Interview mit SWR Intendant Kai Gniffke

"Unterschiedliche Lebenswirklichkeiten abbilden"

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Viele Schritte sind getan und es gibt auch erste Erfolge. Aber ausruhen dürfen wir uns nicht. Wenn wir Vielfalt wollen, müssen wir die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten im Programm wie im Personal stärker abbilden. Das Interview mit SWR-Intendant Kai Gniffke zum Diversity-Tag:

Prof. Dr. Kai Gniffke, Intendant des Südwestrundfunks (SWR) © SWRPaul Gärtner (Foto: SWR, Paul Gärtner)
Prof. Dr. Kai Gniffke, Intendant des Südwestrundfunks (SWR) © SWR/Paul Gärtner Paul Gärtner

Herr Gniffke, Vielfalt ist ein erklärtes Ziel des Unternehmens, ein erklärtes Ziel auch von Ihnen. Was wurde bisher erreicht? Wo sehen Sie Fortschritte?

Etwa jede und jeder Vierte in unserem Sendegebiet hat einen Migrationshintergrund. Das sollte sich auch in unseren Angeboten für die Menschen widerspiegeln – vor und hinter der Kamera. Gemeinsam mit Ihnen, unserer Beauftragten für Integration und Vielfalt, haben wir uns ambitionierte Ziele gesetzt: Im SWR streben wir deshalb gemeinsam an, dass 25% aller Volontärinnen und Volontäre, aller Auszubildenden, aller Moderatorinnen und Moderatoren und aller Teilnehmenden an Führungskräfte-Programmen im SWR eine Migrationsbiografie mitbringen. Das ist ein erster Schritt. Um da hin zu kommen, haben wir beispielsweise das Volontariat neu aufgelegt und unsere Ausschreibungen verändert, um ganz unterschiedliche Menschen für den SWR zu begeistern. Viele neue digitale Formate, die wir gezielt fördern, bilden bewusst die Lebenswirklichkeit junger Menschen mit Einwanderungsgeschichte oder unterschiedlicher sozialer Milieus ab. Und in Veranstaltungen wie „SWR trifft… Interkultur“ tauschen sich Programmmacherinnen mit unterschiedlichen Nutzungsgruppen aus und erfahren, was die sich von uns konkret erwarten. Wir haben die Charta der Vielfalt unterzeichnet und veranstalten den Diversity-Tag mit vielen Angeboten für alle. Dabei stellen wir den Vielfaltsaspekt soziale Herkunft in den Fokus. Das sind starke Bekenntnisse und wichtige Schritte an vielen Stellen in die richtige Richtung.

Das Bekenntnis ist da – und auch erste Erfolge. In welche Richtung müssen nun die nächsten Schritte gehen?

Wir haben viele gute Ideen, die wir in konkrete Maßnahmen übersetzen müssen, um mehr vielfältige Menschen für den SWR zu gewinnen. Als Arbeitgeber, aber auch als starken Inhalteanbieter. Das bedeutet auch, dass wir uns im Alltag fragen müssen: Warum entscheiden wir uns jetzt für den einen Host oder die andere Moderatorin eines Formats? Wen spreche ich mit meinen Angeboten wirklich an, wessen Lebenswirklichkeit bilde ich ab? An manchen Stellen reden wir mit zu wenig Menschen und zu oft über sie. Dazu brauchen wir auch im SWR Leute, die eine vielfältige Lebenswirklichkeit teilen. Die müssen wir konkret für uns gewinnen.

Vielfältige Teams bringen vielfältige Lösungen – viele Unternehmen gehen nach diesem Grundsatz vor und haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Sie achten bei der Zusammensetzung auf Alter, Geschlecht, Herkunft etc. Bräuchten wir im SWR Diversity-Listen oder reichen Selbstverpflichtungen aus?

Wir haben eine starke Selbstverpflichtung: 25% aller Nachwuchsjournalistinnen, Moderatoren und Führungskräfte mit Migrationshintergrund. Wenn wir das umsetzen, sind wir einen großen Schritt weiter. Ich halte darüber hinaus nichts von starren Zahlen über Zusammensetzungen. Entscheidend sind die Menschen, die dahinterstehen und die uns und unsere Angebote nachdrücklich prägen.

Vielfalt führt zu vielen Diskussionen, auch im SWR. Nehmen wir als ein Beispiel den Umgang mit Sprache. Der Leitfaden „Gendersensible Sprache“ hat zu vielen Kontroversen geführt. Warum ist es wichtig, sich mit Sprache auseinanderzusetzen und einfach mal mehr Sensibilität zu wagen?

Eine vielfältige Gesellschaft bildet sich auch in der verwendeten Sprache ab: Bei uns sollen sich alle wiederfinden und wir wollen niemanden ausschließen. Das erfordert natürlich ein großes Maß an Sensibilität. Diese Sensibilität bedeutet aber auch: Unsere Sprache muss für alle Nutzenden verständlich sein. Wir achten darauf, dass sich auch Menschen in ländlich und traditionell geprägten Regionen angesprochen fühlen, und wir nicht in einer akademisch geprägten Blase unterwegs sind. Deshalb haben wir ja den Leitfaden Gendersensible Sprache entwickelt, den wir natürlich ständig weiterentwickeln.

Dieses Jahr hisst der SWR zum ersten Mal Regenbogenfahnen an allen drei Standorten, sowohl zum Diversity Tag als auch zum CSD. Es ist ein Signal – nach außen, aber auch nach innen. Warum braucht es aus Ihrer Sicht solche Zeichen?

Auch da kommen wir wieder auf das zurück, warum wir das alles machen, unser großes WHY: Wir wollen für alle Nutzenden da sein, egal welchen ethnischen, bildungs- oder migrationsbiografischen Hintergrund sie haben. Das wollen wir auch intern abbilden. Auch dafür sind diese Signale da, die wir natürlich konkret im Alltag leben müssen.

Die Auseinandersetzung mit Vielfalt kann sehr anstrengend, auch herausfordernd sein. Manche sagen deswegen, „nicht auch noch das“. Kann man es mit dem Einsatz für Vielfalt auch übertreiben?

Wie bei vielen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit hat sich der Einsatz für Vielfalt dann erledigt, wenn das Thema kein Thema mehr ist, sondern selbstverständlich gelebter Alltag. Bis dahin lohnt es sich aus meiner Sicht, alles dafür zu tun, unseren Vorsätzen konkrete Maßnahmen folgen zu lassen – wie wir es ja bereits an vielen Stellen tun.

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