Werden in naher Zukunft Lufttaxis und Transportdrohnen durch die Lüfte in den Städten schweben?

Mobilität der Zukunft

Wie realistisch sind Lufttaxis und Drohnen in der Stadt?

Stand
Moderator/in
Jochen Steiner
Interview
Bianca Schuchardt, vom DLR in Braunschweig und Leiterin des Projekts Horizon UAM
Onlinefassung
Leila Boucheligua
Elisabeth Theodoropulos

Werden wir schon bald mit dem Flugtaxi durch die Stadt fliegen? Ist Drohnenverkehr in der Stadt ein realistisches Szenario? Ingenieurin Bianca Schuchardt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, stellt die Prognosen eines kürzlichen Forschungsprojekts vor.

Wer in ein paar Jahren mit dem Taxi fahren will, winkt sich vielleicht keines mehr von der Straße heran, sondern muss in die Luft winken, weil dann Flugtaxis unterwegs sind. Diese Vorstellung klingt etwas nach Science-Fiction, aber tatsächlich wird an solchen Fluggeräten – allgemein an der „Urban Air Mobility“ – geforscht, zum Beispiel am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Das DLR veranstaltete jetzt in Cochstedt (Sachsen-Anhalt) ein Symposium zur Urban Air Mobility (UAM). Einblicke in den aktuellen Stand der Dinge bei Flugtaxis und Co. gibt die Ingenieurin Bianca Schuchardt vom DLR in Braunschweig.

Das Modell eines Lufttaxis im Berliner Hauptbahnhof.
Dieses Modell eines Lufttaxis wurde am Berliner Hauptbahnhof ausgestellt.

So können Flugtaxis in unseren Alltag treten

Jochen Steiner, SWR: Welche Projekte sind denn am DLR und vielleicht auch darüber hinaus gerade in Arbeit in Sachen Flugtaxis und Co.?

Bianca Schuchardt, Forscherin am DLR in Braunschweig: Am DLR haben wir eine ganze Reihe an Projekten, in denen wir zu dem Thema Urban Air Mobility arbeiten. Ich selbst leitet das Projekt Horizon UAM, was mit unserem Symposium heute in Cochstedt zu Ende geht. Das ist ein Forschungsprojekt, in dem wir Urban Air Mobility ganzheitlich betrachten können. Das heißt, wir haben in Summe zehn DLR-Institute dabei, um vielfältige Facetten bewerten zu können.

Jochen Steiner: Und die sehen wie aus? Gibt es zum Beispiel wirklich ein Fluggerät, in das man sich reinsetzen kann, das auch schon abhebt?

Bianca Schuchardt: Darum geht es nicht. Wir sind ja eine Forschungseinrichtung, wir erforschen also eher die Technologien, die dahinterstehen. Ganz konkret haben wir uns im Projekt Horizon UAM mit dem Vehikel beschäftigt, also Vehikel-Konzepte entwickelt, auch auf Systemseite. Wir haben uns mit der Infrastruktur beschäftigt und wir haben uns angeschaut, wie Start- und Landepunkte für Lufttaxis zukünftig aussehen könnten, sogenannte Vertidrome.

Wir haben uns aber auch um den Betrieb gekümmert. Vor allem die Luftraumintegration ist noch eine große Herausforderung. Wenn es zukünftig eine potenziell große Anzahl an Drohnen und Lufttaxis geben könnte, brauchen wir einfach neue Systeme, um sie im Luftraum sicher führen zu können. Und wir haben uns auch mit der gesellschaftlichen Akzeptanz beschäftigt. So ein neues Mobilitätssystem muss am Ende natürlich auch auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten sein.

Prototyp des Inneren eines Flugtaxis
Dieser Prototyp präsentiert wie der Innenraum eines Flugtaxis aussehen könnte.

"Die Herausforderung ist es viele Fluggeräte sicher im Luftraum zu führen."

Jochen Steiner: Die Technik ist ja schon recht vorangeschritten. Es gibt ja auch Unternehmen aus dem Sendegebiet hier, die solche Flugtaxis schon anbieten. Oder ist da noch viel Forschungsbedarf?

Bianca Schuchardt: Also es gibt tatsächlich schon einige Unternehmen, die in dem Bereich unterwegs sind. Sie sind auch auf sehr gutem Wege, ihre Fluggeräte zertifizieren zu lassen. Ein erster Schritt wird es sicherlich sein, dass diese Lufttaxis mit Pilot an Bord betrieben werden können, ähnlich wie das heute bereits bei Hubschraubern ist. Aber die Herausforderung für die Zukunft – und da brauchen wir definitiv noch viel Forschung – das ist die Frage, ob wir auch viele von diesen Fluggeräten sicher im Luftraum führen können.

"Mehr als 200 Städte weltweit haben hohes Potenzial, Lufttaxis für die große Bevölkerung einzusetzen."

Jochen Steiner: Viele, aber vielleicht nicht so viele, dass jeder damit fliegen kann. Dafür ist es, glaube ich, nicht gedacht, oder?

Bianca Schuchardt: Da haben wir unterschiedliche Prognosen im Projekt gemacht. Zum Beispiel haben wir uns den Zeitraum bis 2030 herausgepickt. Das wäre der erste Ansatz, wie sich der Markt für Lufttaxis entwickeln könnte. Nach unseren Prognosen haben wir bis zum Jahr 2050 doch mehr als 200 Städte weltweit identifiziert, die ein hohes Potenzial hätten, Lufttaxis auch für die große Bevölkerung einzusetzen. Aber natürlich ist es am Ende eine Preisfrage.

Flugsimulator eines Urban Air Mobility Taxis
Ein Urban Air Mobility Flugsimulator vermittelt einen Eindruck, wie das Steuern eines solchen Taxis aussehen könnte.

Jochen Steiner: 200 Städte, was sind das für Städte? Was zeichnet die aus? Wo könnten denn die Flugtaxis zum Einsatz kommen?

Bianca Schuchardt: In unserer Prognose haben wir uns Städte mit über 500.000 Einwohnern angesehen. In Deutschland sind das größere Städte wie zum Beispiel Hamburg. Wir haben im Projekt Horizon UAM immer wieder Hamburg als Referenzstadt herangezogen und verschiedene Simulationen für Hamburg durchgeführt. Auch Berlin, München, Frankfurt und das Ruhrgebiet sind dabei. Und weltweit natürlich Metropolen wie New York, London oder Tokio. Das sind größere Städte, wo wir auf jeden Fall hohes Marktpotenzial für Urban Air Mobility sehen.

Mit dem Lufttaxi zum Flughafen

Jochen Steiner: Aber wer nutzt dann diese Luft-Vehikel? Sind das die reichen Leute, um schnell von A nach B zu kommen, oder was sind mögliche Nutzungsszenarien?

Bianca Schuchardt: Wir haben verschiedene Anwendungsfälle untersucht, zum Beispiel wäre ein Flughafenzubringer eine Möglichkeit. Das heißt, wenn man auch als Normalperson mit dem Flugzeug verreisen möchte, könnte man sich von einem Lufttaxi, einem Vertidrome, in der Nähe abholen und direkt zum Flughafen bringen lassen. Das wäre eine Möglichkeit.

Lufttaxi bringt Passagiere zum Flughafen.
Ein Flughafenzubringer könnte Personen abholen und direkt zum Flughafen bringen.

Eine Telefonbefragung, die wir in der deutschen Bevölkerung durchgeführt haben, hat aber gezeigt, dass sich die Bevölkerung aktuell doch eher Lufttaxis im ländlichen Raum wünscht. Also in dem Bereich, wo heute noch nicht so viele alternative Fortbewegungsmittel da sind, wenn der Bus nicht so häufig fährt. Da ist die Bereitschaft groß, auch als Normalbürger ein Lufttaxi nutzen zu können.

Aber ich hatte eben schon gesagt, dass es am Ende eine Preisfrage ist. Wir haben berechnet, wenn die Preise für das Lufttaxi eines Tages bei vier Euro pro Kilometer liegen könnten, dann entwickelt sich auch eine entsprechend hohe Nachfrage. Wenn die Preise höher werden, dann wird die Nachfrage nicht so groß sein und nicht jeder wird mitfliegen wollen. Aber wenn es eines Tages so weit kommt, dass die Preise sogar noch niedriger ausfallen, dann wäre es tatsächlich eine attraktive Alternative, die auch vielen Personen zugutekommen würde.

Olaf Scholz mit Stefan Klocke vor einem elektrischen Lufttaxi bei der Eröffnung der Internationalen Luft- und Raumfahrtsmesse in Berlin (ILA)
Bei der Eröffnung der internationalen Luft- und Raumfahrtsmesse in Berlin (ILA) steht Olaf Scholz mit Stefan Klocke vor einem elektrischen Lufttaxi.

Einsatzmöglichkeiten von Medikamententransport bis hin zur Suche nach Rehkitzen

Jochen Steiner: Gibt es darüber hinaus noch andere Szenarien, in denen nicht nur ich, sondern auch ein Köfferchen transportiert wird? Oder Drohnen, die Medikamente auf entlegene Inseln bringen?

Bianca Schuchardt: Definitiv. Im Projekt Horizon UAM haben wir uns tatsächlich auf den Passagiertransport fokussiert. Aber das DLR forscht auch an anderen Projekten, in denen der Transport von eiligen Medikamenten ein Thema ist. Oder auch Überwachungsaufgaben. Zum Beispiel kann man Drohnen einsetzen, um Rehkitze im Feld zu finden. Die kann man mit Drohnen schneller finden, als wenn man nur auf dem Boden unterwegs ist und so ein Rehkitz retten, bevor der Mähdrescher das Feld abmäht. Es gibt also ganz unterschiedliche Anwendungsfälle, die für Drohnen oder später auch Lufttaxis denkbar sind.

Jochen Steiner: Was würden Sie sagen, wann könnten wir „Otto Normalverbraucher“ damit rechnen, mal mit einem Lufttaxi fliegen zu können?

Bianca Schuchardt: Ja, das ist der Blick in die Glaskugel. Die EASA, die europäische Luftfahrtsicherheitsbehörde, prognostiziert, dass schon ab 2025 erste Transportdrohnen und auch pilotierte Lufttaxis unterwegs sein könnten. In unseren eigenen Zukunftsszenarien im Projekt Horizon UAM haben wir den Zeitpunkt 2030 als realistischer angenommen. Und bis 2050 – das ist unsere Prognose – könnte sich das Urban Air Mobility System etabliert haben.

Stand
Moderator/in
Jochen Steiner
Interview
Bianca Schuchardt, vom DLR in Braunschweig und Leiterin des Projekts Horizon UAM
Onlinefassung
Leila Boucheligua
Elisabeth Theodoropulos