Bierflaschen im Vordergrund: kein Anstieg von Suchtkranken wegen Coronakrise (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Alexander Heinl/dpa)

Tipps vom Suchtberater

Alkohol als Trostspender in der Corona-Krise?

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In der Corona-Krise steigt bei vielen der Alkoholkonsum. Dabei ist es riskant, so Ängste, Stress und Überforderung zu kompensieren. Psychologe Michael Glaubrecht gibt Tipps, wie man dagegensteuern kann.

Erst kürzlich wurde in einer neuen Studie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim festgestellt, dass derzeit mehr als ein Drittel der Menschen verstärkt Alkohol konsumieren. Das sei schon bemerkenswert, sagt Michael Glaubrecht, Leiter des soziotherapeutischen Zentrums der Klinik Sonnenwende in Bad Dürkheim.

Gegen Alkohol als Genussmittel sei überhaupt nichts zu sagen, sagt er. Interessant werde es aber dann, wenn man zum Beispiel jetzt in der Corona-Situation bemerke, dass man verstärkt konsumiert. "Hat jemand beispielsweise bisher abends immer ein Bier getrunken und jetzt sind es drei Bier. Und stellt fest, dass es eigentlich keine Verbesserung in der Wirkung gibt. Dann kann man mal nachdenken und überlegen, ob sich hier gerade irgendetwas verändert."

Nur Verzicht reicht nicht - Strategien sind wichtiger

Man sollte sich auf jeden Fall bewusst machen, womit das Trinken zusammenhänge, so Glaubrecht. "Warum konsumiere ich jetzt mehr? Das hat Gründe." In der jetzigen Corona-Situation können es zum Beispiel Angst vor Krankheit sein oder berufliche Sorgen, soziale Isolation und Einsamkeit. "Es gibt viele Motive, über die man sich bewusst werden sollte - wozu der Alkoholkonsum eventuell genutzt wird und auch verstärkt genutzt wird."

Es mache aber keinen Sinn, einfach zu sagen: Ich verzichte auf etwas. Denn das werde dann als Verlust erlebt. Entscheidend sei vielmehr, zu überlegen, wie kann ich das Ziel, das ich verfolge, auch anders erreichen. "Also nicht einfach durch Alkoholkonsum, sondern durch Strategien, die dann auch nachhaltiger sind." Hier gebe es viele Möglichkeiten und Ideen, die aber individuell passen und überlegt werden müssten: Sport, Yoga, Musik, Spazieren, Meditation.

Kleine Ziele formulieren!

Allerdings, sagt Suchtberater Glaubrecht, werde das schiefgehen, wenn man jetzt alles - und zwar ganz schnell und intensiv - verändern wolle. Das sei oft nur der berühmte Spruch zum Jahreswechsel. Wichtig sei tatsächlich, eine Sache nicht zu ehrgeizig anzugehen, sondern kleine Ziele zu formulieren, die auch realisierbar seien und das einfach mal auszuprobieren. "Es gibt dabei Möglichkeiten, dem inneren Schweinehund eine Brücke zu bauen, indem man sagt: Okay, einen Tag steige ich aus der Regel aus."

Einfach mal anfangen, das auszuprobieren und sich noch Luft nach oben lassen, sagt Glaubrecht. Aber eben nach und nach. "Das heißt nicht, dass man auf Alkohol verzichten muss. Hier sind wir noch nicht im Suchtbereich." Es gehe einfach darum, dass man die eigentlichen Gründe und Themen für den verstärkten Alkoholkonsum nicht aus dem Auge verliert, sondern angeht. Man dürfe sich nicht einfach betäuben oder Entspannung durch schnelle Lösungen herbeisehnen. Wichtig sei tatsächlich, dass man schaut, was steckt dahinter und dann auch konkrete Schritte einleitet.

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