mensch ärgere dich nicht (Foto: Colourbox)

Psychologie

Was passiert im Kopf, wenn man gewinnt oder verliert?

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Jeder kennt das Gefühl der Frustration, wenn man verloren hat. Man ärgert sich, während der andere vor Freude jubelt. Wie kommen solche extreme Gefühle zu Stande?

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Die Bundestagswahl liegt nun schon einige Tage zurück und es wird noch eine Weile dauern, bis sich eine regierungsfähige Koalition gebildet hat. Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben.Wie fühlt sich das eigentlich an? Was passiert in den Gewinner- und Verlierergehirnen aus Sicht der Neurowissenschaften?

Gehirn (Foto: Colourbox)
Die Gürtelwindung im Gehirn sorgt für die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe beim Verlieren oder Gewinnen.

Tief eingebettet in unserem Gehirn, befindet sich eine Struktur namens „Gyrus cinguli“. Sie wird auch Gürtelwindung genannt und ist Teil des limbischen Systems.

Dieser Bereich übernimmt zum Beispiel die Steuerung von Trieben, ist an Gedächtnisprozessen und an der Bildung von Emotionen beteiligt. Die Gürtelwindung selbst gleicht ständig unsere eigenen Erwartungen mit den tatsächlichen Geschehnissen ab.

Wenn es zu einer Diskrepanz kommt, mit der Erwartung und der Realität, dann wird eine Art Schalter umgelegt, sodass dort eine Fehlermeldung registriert wird. Als Folge werden dann Teile unseres limbischen Systems in ihrer Aktivität verändert

Prüssner ist Leiter des Lehrstuhls für klinische Neuropsychologie an der Universität Konstanz. Je nach Art der fehlenden Übereinstimmung zwischen Erwartung und Realität, sorgt die Gürtelwindung im Gehirn dafür, dass bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet werden, sogenannte Neurotransmitter,

Wir fühlen uns dann besser oder schlechter. Die Glücksgefühle beim Gewinnen lassen sich ganz besonders auf ein Hormon zurückführen: Dopamin

Die universelle Währung von Glück, wenn man es so will im Gehirn, das ist das Dopamin.”

Dopamin legt sich dann an die Synapsen, also an die Rezeptoren an unseren Nervenenden und leitet so ein Belohnungssignal weiter ans Gehirn. Hier besteht die Gefahr, dass man von diesem Gefühl abhängig werden kann.

Neuronen vernetzen über Nervenbahnen unser Gehirn, wie Straßen (Foto: Colourbox)
Neuronen vernetzen über Nervenbahnen unser Gehirn, wie Straßen

Eine nicht erfüllte Gewinnerwartung

Die Enttäuschung des Verlierens basiere vor allem darauf, dass wir eine nicht erfüllte Gewinnerwartung haben", sagt Professor Eickhoff. Durch diese Hoffnung auf den Gewinn haben wir eine gewisse Vorfreude, auch neurobiologisch. Wenn der Gewinn ausbleibt, erleben wir das als einen Verlust.

Beim Verlieren fühlen wir Dopaminentzug

Der Entzug an Dopamin im Moment der Niederlage sorgt dafür, dass der Belohnungsreiz ausbleibt. Diesen Abfall der Anspannung empfinden wir als Enttäuschung.

Zwei Arten von Emotionen

Professor Jens Prüssner beschreibt zwei Arten von Emotionen: die primäre, die bei jedem Menschen mehr oder weniger gleich ausgeprägt ist. Zum Beispiel das Gefühl einer freudigen Überraschung, die man nicht erwartet hat. Und die erlebte sekundäre Emotion, dazu zählen unter anderem Schadenfreude. Dies sei je nach Erziehung und kulturellem Hintergrund unterschiedlich. Was dazu führt, dass Menschen diese Gefühle auch unterschiedlich stark erleben.

Gehirn wird ungeduldig

Wenn das Gehirn zu lange auf ein Ergebnis warten muss, dann kann das auch schwierig werden. Wie beispielsweise beim Wahlergebnis, auf das die Politiker und Politikerinnen lange hingearbeitet haben und viel investiert haben und damit aber auch viel Hoffnung auf ein gutes Ergebnis haben. Das Gehirn erwartet quasi eine Dopamin-Ausschüttung.

Tröpfeln der Gefühl

Nun ist es mit der Nacht der Auszählung nach der Wahl nicht getan. Es folgen dann noch zähe Verhandlungstage, ein Horror für das Gehirn. Laut Eickhoff sei es dann eben nicht wie "ein über die Ziellinie laufen" und man wisse direkt, dass man gewonnen oder verloren habe. Das System sei dann irgendwann einfach erschöpft. Eickhoff spricht in diesem Zusammenhang von einem "Tröpfeln der Gefühle", dass sich die Freude oder Enttäuschung erst nach und nach einstellt.

Wen machen wir für das Verlieren verantwortlich?

Und wenn wir dann verloren haben, dann beginnen oftmals sofort die Gewissensbisse und man fragt sich, woran es gelegen hat und wer Schuld haben könnte. Machten wir jemanden anderes für eine Enttäuschung verantwortlich, empfänden wir Ärger oder Wut. Machten wir uns aber selbst dafür verantwortlich, stelle sich eher Traurigkeit ein, sagt Professor Püssner.

Zu viel grübeln, tut uns nicht gut (Foto: Colourbox)
Zu viel grübeln, tut uns nicht gut. Und kann sogar zu depressiven Verstimmungen führen.

Bis hin zu tiefen Selbstzweifeln. Das kann auch zu einem Gefühl der Demütigung führen, das in Fachkreisen „Humiliation“ genannt wird. Professor Prüssner warnt zudem davor, dass länger anhaltende Gefühle von Enttäuschung sogar zu depressiven Verstimmungen führen könnten.

In der Politik werde sich in den nächsten Wochen zeigen, wie gut jemand gewinnen oder verlieren kann. Bei all dem “Hormoncocktail” im Kopf wäre es aber sicherlich gut, auch mal eine Pause für die Gürtelwindung, die „Gyrus cinguli“, einzulegen, um das System nicht zu überlasten. 

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