Malaika Mihambo bei der Leichtathletik-DM in Kassel (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Laci Perenyi | Laci Perenyi)

Leichtathletik | Weitsprung

Olympiasiegerin Malaika Mihambo: "Glücklich mit mir selbst"

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Marcel Fehr
Marcel Fehr auf der CMT (Foto: SWR, SWR)

Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo ist weit mehr als eine erfolgreiche Sportlerin. Sie hat sich nach einem steinigen Weg zu einer starken Persönlichkeit entwickelt. Bei SWR Sport spricht sie über Rassismus, Leistungsdruck, Meditation und das Überwinden von Grenzen.

Sie ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin. Sportlich hat Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) alles erreicht, was man erreichen kann. Ihr Weg dorthin und darüber hinaus war allerdings nicht geradlinig. In ihrem kürzlich veröffentlichten Buch "Spring dich frei" gibt die 29-Jährige sehr persönliche Einblicke in ihr Leben: "Ich glaube, dass meine Geschichte viele inspirieren kann, ihre eigenen Hindernisse im Leben zu überwinden." Mihambo geht es nicht darum, sich etwas von der Seele zu schreiben. Sie möchte von ihrer eigenen Entwicklung erzählen, um andere Menschen zu unterstützen und zu ermutigen.

Mihambo gibt persönliche Eindrücke

Mihambo hat auf ihrem bisherigen Lebensweg schon viele Hindernisse überwinden müssen. Offen spricht sie darüber, wie sie mit Widerständen umgegangen ist. Reflektiert erzählt sie von Rassismus im Alltag und vom Druck im Spitzensport und davon, wie sie damit umgeht. "Mir liegt es am Herzen aufzuzeigen, wie ich mich entwickelt habe und dass das kein einfacher Weg ist", erklärt Mihambo im Gespräch mit SWR Sport.

Durch Schmerz kann man viel über sich lernen und über seine bisherigen Grenzen hinausgehen. Dadurch kann man viel mehr erreichen, als man sich zunächst zugetraut hat.

Rassismus in der Schulzeit: "Malaika, setz dich woanders hin"

Besonders schmerzhaft waren für sie rassistische Erfahrungen, die sich durch ihre Kindheit zogen. Schon früh wurde sie im Alltag damit konfrontiert und fühlte sich zunächst schutzlos ausgeliefert. Lange Zeit konnte und wollte sie darüber nicht einmal mit ihrer Mutter sprechen. Als sie sich in der Grundschule einmal neben einen Mitschüler setzte, schaute sie dieser entsetzt an, "als hätte er den schlimmsten Abscheu vor mir", berichtet Mihambo in ihrem Buch. Er weigerte sich, neben dem Mädchen mit der etwas dunkleren Hautfarbe zu sitzen. Das Schlimmste war für die junge Malaika, dass der Schüler von der Lehrerin unterstützt wurde: "Malaika, dann setz dich bitte woanders hin." Diese Worte sollten sich für immer in ihr Gedächtnis eingraben.

Für Mihambo war es aber nicht nur dieser eine bittere Moment, der ihr zu schaffen machte: "Es ist die Summe aus vielen kleinen Mikro-Aggressionen - nach dem Motto 'Steter Tropfen höhlt den Stein.'" Die Weltklasse-Athletin bedauert, dass Viele unter Alltagsrassismus leiden: "Es macht die Menschen schwach und klein. Es ist unfair, jemanden daran zu hindern, sich entfalten und wohlfühlen zu können." Die Weitsprung-Olympiasiegerin sieht die Gesellschaft in der Verantwortung, das zu reflektieren und darauf zu achten. Für die Betroffenen sei es wichtig, den eigenen Wert zu schätzen und sich "unabhängiger von der Wertschätzung von außen zu machen".

Wettkampf-Flow durch Meditation

Bei sich zu bleiben und sich nicht durch äußere Umstände beeinflussen zu lassen, ist eine Fähigkeit, die sich Mihambo hart erarbeitet hat. Gerade auch im Leistungssport war das für die Profisportlerin der Schlüssel zum Erfolg: "Immer, wenn ich weiß, jetzt habe ich nur noch diesen einen Versuch, schaffe ich es wieder, zu mir selbst zurückzufinden."

Geholfen habe ihr in solchen Schlüsselmomenten die Meditation, erzählt sie. Sie konzentriert sich dann auf ihren Atem und auf ihre Gedanken. Bereits vor dem Wettkampf setzt sie sich mit möglichen Fragen auseinander: "Wovor habe ich Angst? Was könnte passieren?" Dadurch kann sie diese später einfacher loslassen. Für die 29-Jährige ist das die Grundlage, um "immer im Fokus und im Flow zu sein". Dieser Flow habe sie zur besten Weitspringerin der Welt gemacht.

"Nicht von Leistung abhängig machen"

Mihambo ist durch ihre Erfolge und ihre gewachsene Persönlichkeit für viele Athletinnen und Athleten ein Vorbild geworden. Leistungsdruck und hohe Erwartungen sind Probleme, die sie aus ihren Jugendjahren kennt. Nachwuchstathleten, die damit konfrontiert sind, rät sie: "Früher oder später muss jeder im Leben damit klarkommen. Deshalb muss man lernen, mit seinen Ängsten umzugehen und diese Gefühle loszulassen."

Wer sich dieser Aufgabe stelle, der schaffe es irgendwann, seinen "persönlichen Wert nicht mehr abhängig zu machen von der Leistung, die man bringt", weiß die Heidelberger Studentin aus eigener Erfahrung. Das klingt zunächst paradox: Leistungssport, ohne auf die sportliche Leistung zu achten? Laut Mihambo ist genau das der Erfolgsschlüssel: "Dann fällt es einem leichter, über seine bisherigen Grenzen hinauszugehen, weil man eben nicht unter diesem Druck steht."

"Jeden Tag aufs Neue glücklich sein"

Die sportlichen Höhepunkte im kommenden Jahr liegen auf der Hand: die Leichtathletik-Europameisterschaften in Rom und die Olympischen Spiele in Paris. Mihambo hat beide Titel schon einmal gewonnen. Ihre Ziele und Vorstellungen formuliert sie aber mittlerweile ganz anders: "Ich hatte immer ein besonderes Gefühl bei Wettkämpfen. Lange war mir dieses Gefühl aufgrund persönlicher Umbrüche abhanden gekommen. Da möchte ich nächstes Jahr wieder anknüpfen."

Mihambo habe sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wer sie eigentlich ist und wo sie hin möchte. Die Antwort darauf könne nie endgültig sein, sagt sie: "Ich merke, dass ich immer wieder im Wandel bin. Ich will einfach glücklich sein im Umgang mit anderen und mir selbst. Wenn mir das gelingt, bin ich nah dran an der Person, die ich sein will."

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