Ist das Mikrobiom des Darms gestört, kann es zu Beschwerden wie z.B. Bauchschmerzen kommen.  (Foto: IMAGO, imago images / Panthermedia)

Reizdarm-Diagnose oft nicht einfach

Was hilft bei Reizdarm-Syndrom?

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Hanns Lohmann
Hanns Lohmann (Foto: SWR)
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Welchen Einfluss hat die Psyche auf die Verdauung? Können Stress oder Ängste Reizdarm-Symptome auslösen? Neuste Forschungen aus den USA bestätigen den Zusammenhang von Darmentzündungen und Stress.

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Das hat auch die Arzneimittel-Industrie für sich entdeckt und bewirbt verstärkt Medikamente gegen Reizdarm. Wir haben mit dem Gastroenterologen Dr. Michael Krichbaum aus Trier darüber gesprochen, welche Gefahren das bergen kann und klären auf über die notwendige Diagnostik, Ursachen und Behandlung des Reizdarm-Syndroms.

Ausschluss-Diagnostik "Reizdarm"

SWR1: Gibt es den Reizdarm wirklich so, wie er im Fernsehen beworben wird?

Michael Krichbaum: Ja, den gibt es tatsächlich. Es gibt seit sehr vielen Jahren eine Leitlinie, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Die ist 2021 mit den neuesten Erkenntnissen und Therapie-Richtlinien aktualisiert worden. Der Reizdarm ist tatsächlich eine Diagnose — zugegebener Weise in vielen Fällen eine Ausschluss-Diagnose. Wenn man den Verdacht eines Reizdarmes hat, muss man zunächst relevante Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes ausschließen.

Hat der Patient eine Erkrankung im oberen oder unteren Verdauungstrakt? Dafür ist eine Magen- und Darm-Spiegelung erforderlich. Es gibt chronisch-entzündliche Magen-Darm-Erkrankungen, die auch mit Durchfall einher gehen können. Es gibt Erkrankungen, die man mit dem bloßen Auge im Darm gar nicht sieht, die sogenannte mikroskopische Kolitis. Dann muss man an die große Gruppe der Nahrungsmittelunverträglichkeiten denken, wobei die "Renner" Laktose, Fructose, Sorbit, Histamin und Gluten sind. Die Liste muss man erst einmal durcharbeiten. Wenn man das alles gemacht hat und keine relevante, grundlegende Erkrankung im Magen-Darm-Trakt gefunden hat, dann kann man sagen: Das sieht so aus wie ein Reizdarm-Syndrom. Das ist eine Ausschluss-Diagnose.

Darm des Menschen (Foto: IMAGO, IMAGO / Zoonar)
Bauchkrämpfe und Durchfall gehören zu charakteristischen Begleiterscheinungen entzündlicher Darmerkrankungen.

SWR1: Also, die Tablette aus der TV-Werbung einfach einwerfen geht gar nicht, oder?

Krichbaum: Nein, das geht gar nicht. Es können auch ernsthafte Erkrankungen hinter zum Beispiel einer Verstopfung oder einem Durchfall stecken. Das geht letztendlich bis zum Darmkrebs.

SWR1: Wenn es der Reizdarm ist — was passiert dann?

Krichbaum: Dann unterteilt man das erst einmal ganz grob in drei Formen. Man unterscheidet in einen Verstopfungstyp (Obstipationstyp), einen Durchfalltyp (Diarrhö Typ) und in Mischformen. Dann muss man gezielt behandeln, wobei man viel ausprobieren muss, was zum jeweiligen Patienten passt.

Zusammenhang von psychischen Faktoren auf den Darm

SWR1: Wie sehen Sie den Zusammenhang von Stress und Reizdarm?

Krichbaum: Ja, der ist auf jeden Fall gegeben.

Psychische Faktoren können ein Reizdarm-Syndrom triggern und unterhalten.

Deswegen ist auch die "kleine Psychotherapie" durchaus sinnvoll, wie Yoga, Entspannungstechniken, Akupunktur. Das sind komplementäre Therapien für das Reizdarm-Syndrom.

Yoga kann bei Reizdarmbeschwerden helfen. (Foto: IMAGO, imago/Westend61)
Entspannungstechniken wie Yoga oder autogenes Training können bei Reizdarmbeschwerden helfen.

Ernährungstipps bei Reizdarm

SWR1: Und was gibt es zu essen?

Krichbaum: Das hängt davon ab, um welchen Typ es sich handelt. Beim Verstopfungstyp würde man mit Ballaststoffen anfangen, vor allem mit sogenannten löslichen Ballaststoffen, wie Flohsamenschalen. Was nicht wirksam ist, sind Körner oder Korn- und Weizenkleie, die man sich in den Joghurt rührt. Man sollte auch an eine Ernährungsberatung denken, die eine sogenannte FODMAP-Diät durchführt. Diese kann man sowohl beim Verstopfungs-, aber auch beim Durchfall-Typ erwägen.

FODMAP (englische Abkürzung für fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und (and) Polyole) ist eine Abkürzung für eine Vielzahl von verschiedenen Zuckern in diversen Lebensmitteln, wie Einfach-, Mehrfach- und Vielfach-Zucker. Und dann noch die Zuckeraustauschstoffe. Die werden erst einmal komplett aus der Ernährung gestrichen und das ist schwierig. Das gebe ich immer in die Hände einer kompetenten Ernährungsberaterin, denn da muss man ganz eng mit dem Patienten zusammenarbeiten. Wenn er darauf komplett darauf verzichten soll, ist das sehr einschneidend und man betreibt das in der Regel nicht lange.

Es gibt auch eine Low-FODMAP-Diät die über ein paar Wochen geht. Nach der Elimination der genannten Stoffe über sechs bis acht Wochen, baut man dann langsam wieder auf, nimmt das ein oder andere Nahrungsmittel und Nahrungsmittelgruppe wieder dazu und schaut über einen Zeitraum von zehn bis 14 Tagen was passiert. Bekommt der Mensch wieder Beschwerden oder toleriert er das gut? Das ist die Toleranzfindung. Dann wird man herausfinden, wann und bei welchen Nahrungsmitteln der Patient seine Beschwerden bekommt. Und man wird ihm raten: lass diese Nahrungsmittel bitte weg.

Das Interview führte SWR1 Moderator Hanns Lohmann.

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