Daum beim Europa-League-Spiel Austria Wien gegen Banja Luka

Meistertrainer des VfB Stuttgart wird 70

Krebskranker Christoph Daum: "Der VfB spielt wie ein Meisterschafts-Kandidat"

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Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist
Spindler, Michael

Christoph Daum und der VfB Stuttgart. Das ist eine Herzensbeziehung - nicht nur wegen des Meistertitels 1992. Am Dienstag feiert der durch seine Krebserkrankung milder gewordene Erfolgstrainer seinen 70. Geburtstag.

Wir erreichen Christoph Daum im Zug. Er ist auf dem Weg nach Berlin zur Diabetes-Gala. Ein Termin jagt in diesen Tagen den anderen - trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustands. Im Sommer 2022 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Die heimtückische Erkrankung hinterlässt Spuren. Viele Chemotherapien hat er hinter sich, aber der Krebs ist immer noch da. 70 Kilo wiegt er momentan nach eigener Aussage.

Daums Stimme klingt zuversichtlich: "Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich bin voller Optimismus, dass wir den Krebs halbwegs in den Griff bekommen können. Die behandelnden Ärzte leisten Hervorragendes. Zuletzt haben sich die Tumore sogar etwas zurückgebildet."

Geburtstagsfeier von Daum: Reiner Calmund hilft bei der Organisation

Er hat gelernt, mit der misslichen Situation zu leben. Ihm helfen Atem- und Meditationsübungen, Bewegung und bewusste Ernährung. Daum will das Leben genießen, so gut es eben geht, und deshalb gibt es für ihn auch keinen Grund, seinen 70. Geburtstag nicht zu feiern. Bei der Organisation hat ihm sein langjähriger Freund und Begleiter Reiner Calmund geholfen. "Calli hat sich unglaublich engagiert. Er hat sich um das Essen gekümmert. Da ist er Spezialist." Man hört Daums Grinsen durch die Leitung. "Ich bin sicher, dass jeder satt wird und dass die Feier auf einem guten Niveau abläuft."

Etwa 200 Freunde, Wegbegleiter oder gute Bekannte hat er für die große Party eingeladen. Über einen Gast hätte er sich besonders gefreut: Franz Beckenbauer. "Sein Gesundheitszustand lässt das aber leider im Augenblick nicht zu."

Viele Trainerstationen, größter Erfolg beim VfB Stuttgart

Daum kennt Gott und die halbe Fußballwelt. Er hat bei vielen Klubs gearbeitet, im In- und Ausland. Von Österreich über die Türkei, Belgien und Rumänien. In der Bundesliga beim 1. FC Köln, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt. Den größten Erfolg aber hatte er mit dem VfB Stuttgart. 1992 holte er mit den Schwaben in einem irren Herzschlagfinale den deutschen Meistertitel. "Christoph Daum war der beste Trainer, den ich je hatte", sagte Günther Schäfer, der unter Daum spielte, kürzlich im SWR.

Schäfer wird bei der Geburtstagsfeier ebenso dabei sein wie der damalige VfB-Kapitän Guido Buchwald. Matthias Sammer, der Spiritus Rector der Meistermannschaft, kann voraussichtlich nicht kommen, er wird von seiner Frau Karin vertreten. Daum sagt: "Ich habe die Gästeliste nicht komplett im Kopf, aber der VfB wird würdig vertreten sein. Denn es war eine wunderbare Zeit. Ich habe noch viele Verbindungen ins Schwabenland."

Emotionaler Motivator

Gleich im ersten Spiel als VfB-Trainer musste Daum am 24. November 1990 gegen seinen Ex-Klub Köln antreten. Der Coach zeigte sofort seine Qualitäten als Motivator und Kämpfer. Nach einem 0:2-Rückstand gelang den Schwaben noch ein 3:2-Sieg. "Er war ein hochemotionaler Coach, der uns von der Bank enorm gepusht und stark gemacht hat", erinnert sich Schäfer. Daum hatte den VfB Stuttgart als Tabellen-15. übernommen und führte ihn bis zum Saisonende noch auf Platz sechs. Er formte aus der Mannschaft mit Spielern wie Eike Immel, Guido Buchwald, Maurizio Gaudino und Matthias Sammer ein Spitzenteam und krönte die Saison 1991/1992 mit dem deutschen Meistertitel.

Daum: "Rucksack voller Vorurteile" über die Schwaben

Spätestens da hatten die Schwaben Daum in ihr Herz geschlossen. Er selbst hatte sein Amt in Stuttgart mit einem "Rucksack voller Vorurteile" angetreten. Aber "alle Klischees, die ich über das Schwabenland verinnerlicht hatte, habe ich über Bord geworfen. Ich hatte nicht gedacht, dass die Schwaben so begeisterungsfähig sind. Das war für mich total überraschend. Man sagte immer, die Schwaben gehen zum Lachen in den Keller. Aber ich habe nach und nach gesehen, dass das alles gar nicht stimmt. Die Schwaben sind so herzlich. Wenn du einmal das Herz eines Schwaben gewonnen hast, ist das lebenslänglich. Das kenne ich auch von meiner Frau Angelica. Sie ist Schwäbin."

Enge Verbindung mit Mayer-Vorfelder

Doch auf den Höhenflug folgte schon bald der Absturz. Spätestens nach dem Wechselfehler im September 1992 in der Qualifikationsrunde zur Champions League gegen Leeds United, als er unerlaubterweise einen vierten Ausländer einwechselte, war Daums Nimbus angekratzt. VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der mit Daum eine enge Männerfreundschaft pflegte, verlängerte trotzdem oder gerade deshalb seinen Vertrag. Aber nach einer weiteren schwachen Bundesliga-Hinrunde mit Platz 13 folgte in der Winterpause 1993 Daums Aus in Stuttgart.

Daum: "VfB spielt wie ein Meisterschafts-Kandidat"

Daum verfolgt heute nach wie vor äußerst interessiert die sportliche Entwicklung beim VfB. Er ist von den bisherigen Saison-Auftritten des Teams von Trainer Sebastian Hoeneß begeistert: "Der VfB spielt aktuell wie ein Meisterschafts-Kandidat. Das ist überragend. Ich hoffe, dass diese Spielweise möglichst lange beibehalten wird. Wenn am Ende ein internationaler Startplatz herauskommt, werden im Schwabenland alle überglücklich sein."

Ihn freut besonders, dass der Name Hoeneß in Stuttgart erneut für Erfolg steht. Mit Manager Dieter Hoeneß an seiner Seite gewann Daum seinerzeit den Meistertitel. Aktuell lässt Dieters Sohn, Sebastian Hoeneß, die Fans des VfB Stuttgart von einer erfolgreichen Zukunft träumen. Daum hat das Gefühl, die schwäbische Luft tut der Familie Hoeneß gut.

Daum: "Die Unterstützung tut mir gut"

Die Leitungsqualität wird schlechter, Daum ist schließlich im Zug unterwegs. Wir kommen noch einmal auf seine aktuelle gesundheitliche Situation zu sprechen. Wer oder was gibt ihm in diesen Zeiten Kraft? "Ich bekomme große Unterstützung aus der gesamten Bevölkerung", antwortet er dankbar. "Viele Menschen fragen mich, wie es mir geht. Sie sagen: 'Ich sende Ihnen alle meine Energie' oder 'Ich bete für Sie'. Das tut mir gut."

Selten waren diese Worte passender: Alles Gute, Christoph Daum!

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Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist
Spindler, Michael