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Projekt in Duisburg

"Bahtalo" heißt übersetzt Hoffnung und Freude

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AUTOR/IN
Pirmin Styrnol
REDAKTEUR/IN
Andrea Wieland

“Hört auf Euer Herz, überwindet den Schmerz.” Farrel Mokom schreibt an einem neuen Song, der 13-Jährige steht als Songwriter, Schauspieler und Sänger auf der Bahtalo-Jugendbühne.

“Ich mochte schon immer Musik. Vor eineinhalb Jahren habe ich von Bahtalo erfahren, dass man dort Musik macht. Und deshalb bin ich da hingegangen”, erzählt Farrel Mokom. Der 13-Jährige ist Fan von Rap und HipHop-Musik: “Musik macht mich so glücklich. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber man fühlt sich so frei. Und das ist gut…”, lächelt Farrel in fast perfektem Deutsch. Erst im Jahr 2018 kam Farrel zusammen mit seiner Mutter und zwei kleinen Schwestern aus Kamerun nach Duisburg. Die Sprache schnell zu lernen, war ihm wichtig. “Sonst kann man sich ja nicht verstehen”, sagt er.

Das Treffen beginnt mit einem gemeinsamem Essen

Überhaupt ist das gegenseitige Verstehen ein enorm wichtiger Teil der Arbeit des Bahtalo-Teams. Deshalb besteht ein “typisches” Treffen der jungen Künstler und ihrer Mentoren nicht lediglich aus Proben und Auftritten, sondern beginnt mit einem gemeinsamen Essen. “Das erste Mal, als ich dort war, war ich sehr nervös”, erinnert sich die 15-jährige Aisha Mohammed El Maknati. “Aber ich brauchte nicht nervös zu sein. Die Leute dort sind sehr angenehm. Man braucht sich dort nicht zu schämen.” Über Fehler könne man bei Bahtalo gemeinsam lachen, erzählt sie. Das bestätigt auch Farrel. Die gemeinsame Arbeit bringe Selbstvertrauen “und Mut”, findet er. Über 100 Kinder und Jugendliche arbeiten und lernen bei Bahtalo mittlerweile zusammen nach dem Schulunterricht. Die meisten von ihnen haben einen Migrationshintergrund - auch Aisha lebt erst seit 2015 in Deutschland. Die Tochter marokkanischer Eltern wurde in Spanien geboren und kam vor sieben Jahren nach Duisburg.

Das Projekt Bahtalo startete im Jahre 2013 mit der Intention, einheimischen und zugewanderten Kindern während der Sommerferien Hoffnung und Freude zu bieten. (Foto: Bahtalo)
Ferienwerkstatt mit Roma-Kindern aus Rheinhausen-Bergheim Bahtalo

Integrationsprojekt für Kreative

Gegründet wurde Bahtalo im Jahr 2013, hauptsächlich als Initiative zur Unterstützung von Roma-Kindern aus dem Haus "In den Peschen” im Duisburger Stadtteil Bergheim. Durch Kunst, Kultur und Spiel wollten die Ehrenamtlichen die zugezogenen Kinder aus prekären Verhältnissen mit gleichaltrigen Anwohnern zusammenbringen. Daher auch der Name: Das Wort "Bahtalo" bedeutet in der Sprache der Roma “Hoffnung und Freude”. Auch wenn sich die Zusammensetzung der Bahtalo-Mitglieder seitdem deutlich ausgeweitet hat - der Grundgedanke ist geblieben. Mittlerweile arbeiten Kinderbühne, Jugendchor, Theaterwerkstatt und viele weitere Gruppen zusammen.

Eigenes Erleben ausdrücken können

“Ich glaube entscheidend ist der Aspekt der Selbstpräsentation. Also dass man die eigenen Themen, die eigenen Texte macht”, erklärt Annegret Keller-Steegmann, die das Bahtalo-Projekt von Beginn an leitet. “Bei der Kinderbühne haben wir zum Beispiel gerade das Thema ‘Tausend und ein Traum’. Da geht es um die Bedeutung von Träumen. Ein ganz wichtiger Traum von einem Kind ist es zum Beispiel, dass die Eltern aufhören, sich zu streiten.” Zu diesem Thema hätten viele Kinder einen direkten Zugang gefunden. “Viele haben erzählt, wie sie das erleben. Und wie sie sich dann fühlen.”

Projekt Bahtalo Ferienwerkstatt mit Roma-Kindern aus Rheinhausen-Bergheim ARD Themenwoche Wir gesucht (Foto: Bahtalo)
Projekt Bahtalo: Ferienwerkstatt mit Roma-Kindern aus Rheinhausen-Bergheim Bahtalo

So entstand ein gemeinsamer Song

“Wenn alle ihre Befindlichkeiten da rein tun, dann hat man nicht irgendeinen beliebigen Text.” Pädagogisches Komponieren nennt Keller-Steegmann ihre Arbeit mit den Kindern. Gemeinsam bastelt man sich ein Musikstück, das die Gefühlswelt der Kinder nach außen trägt. Und diese Musikstücke können sich hören und sehen lassen. Das sieht mittlerweile auch die Stadt Duisburg so, die die Kinder- und Jugendbühne Bahtalo im Jahr 2021 mit dem Heimatpreis auszeichnete. Eine Wertschätzung, um die man lange habe kämpfen müssen, so Keller-Steegmann. Noch immer erhält Bahtalo keine institutionelle Förderung, der Jahresetat steht deshalb immer wieder auf der Kippe. Auch das aktuelle Projekt “Tausend und ein Traum” kann nur durch das Preisgeld aus dem Heimatpreis bezahlt werden. Weitere Projekte erhalten zwar projektbezogene Förderungen, doch langfristige Sicherheit gibt das nicht. Eine nachhaltige Finanzierung zu erreichen sei eines der Ziele des Teams, gibt Keller-Steegmann zu.

Der Bahtalo-Videokanal

Bis dahin bestimmt weiter Kreativität den Alltag bei Bahtalo. Anpassung an äußere Gegebenheiten ist ohnehin das Stichwort - auch während der Corona-Pandemie. Während viele musikalische Institutionen vor der Corona-Welle kapitulierten, setzte das Bahtalo-Team auf digitale Produktionen. Und veröffentlichte so verschiedene Videos auf seinem Youtube-Kanal.

Dass die Arbeit von Bahtalo Früchte trägt, ist mittlerweile auch an den “Abgängern” zu sehen. Einige ehemalige Bahtalo-Kinder studieren heute an Musikhochschulen. Farrel Mokom hat andere Pläne. Er möchte Ingenieur werden. “Und wenn es irgendwie geht, dann werde ich immer weiter Musik machen”, sagt er. Und vielleicht später auch als Mentor bei Bahtalo arbeiten. Annegret Keller-Steegmann lächelt, als sie ihn das sagen hört. Bahtalo ist eben mehr als “nur” Musik und Kunst.

Im vergangenen Jahr war das Projekt Silbersack einer der Gewinner des Deutschen Nachbarschaftspreises von der Stiftung nebenan.de. Die Stiftung und sowie die Nachbarschaftsplattform nebenan.de gehören zu den Unterstützern der ARD-Mitmachaktion WIR GESUCHT – das Projekt.

Unsere weiteren Unterstützer sind: AWO Bundesverband e.V., Caritas Deutschland, Deutscher Gewerkschaftsbund, Diakonie Deutschland, und ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft.

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