Interview mit Campino (Mitglied der Jury Deutscher Dokumentarfilmpreis / Kategorie Musik

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Campino, bürgerlich Andreas Frege, ist ein deutsch-britischer Sänger, Songwriter, Journalist und Autor, Schauspieler und Regisseur. 1962 in Düsseldorf als Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter geboren. Eine Bonbonschlacht im Klassenzimmer seines Gymnasiums brachte ihm den Namen Campino ein – sein Künstlername bis heute. Im März 2019 nahm Campino zu der deutschen auch die britische Staatsbürgerschaft an. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und ist seit Jahrzehnten glühender Fan des FC Liverpool.

Campino (Foto: SWR, ©Daniel Hofer)
©Daniel Hofer

Was hat Sie gereizt, bei der diesjährigen Musikjury mitzumachen?

Ich bin generell ein großer Fan von Dokumentationen und natürlich liegt mir das Genre Musik sehr nah. Insofern hatte ich gehofft, es könnte eine Win-Win-Situation für mich sein. Einen würdigen Preisträger zu finden war meine Aufgabe, etwas dabei zu lernen mein Verdienst.

Außerdem war es interessant für mich, einmal die Seiten zu wechseln. Als Zuschauer fragt man sich oft, wie es zu einer Entscheidung gekommen ist, wenn es um Auszeichnungen geht. Nun habe ich selbst erlebt, wie viele unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen und wie man in einem Gremium verhandeln muss, um einen Sieger zu ermitteln. Besonders spannend war es für mich, mit Fola Dada und Rainer Homburg zusammenzuarbeiten, zwei wirklich nette Persönlichkeiten aus völlig anderen musikalischen Welten als meiner.

Haben Sie etwas entdeckt im Bereich Musik wie auch im Bereich Film, was für Sie neu war, was Sie bereichert hat?

Jede Menge. Schließlich ging es in jeder Dokumentation um brillante Musiker, Musik und Tanz und so etwas springt ja jeden Menschen an – mich natürlich besonders stark, weil ich mich Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftige. Jeder der sieben Filme, die in die finale Runde gekommen waren, sind sehenswert und die Bandbreite sehr groß. Da gab es einmal den sehr professionellen und trotzdem hochemotionalen Film über Rosenstolz, der mich sehr berührt hat. Dem Regisseur ist es dabei hervorragend gelungen, Zeitgeschichte mit der Historie einer Band zu verbinden. Das sind Aspekte, die ich vielleicht irgendwann einmal in meiner eigenen Arbeit bedenken kann, wenn es darum geht, Künstler zu porträtieren.

Ein anderes Beispiel war der Film Auf Tour Z‘Fuaß, in dem sich zwei außergewöhnliche Künstler während der Coronazeit dazu entschließen, eine Bergwandertour mit spontanen Auftritten zu veranstalten. Hier ist die Kamera einfach nur ein stiller Begleiter und Zeuge und es gelingt ihr so, die Lebensfreude der beiden Protagonisten eindrucksvoll rüberzubringen. Ein drittes Beispiel wäre der Tanzfilm next…, bei dem es mehr oder weniger darum ging, auf einfachste Art und Weise selbstgedrehte Videos aus Afrika und Deutschland miteinander zu verbinden, sodass ein Flickenteppich am Ende doch eine geschlossene Geschichte ergibt.

Campino (Foto: SWR, ©Daniel Hofer)
©Daniel Hofer

Was können Musik-Dokumentarfilme bewirken, verändern oder vermitteln, zu was können sie inspirieren?

Ein Musik-Dokumentarfilm kann die Herangehensweise verändern, wie man Musik überhaupt hört, kann ein Bewusstsein dafür schaffen, was sie alles erreichen kann. Jede gute Dokumentation erweitert das Hintergrundwissen. Wenn man zum Beispiel wie ich in einer Band spielt, ist man sich manchmal den Dynamiken unter den Mitgliedern gar nicht bewusst. Da hilft es, wenn man sich selbst erkennen kann, indem man die Geschichten anderer Bands über eine gute Dokumentation wahrnimmt.

Wenn das Publikum ein Rockkonzert erlebt, ist das nichts anderes, als wenn jemand einen Zauberkünstler beobachtet. Die Dokumentation hinter der Rockband erklärt gewissermaßen die Tricks, die der Magier benutzt, um sein Publikum zu unterhalten, ohne zu viel zu entzaubern. Es ist für mich als Musiker aber auch interessant, Dokumentationen über Vertreter völlig anderer Genres zu beobachten und dabei jede Menge Parallelen zu entdecken, die auch unseren Werdegang betreffen. In anderen Werken werden grundsätzliche Fragen noch mal völlig neu aufgeworfen, zum Beispiel im Film über Richard Wagner: Ab wann ist Musik politisch? Darf oder soll man ein Werk unabhängig vom Künstler betrachten

Sie waren Co-Autor von Eric Friedler bei dem Dokumentarfilm über Wim Wenders. Wie war Ihre Erfahrung als Dokumentarfilmschaffender?

Wenn du einen Künstler eine gewisse zeitlang filmisch begleitest, sollte dir klar sein, dass du eine Art Roadmovie drehst, aber ohne festes Drehbuch. Jeden Tag kann etwas passieren, was nicht in deiner Planung steht und es tut dem Film gut, wenn du solche unvorhergesehenen Wendungen zulässt und integrierst.

Einmal die Seite zu wechseln und nun hinter der Kamera zu stehen, war für mich eine spannende Erfahrung. Mindestens genauso schwer wie das Antworten ist es nämlich, sich eine gute Frage auszudenken. Im Falle von Wim hat mir die Arbeit besonders großen Spaß gemacht, weil er ein langjähriger Freund ist und ich nun die Gelegenheit hatte, mich auch völlig analytisch mit seinem Werk zu beschäftigen. Mein Verständnis für sein Lebenswerk hat sich jedenfalls mit diesem Film noch einmal unglaublich vertieft.

Könnte das Filmemachen Sie zukünftig stärker beschäftigen? Haben Sie hier Pläne für die Zukunft?

Ich bin immer für alles offen, aber mir ist es wichtiger, mit wem ich etwas mache, als was ich überhaupt mache. Letzten Endes bin ich bei der Musik gelandet. Es ist die Spielwiese, auf der ich mich am meisten zuhause fühle. Aber wo wir schon darüber reden, neulich habe ich mich als Synchronsprecher für den Film INTO THE ICE betätigt, der sich mit den brutalen Folgen des Klimawandels befasst.

Auch wenn die Musik wahrscheinlich immer meine Basis bleiben wird, ist es mir wichtig, mich zwischendurch mit anderen Dingen zu beschäftigen, weil ich daraus sehr viele Inspirationen beziehe. So habe ich vor Jahren an einer Dokumentation über die Londoner Punkbewegung der späten 70er Jahre mitgearbeitet und konnte durch Gespräche mit den Protagonisten der damaligen Zeit noch einmal jede Menge lernen. Aber auch meine Arbeiten als Schauspieler, sei es im Theater (Dreigroschenoper) oder im Film (Palermo Shooting) haben mich weitergebracht, als Mensch und als Künstler.

Das Interview führte Dr. Irene Klünder (Festivalleiterin).

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