eines Filmbetriebs, der zwischen Hinterzimmersex und explodierenden Blitzlichtern einen Menschen unbarmherzig vor sich hertreibt.

Ana de Armas glänzt als Marilyn Monroe

Ein Ereignis ist Schauspielerin Ana de Armas, sie schafft es in atemberaubender Weise, dem Original täuschend nah zu kommen und ihr im nächsten Moment eine ängstliche Zerbrechlichkeit zu verleihen, beseelt vom Wunsch, selbst Mutter zu werden, dann wieder in verzweifelter Einsamkeit, kindlich verloren, taumelnd bis über den Abgrund.

Filmstill neu (Foto: Netflix)
„Wir wollten die menschliche Seite ihrer Geschichte erzählen. Der Ruhm hat Marilyn zur sichtbarsten Person der Welt gemacht, aber er hat Norma auch zur unsichtbarsten gemacht.“ (Ana de Armas) Netflix

Filmbilder voller Trauer und Tragik

Es liegt viel Traurigkeit und Tragik in den Bildern, aber auch viel Abstraktion, weil sich der Film die ikonischen Marilyn-Motive anverwandelt. Vom hochfliegenden weißen Kleid aus dem „Verflixten 7. Jahr“ bis hin zu den letzten Nacktbildern, mit selbstbewussten filmischen Mitteln.

Da mutiert ein Laken zu einem reißenden Wasserfall, grelle schwarzweiß-Kontraste treffen auf Weichzeichner-Glücksmomente oder alles verschwindet in einem akustischen Sog.  Damit versucht „Blonde“ nicht in erster Linie, der historischen Marilyn Monroe gerecht zu werden. Aber er verschafft ihrem Mythos etwas Luft zu atmen.

Trailer "Blonde", ab 28.9. auf Netflix

Zeitwort 5.8.1962: Marilyn Monroe wird tot aufgefunden

Die Schauspielerin und Sängerin Marilyn Monroe war das Sexsymbol schlechthin des 20. Jahrhunderts. Ihr Tod ist legendenumwoben. Ehemann Arthur Miller erklärte es so: „Sie war Marilyn Monroe, und genau das brachte sie um.“

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