Robin Gosens beim Training des DFB-Teams

Mentale Gesundheit im Profifußball

Nationalspieler Robin Gosens: "Ich gehe regelmäßig zu einer Psychologin"

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Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist

Robin Gosens' Blick aufs Leben endet nicht an der Seitenlinie. Der Profi des 1. FC Union Berlin studierte neben seiner Sportkarriere Psychologie an der Fernuni Riedlingen. Der 29-Jährige spricht u.a. über Hasskommentare, Krisen und mentale Gesundheit.

SWR Sport: Robin Gosens, nach dem Union-Spiel in Mainz wurden Sie und Ihre Familie von einem Fan im Netz beleidigt und bedroht: "Menschen wie dich brauchen wir auf dieser Welt nicht." Ihre Familie solle mit Ihnen zusammen verrecken. Einige Tage später wollte ausgerechnet dieser Fan ein Selfie mit Ihnen. Sie haben diese Geschichte öffentlich gemacht. Erleben wir aktuell ein neues Level an Empörung und Hass im Netz?

Gosens: Ich finde, wir erleben eine sehr beängstigende Entwicklung. Wenn man die Anonymität des Internets verwendet, um anderen Menschen den Tod zu wünschen, dann sind wir an einem Punkt, wo wir sehr genau hinschauen müssen. Nichts auf der Welt rechtfertigt eine solche Aussage. Ich frage mich, was in solchen Menschen vorgeht. Dafür habe ich keine Worte. In den sozialen Medien kann man sich hinter einem Profil verstecken und in die Anonymität abtauchen, ohne befürchten zu müssen, dass man dafür belangt wird. Meine Erfahrung ist: Wenn du dann auf einen solchen Kommentar reagierst, dann potenziert sich das noch mal. Dann bekommst du noch mehr Hassnachrichten. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, im Internet gegen diese Idioten vorzugehen.

Wie verarbeiten Sie solche Vorfälle?

Ich spreche mit meinen Liebsten darüber, vor allem mit meiner Frau und mit meiner Familie. Ich muss das ja irgendwie emotional verarbeiten. Ich weiß natürlich, dass solche Leute die Minderheit sind. Aber emotional macht das etwas mit mir. Es trifft mich, wenn mir jemand den Tod wünscht.

Viele Fans rechtfertigen ihre krasse Kritik an Fußballprofis mit dem Argument 'Der Kerl verdient doch so viel Geld, der soll sich mal nicht so anstellen.' Wie sehr ärgert Sie diese Denkweise?

Das ist dieses Totschlagargument. Wir Spieler sollen den Mund halten, weil wir eine Wagenladung voller Geld verdienen und so privilegiert sind. Ja, wir sind privilegiert und verdienen viel Geld. Wir verdienen wahrscheinlich sogar zu viel Geld für das, was wir machen. Aber das rechtfertigt doch nicht solche Hassnachrichten. Nur weil ich viel Geld verdiene, geht es mir doch nicht jeden Tag gut. Auch als Fußballprofi habe ich wie jeder andere Mensch Probleme - in der Ehe, in der Familie, im Beruf oder wo auch immer. Diese Probleme kann ich mir doch nicht mit Geld wegzaubern. Geld und Erfolg schützen auch nicht davor, mental krank zu werden.

Über dieses Thema mentale Gesundheit redet allerdings kaum ein Profifußballer. In der Öffentlichkeit wird vorwiegend das Bild vom stets leistungsfähigen, unverwundbaren Sporthelden gezeichnet. Wie kommen wir weg von diesem irreführenden Image?

Ich wünsche mir, dass wir offen über mentale Probleme reden können. Wenn ein Spieler den Mut aufbringt und sagt: 'Mir geht es nicht gut, ich fühle mich mental nicht gesund', dann sollte er sicher sein können, dass er von allen Beteiligten aufgefangen wird und dass sensibel darüber berichtet wird. Soweit sind wir leider noch nicht.

Ich hoffe, wir kommen bald dahin, dass es als Stärke angesehen wird, wenn jemand seine mentalen Probleme offen benennt.

Ich habe das Gefühl, dass Profifußballer, die über Depressionen, Ängste oder Burnout-Symptome sprechen, als schwach angesehen werden - von Medien, Fans und Vereinsverantwortlichen. Solange ein betroffener Spieler sich also nicht sicher sein kann, aufgefangen zu werden, wird sich nichts ändern.

Was passiert mit einem mental angeschlagenen Spieler, der sich nicht öffnet?

Dieser Spieler hat Angst, dass ihn die Medien oder die Fans zerreißen, dass ihn der Verein nicht spielen lässt, dass sein Vertrag nicht verlängert wird oder dass er keinen neuen Club findet. Also frisst er die Probleme in sich rein und spielt ein Versteckspiel. Dabei wissen wir alle: Wenn wir Probleme in uns reinfressen, werden sie immer größer. Unsere Leistungen verschlechtern sich, die Fans werden noch kritischer, es gibt noch mehr Hasskommentare, der Verein erhöht den Druck, und die Medien geben dir jede Woche die Note 6 und schreiben von einem Fehleinkauf. Es gibt also nur Nachteile, wenn man sich nicht öffnen kann. Für alle Beteiligten.

Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen hat sich in Deutschland innerhalb der vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Das Thema mentale Gesundheit sollte sich mittlerweile auch im Profifußball herumgesprochen haben…

Ich glaube, dass dieses Thema nicht nur im Fußball, sondern in unserer ganzen Gesellschaft zwangsläufig einen höheren Stellenwert bekommen wird. Unsere Leistungsgesellschaft driftet immer mehr ab, wir haben eine schlechte Fehlerkultur in Deutschland. Kaum jemandem werden Fehler zugestanden, man muss funktionieren und darf keine schlechten Tage haben. Und wenn man mal einen schlechten Tag hat, darf man das nicht zeigen. Dies führt dazu, dass immer mehr Menschen Probleme mit mentaler Gesundheit bekommen.

Wie offen wird innerhalb der Mannschaft darüber gesprochen, wenn es einem nicht gut geht?

Eher selten. Allerdings sind wir hier in Deutschland im Vergleich zu Italien schon auf einem deutlich besseren Weg. Ich selbst versuche, solche Gespräche immer wieder mal zu provozieren. Wenn ich den Eindruck habe, dass es einem Mitspieler nicht gut geht, schnappe ich ihn mir und frage ihn unter vier Augen: Wie geht es dir denn wirklich? Dann kommt auch manchmal was. Aber häufig bleibt es leider an der Oberfläche.

Was würde passieren, wenn man offener miteinander reden würde?

Es wäre für das gesamte Team hilfreich. Wenn ich wüsste, ein Mitspieler macht grad eine schwierige Phase durch oder hat private Probleme, dann brülle ich ihn im Training nicht an, weil er vielleicht unkonzentriert ist. Dann würde man sich gegenseitig unterstützen, und es könnte sich ein toller Teamgeist entwickeln.

Robin Gosens als Spieler von Atalanta Bergamo (2019)
Robin Gosens in seinem ersten Jahr bei Atalanta Bergamo

Profi-Kollegen wie Per Mertesacker, Benjamin Pavard, Timo Baumgartl oder Nils Petersen haben in der Öffentlichkeit über ihre mentalen Probleme gesprochen. Gab es auch bei Ihnen eine Phase, in der Sie psychisch durchhingen?

Ja, eine solche Phase hatte ich auch. Mein erstes Jahr 2017 bei Atalanta Bergamo war für mich mental sehr belastend. Ich hatte zwar keine Depressionen, aber kämpfte sehr mit mir selbst. Ich war überhaupt nicht in der Balance. Das merkte ich daran, dass ich sehr nachdenklich und in mir versunken war. Eigentlich bin ich ein offenherziger, extrovertierter und empathischer Mensch. Aber diese Zeit war sehr herausfordernd.

Timo Baumgartl, Ex-Profi des VfB Stuttgart und vom 1. FC Union Berlin, geht regelmäßig zu einer Therapeutin. Wo holen Sie sich Hilfe, wenn es mal brennt?

Ich gehe auch regelmäßig zu einer Psychologin. Ich gehe aber nicht nur, wenn es brennt, sondern es ist auch eine Präventiv-Maßnahme. Die Gespräche helfen mir, die Sachen im Keim zu ersticken. Ich rede mir die Dinge von der Seele, die Therapeutin hört mir zu und urteilt nicht. Ich kann einfach den Druck ablassen, ohne dass ich Angst haben muss, dass da etwas bewertet wird.

Sie müssen, im Gegensatz zu vielen Hilfesuchenden, wahrscheinlich nicht monatelang auf einen Termin warten...

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich auch an dieser Stelle privilegiert bin, weil ich nonstop Zugriff auf eine Psychologin habe. Diese Möglichkeit haben viele Leute, die mental angeschlagen sind, nicht. Sie müssen monatelang auf einen Therapieplatz warten. Das ist ein großes Thema.

Ursprünglich wollten Sie Psychologie an der Uni Heidelberg studieren. Das klappte für Sie als Fußballprofi nicht, weil es dort eine Präsenzpflicht gab. Also haben Sie sich 2019 für die Fernuni in Riedlingen (Oberschwaben) entschieden. Warum?

Ich habe vorhin von der schwierigen Zeit in Bergamo erzählt. Ich wollte verstehen, was da in mir vorging. Mein damaliger Mitspieler aus der Schweiz, Nicolas Haas, war in einer ähnlichen Situation. Zum Glück hatten wir uns in diesem ersten Jahr gegenseitig. Wir konnten uns da rausziehen, sonst wären wir wohl mental abgerutscht. Nicolas begann, an einer Fernuni Psychologie zu studieren. Da wurde ich hellhörig und habe es auch versucht. Ich bin froh, dass ich jetzt einen Bachelor in Psychologie habe.

Robin Gosens präsentiert seinen Studien-Abschluss

Fußballteams haben einen riesigen Betreuerstab an Ärzten und Physiotherapeuten. Aber wer hilft bei mentalen Problemen? Sollte in jedem Funktionsteam auch ein Psychologe dabei sein?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Wenn du einen festen Psychologen installierst, hast du immer die Problematik, dass er vom Verein angestellt ist. Dadurch sind die Spieler im inneren Konflikt: Soll ich zu ihm gehen oder nicht? Hat er eine Schweigepflicht oder lässt er vielleicht doch Infos ans Trainerteam durchrutschen? Vielleicht könnte die Lösung so aussehen: Es gibt einen freien, vielleicht externen Psychologen, der nur für die Spieler da ist. Auf den könnten die Profis jederzeit zugreifen. Und es gibt einen fixen Psychologen, der präsent ist und das Tagesgeschäft mitbekommt. Er beobachtet die Gruppendynamik, schaut sich die Trainingseinheiten an und gibt dem Trainerstab ein Feedback. Er könnte auch Workshops für die Teams machen, zu Themen wie Scheitern oder das Bekämpfen von Widerständen.

Welches Signal könnte von der Vereinsführung ausgehen?

Ich wünsche mir, dass alle Vereine eine wichtige Botschaft an betroffene Spieler senden: Bitte nehmt Hilfe in Anspruch. Wir stehen voll dahinter. Seht es als Stärke und nicht als Schwäche an, wenn ihr zum Psychologen geht. Wir als Verein wollen und müssen davon auch nichts wissen, wenn es nicht gewünscht ist. Aber bitte tut uns den Gefallen: Wenn ihr Probleme habt, geht auf diese Experten zu. Lasst euch von ihnen helfen. Denn wenn sie euch helfen, dann helfen sie auch uns als Verein.

Sie leben Ihren Traum vom Profifußballer, sind Bundesliga- und Nationalspieler und haben die EM im eigenen Land vor der Brust. Welchen Traum haben Sie von Ihrem nächsten beruflichen Abschnitt als Psychologe?

Nach meinem Bachelor möchte ich irgendwann auch den Master machen. Aktuell ist es etwas stressig zuhause. Wir haben zwei kleine Jungs mit zwei Jahren bzw. drei Monaten. Aber der Master ist fest eingeplant. Später möchte ich gerne meine eigene Praxis haben. Ich möchte Sportlerinnen und Sportler begleiten, die mit Druck, Ängsten, Depressionen oder Burnout zu kämpfen haben. Mein großer Vorteil ist, dass ich die Thematik aus meiner Praxis als Fußballprofi kenne.

Robin Gosens trägt Sohn Levi auf dem Arm
Familienmensch: Robin Gosens mit Sohn Levi

In Ihrer Bachelor-Arbeit haben Sie sich intensiv mit dem Thema "Resilienz im Sport" beschäftigt. Was sind Ihre persönlichen Tipps, damit Menschen widerstandsfähig und mental gesund bleiben?

Das Wichtigste ist für mich ein stabiles soziales Umfeld. Ich habe bodenständige Eltern. Ich habe seit elf Jahren eine tolle Frau an meiner Seite, die schon vor meiner Profikarriere mit mir zusammengekommen ist. Ich habe meine Freunde von früher, die keine Erfolgsfans von mir sind. Sie kennen mich einfach nur als den Robin vom Dorf.

Ich definiere mich nicht nur über den Fußball. Auch wenn ich meinen Traum lebe und Nationalspieler geworden bin, ist Fußball nicht alles für mich.

Außerdem hilft es mir, mir immer wieder Ziele zu setzen. Immer etwas vor Augen zu haben, für das es sich zu kämpfen lohnt. Dann kann ich auch Widerstände überwinden, die immer wieder auftauchen.

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Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist

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