Blaue Pille Viagra

Medizin

25 Jahre Viagra: Wie wirkt die blaue Pille?

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Ulrike Till
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Leila Boucheligua

Vor 25 Jahren wurde Viagra in den USA zugelassen, ein halbes Jahr später bei uns. Ursprünglich war die potenzsteigernde Wirkung des Mittels eine Nebenwirkung. Wie funktioniert die blaue Pille und warum kann sie auch bleibende Schäden anrichten?

Die berühmteste blaue Pille der Welt feiert ihren 25. Geburtstag: Am 27. März 1998 wurde Viagra in den USA zugelassen, ein halbes Jahr später kam das Potenzmittel auch in Europa auf den Markt. Bevor es Viagra gab, konnten sich Männer mit Erektionsstörungen nur Spritzen setzen lassen, eine Vakuumpumpe verwenden, oder eine riskante Penis-Operation auf sich nehmen. Mit Viagra gab es erstmals eine schnelle, wirksame Alternative. Kein Wunder also, dass die kleine blaue Pille schnell ein Verkaufsschlager wurde.  

Wirkung als Potenzmittel war eine unerwartete Nebenwirkung

Eigentlich wollte der Pharmakonzern Pfizer ein Mittel gegen Bluthochdruck und Herzschwäche entwickeln. Dafür fanden Testreihen mit englischen Minenarbeitern statt, die sich über eine unerwartete Nebenwirkung freuten: Im Bett klappte es bei ihnen plötzlich besser denn je. Sie hatten mehr Erektionen, die zudem länger anhielten.

Viele Männer wollten die restlichen Medikamente nach Studienende nicht mehr herausgeben und Unbekannte brachen sogar in ein Labor ein, um sich die blauen Pillen zu beschaffen. Schon bald wurde Viagra zum weltweiten Verkaufsschlager und zu einem der meistkopierten Medikamente. 

Viagra wirkt mechanisch 

In Viagra steckt der Wirkstoff Sildenafil. Diese Substanz blockiert das Enzym PDE5 und fördert so die Durchblutung. Das führt allerdings nicht automatisch zu einer Erektion, sondern nur dann, wenn der Mann erregt ist. Meistens funktioniert das, in 30 Prozent der Fälle aber nicht. Dann haben die Erektionsstörungen andere Ursachen. So kann es zum Beispiel sein, dass Nerven stimuliert werden müssen oder der Beckenboden zu schwach ist.

Chemische Formel von Sildenafil
Der Wirkstoff in Viagra heißt Sildenafil. Der Arzneistoff wird wegen seiner gefäßerweiternden Wirkung bei Erektionsstörungen eingesetzt.

Körperlich abhängig macht die Potenzpille nicht - doch manche Nutzer glauben, dass sie nur noch mit Viagra guten Sex haben können. Inzwischen schlucken auch viele junge Männer die blauen Pillen, obwohl sie es nicht nötig hätten – Viagra hat schon vielen geholfen, aber es hat auch den Leistungsdruck im Bett erhöht. 

Ähnliche Wirkung bei Frauen

Der Wirkmechanismus bei Männern – die Hemmung des Enzyms PDE5 – funktioniert auch bei Frauen. Da der Wirkstoff Sildenafil bei Frauen auf diesem Weg die Durchblutung in der Klitoris und der Scheidenschleimhaut anregen kann, wirkt Viagra auch bei Frauen luststeigernd.

Jede Menge Nebenwirkungen 

Viagra kann zu Kopfschmerzen, Sodbrennen und Hitzewallungen führen. Manchmal treten auch Sehstörungen auf, insbesondere die Wahrnehmung von Blau- und Grüntönen kann vorübergehend gestört sein. Das liegt daran, dass der Wirkstoff Sildenafil nicht nur das Enzym PDE5 hemmt, sondern auch das eng verwandte PDE6, was im Auge eine wichtige Rolle spielt. In sehr seltenen Fällen sind schon Patienten mit Gefäßschäden erblindet.

Bei Männern mit einer Anlage für das Netzhautleiden retinitis pigmentosa kann Viagra bleibende Sehschäden hinterlassen. Wer zu viel auf einmal zu sich nimmt, riskiert außerdem schmerzhafte Dauererektionen und Kreislaufprobleme bis hin zum Herzinfarkt. Ebenso muss bei der gleichzeitigen Einnahme anderer Medikamente aufgepasst werden: Viele Antibiotika verstärken die Wirkung von Viagra, das gilt auch für manche Herzmittel.

Doch es gibt auch verblüffende positive Nebenwirkungen: Viagra hilft gegen Höhenkrankheit, Jetlag und machte fettleibige Mäuse in Studien wieder schlank. Und auch schlappe Schnittblumen richten sich mit Viagra im Wasser schnell wieder auf. 

Finger weg von Fälschungen 

Viagra gibt es in deutschen Apotheken nur auf Rezept. Weil der Patentschutz abgelaufen ist, können außer Pfizer auch andere Hersteller Pillen mit Sildenafil anbieten. Bei diesen Generika kostet eine Pille im Schnitt nur fünf Euro. Das Original ist mindestens dreimal so teuer, der Effekt ist aber der gleiche.

Potenzmedikament Cialis
Neben Viagra – dem wohl bekanntesten Mittel bei Erektionsstörungen – gibt es auch andere potenzsteigernde Medikamente. Unter anderem Cialis, das wie Viagra einen Wirkstoff enthält, der das Enzym PDE5 hemmt und so die Durchblutung fördert.

Das gilt im wesentlichen auch für Konkurrenzprodukte mit anderen Wirkstoffen, die den Körper auf ähnliche Weise beeinflussen: Levitra, Cialis und Spedra sind in Deutschland auch zugelassen. Genau wie Viagra bekommt man sie nur auf Rezept. In Vergleichsstudien fanden manche Probanden diese neueren Pillen sogar besser als Viagra.

Bei Fälschern sind alle Arten von Potenzpillen beliebt – doch wer im Ausland auf Straßenmärkten vermeintliches Viagra zum Schnäppchenpreis kauft, lebt gefährlich: In Fälschungen ist entweder oft kein Wirkstoff enthalten, viel zu viel oder etwas ganz anderes. Die Nebenwirkungen sind unberechenbar. 

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