Theater

Lust und Frust – Katharina Stoll zeigt am Badischen Staatstheater „Spring Awakening“ nach Frank Wedekind

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AUTOR/IN
Marie-Dominique Wetzel

Die Autorin und Regisseurin Katharina Stoll hat Frank Wedekinds berühmtes Drama „Frühlings Erwachen“ neu überschrieben und die Figuren ins Heute versetzt. Auch wenn in ihrer Neufassung „Spring Awakening“ am Schluss keiner sterben muss: Heranwachsen ist auch heute kein Zuckerschlecken!

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Zwei Teenager zwischen Desillusion und tiefer Sehnsucht

Die Unterschiede sind auf den ersten Blick klar. Die Mutter trägt knallorange, ihre Teenagertochter am liebsten blasses Beige. Da knallen nicht nur unterschiedliche Geschmäcker, sondern zwei sehr verschiedene Lebenseinstellungen aufeinander.

In der Neufassung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“, in „Spring Awakening“ von Katharina Stoll ist die Mutter eine aufgeklärte, selbstbewusste Frau während ihre Tochter Wendla ziemlich verklemmt ist. Als ihr Klassenkamerad Melchior bei ihr zu Hause auftaucht, herrscht erst einmal peinliches Schweigen zwischen den Jugendlichen. Der erste Annäherungsversuch endet darin, dass sich Melchior aufs Klo verdrückt, um sich selbst zu befriedigen.

Doch die beiden Teenager merken schnell, dass sie beide zwischen Desillusionierung und tiefer Sehnsucht schwanken.

Spring Awakening am Badisches Staatstheater Karlsruhe (Foto: Pressestelle, Foto: Felix Grünschloss)
Mutter und Tochter könnten kaum unterschiedlicher sein: Unten Wendla (Soraya Bouabsa), oben ihre Mutter Lulu (Ute Baggeröhr).

Die Eltern sind auch keine Hilfe

Doch der erste Sex mit Melchior ist für Wendla ernüchternd. Als sie ihrer Mutter davon erzählt, kommt die richtig in Fahrt und erklärt ihrer Tochter erst einmal, dass sie völlig falsche Vorstellungen von weiblicher Sexualität und keine Ahnung von ihrer eigenen Lust habe.

Die beiden Rollen, die der Mutter und der Tochter erscheinen anfangs etwas holzschnittartig: hier die aufgeklärte, freizügige Mutter, dort die verklemmte, angepasste Tochter. Aber im Verlauf des Stücks bekommen die Figuren mehr Tiefe. Die Tochter überrascht mit philosophischen Gedankenspielen zu Glück und Freiheit und von der Mutter erfahren wir, dass ihr das Leben einiges zugemutet hat und sie deswegen zur feministischen Kämpferin wurde. Zum Beispiel wegen Männern wie dem Vater von Melchior, der auch mit 60 noch meint, junge Frauen angrapschen zu müssen.

Kein Wunder, dass Melchior nicht so recht weiß, wie er sich als Mann verhalten soll, auf keinen Fall will er aber so eine Ausgeburt toxischer Männlichkeit werden wie sein Vater.

Spring Awakening am Badisches Staatstheater Karlsruhe (Foto: Pressestelle, Foto: Felix Grünschloss)
Wendlas Mutter, die Sextherapeutin Lulu (Ute Baggeröhr), macht ihr Druck, sich als kämpferische Frau behaupten zu müssen und Melchiors Vater (André Wagner) ist ein abschreckendes Beispiel an toxischer Männlichkeit.

Alle bekommen ihr Fett weg

In der Neufassung von „Spring Awakening“, die die Regisseurin Katharina Stoll gemeinsam mit dem Schauspielensemble des Badischen Staatstheaters erarbeitet hat, bekommen letztendlich alle ihr Fett weg. Und immer wenn der Text droht, pädagogisch zu werden, kippt die Szene ins Groteske.

Am Ende gehen Wendla und ihre Freundin im Dunkeln schwimmen. Melchior hat Angst und beklagt sich, dass das mit der Liebe heute alles so kompliziert sei. Die Freundinnen hören ihm da schon nicht mehr richtig zu, sie erfreuen sich an ihrer neu erwachten Lust.

Seit Frank Wedekind 1891 die literarische Vorlage, sein Stück „Frühlings Erwachen“, geschrieben hat, hat sich einiges getan. Aber so aufgeklärt, liberal und gleichberechtigt wie oft behauptet, ist unsere Gesellschaft auch heute noch nicht. Und auch wenn in Katharina Stolls jetziger Fassung keiner der Jugendlichen mehr unter der bigotten Gesellschaft zerbricht und sterben muss: Das Heranwachsen in unserer Zeit ist auch alles andere als ein Zuckerschlecken!

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Marie-Dominique Wetzel