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„Axiom“ von Jöns Jönsson: Hervorragendes Thriller-Kino

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Rüdiger Suchsland

Julius, ein junger allseits beliebter Museumsmitarbeiter, lädt seine Arbeitspartner zu einer Bootsfahrt mit seiner aristokratischen Familie ein. Dabei stellt sich heraus, Julius ist nicht der, der er zu sein scheint. Der schwedische Regisseur Jöns Jönsson erzählt in seinem zweiten Spielfilm die spannende Geschichte eines Hochstaplers als Mischung aus Drama, Thriller und absurder Komödie.

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Kein banaler Durchschnittmann

Julius ist nur auf den ersten Blick ein banaler Durchschnittsmensch, bald erkennt man, dass in dem Wachmann im Museum mehr steckt. Doch schon nach wenigen Szenen dieses Films sind merkwürdige Verhaltensweisen erkennbar: Julius bekommt sonderbare Wutanfälle, er erzählt bizarre Geschichten, die er angeblich mit seiner Mutter erlebt hat und er verteidigt kompromisslos seine Ideen und Entscheidungen.

Filmstill (Foto: Filmperlen)
Angeblich führt Julius ( Moritz Treuenfels) ein tolles Leben, auch wenn wir es nie in Bildern sehen. Es besteht ein grundlegender Abstand zwischen Behauptung und Bild, zwischen Traum und vollendeter Tatsache. Filmperlen

Hochstabler des Alltags

Julius lügt schlicht und einfach, er ist ein Hochstapler des Alltags. Insbesondere gibt es zahllose frustrierend gescheiterte Projekte: ein Luxusausflug, ein Praktikum, ein beendetes Zusammenleben mit Mitbewohnern, und seine Beziehung. Regisseur Jöns Jönsson vermeidet es, dem Publikum diesen Faktor von vornherein vor Augen zu führen, indem er darauf achtet, seine Hauptfigur nicht zu diffamieren.

Filmstill (Foto: Filmperlen)
Auch seine Freundin Marie (Ricarda Seifried) merkt im Verlauf der Geschichte, dass sie nicht wirklich weiß wer Julius ist. Filmperlen

„Axiom" ist gleichzeitig Drama, Spannung und absurde Komödie

Was beim Zuschauen bald vor allem interessiert, sind die rätselhaften Wurzeln dieses Verhaltens. Wie weit kann Julius seine leicht nachprüfbare Unwahrheiten aufrechterhalten? Der Film schafft es eine Mischung aus psychologischer Spannung und absurdem Theater zu erzeugen. Alle amüsieren sich über die Geschichten des Protagonisten, alle leiden unter der Entdeckung der Fälschungen mehr als unter diesen selbst.

Keine Erlösung für den Helden in Sicht

Regisseur Jönsson vermeidet es konsequent, zu werten und Bösewichte zu schaffen oder eine Erlösung für den Helden mit zweideutiger Moral zu propagieren. Er konzentriert sich lieber auf die Wege, die Julius immer wieder findet, um seine Autofiktion aufrechtzuerhalten - die Abwesenheit eines Urteils ist einer der beunruhigendsten, aber auch befriedigendsten Aspekte des Films.

Hervorragendes Thriller-Kino

So ist dieser Film hervorragendes Thriller-Kino, das sich absolut auf der Höhe der Zeit bewegt. Wir leben in einer Epoche der medialen Fehlinformationen und Fake News: Obwohl Julius keinen politischen Gewinn aus der Verbreitung seiner Geschichten zieht, steht er für ein zwanghaftes Verlangen nach Fiktion, eine ungesunde Tendenz, Fakten und Wahrheit zugunsten von Meinungen zu verdrängen.

Wenn die Welt so sein kann, wie ich sie haben will, warum sollte man sich dann mit einer langweiligen Routine zufrieden geben?

Trailer „Axiom“, ab 30.6.im Kino

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