Die Lichtverschutzung hat nach einer neuen Studie in den letzten Jahren deutlich zugenommen. (Foto: IMAGO, imago/Ikon Images)

Weniger Sterne sichtbar

Lichtverschmutzung hat zugenommen

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Uwe Gradwohl
Uwe Gradwohl, Leiter der Redaktion SWR Wissen Aktuell. (Foto: SWR, Christian Koch)
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Ralf Kölbel

Die Lichtverschmutzung am Nachthimmel nimmt viel stärker zu als bisher erwartet und lässt die Sichtbarkeit von Sternen drastisch sinken. Das hat auch gravierende Folgen für die Umwelt.

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Im Universum gibt es Trilliarden von Sternen. Mit bloßem Auge sind von der Erde aus nur 3.000 Sterne zu erkennen - und es werden weniger. Der einst tiefdunkle Nachthimmel wird nämlich durch künstliches Licht aufgehellt.

Bürgerinnen und Bürger zum Sehtest am Himmel aufgerufen

Die Forschenden aus Deutschland und den USA hatten eine raffinierte Idee: Um herauszufinden, wie stark sich der Nachthimmel über die Jahre hinweg verändert hat, beschlossen sie, Bürgerinnen und Bürger dazu aufzurufen, einen einfachen Sehtest am Sternenhimmel durchzuführen.

Für das Experiment wurden acht Sterne vorgegeben. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Aktion sollten melden, welche der acht Sterne sie tatsächlich von ihrem Standort aus in der Nacht erkennen konnten. Je stärker der dunkle Nachthimmel durch Siedlungsbeleuchtung aufgehellt wurde, umso weniger Sterne konnten von den Teilnehmenden erkannt werden. In der Datenbank des "Globe at Night"-Projekts sammelten sich auf diese Weise von 2011 bis 2022 mehr als 51.000 Rückmeldungen von Sternguckern von fast 20.000 Standorten weltweit. Diese Daten zur Lichtverschmutzung wurden nun ausgewertet und in einer Studie im Magazin "Science" veröffentlicht.

Die Lichtverschutzung hat nach einer neuen Studie in den letzten Jahren deutlich zugenommen. (Foto: IMAGO, imago images/Sylvio Dittrich)
Die Lichtverschutzung hat nach einer neuen Studie in den letzten Jahren deutlich zugenommen. imago images/Sylvio Dittrich

Wegen Erhellung des Nachthimmels deutlich weniger Sterne erkennbar

Pro Jahr wurde der Nachthimmel in Europa um 6,5 Prozent und in Nordamerika um 10,4 Prozent heller. Das war das eindeutige Ergebnis des Experiments unter Leitung des Deutschen Geo-Forschungszentrums in Potsdam. Die jährliche Aufhellung betrug im Durchschnitt weltweit 9,6 Prozent. Das hat große Auswirkungen auf die Anzahl an Sternen, die ein Mensch erkennen kann:

"Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird ein Kind, das an einem Ort geboren wird, an dem 250 Sterne sichtbar sind, an seinem 18. Geburtstag nur noch 100 davon sehen können", sagt Christopher Kyba, Erstautor der Studie.

Insbesondere in Städten sind durch die vielen Lichtquellen immer weniger Sterne am Nachthimmel zu beobachten. (Foto: IMAGO, imago images)
Insbesondere in Städten sind durch die vielen Lichtquellen immer weniger Sterne am Nachthimmel zu beobachten. imago images

Satelliten-Daten geben andere Hinweise

Die mit Hilfe von Satelliten gewonnenen Daten, die in der Erdumlaufbahn gemessen wurden, stehen dazu in einem drastischen Kontrast. Die aus der Umlaufbahn gemeldeten Messwerte deuten sogar auf eine Verdunklung des Nachthimmels in den vergangenen Jahren hin. Demnach waren in Europa die Nächte um 0,3 Prozent dunkler, in Nordamerika um 0,8 Prozent.

Diesen Unterschied führen die Forschenden darauf zurück, dass Satelliten nur jene Lichtquellen erfassen, die vom Boden direkt nach oben Richtung Weltall strahlen. Beim Blick in den Nachthimmel nehme das menschliche Auge aber vor allem jenes Streulicht war, das von Lichtquellen stamme, die seitlich in das Blickfeld hineinstrahlten. Zudem seien die Satelliten nicht in der Lage, den Anteil an blauem Licht zu messen, der von LEDs ausgehe. Dieser Blauanteil wird vom menschliche Auge sehr wohl als Aufhellung wahrgenommen. 

Satelliten erfassen nicht das ganze Lichtspektrum. (Foto: IMAGO, imago/Ikon Images)
Satelliten erfassen nicht das ganze Lichtspektrum. imago/Ikon Images

Weltweite Beobachtungsdaten soll mehr Klarheit bringen

Die Forschenden bemerken selbst, dass es eine Schwachstelle ihrer Studie sei, dass die Bürgerdaten nicht gleichermaßen aus allen Regionen der Welt vorliegen. An dem Experiment beteiligten sich vor alle Bürgerinnen und Bürger aus Nordamerika, Europa und Japan.

Das seien jedoch genau jene Regionen, in denen die Aufhellung bereits deutlich fortgeschritten sei. Über große Teile Asiens, Afrikas und Südamerikas, in denen dieser Prozess vermutlich ebenfalls schnell voranschreite, könne man derzeit keine Aussagen treffen. 

Die Forschenden kommen aufgrund dieser Ergebnise zu dem Schluss, dass sich die Lichtverschmutzung des Nachthimmels durch den vermehrten Einsatz von LEDs leider nicht verringert habe. Es habe sich aber gezeigt, dass ein Projekt mit Beteiligung von Bürgern wie "Globe at Night" die traditionelle Forschung auf der Basis von Satellitendaten sehr gut ergänzen könne. Das Projekt wird fortgesetzt. Die Forschenden hoffen, mit noch größerer Teilnehmerzahl die am weltumspannenden Nachthimmel vorhandenen Beobachtungslücken schließen zu können. 

Zugvögel über Dresden - Tiere wie beispielsweise Zugvögel verlieren durch die Lichtverschutzung teilweise die Orientierung und geraten mitunter in Gefahr. (Foto: IMAGO, imago images/Sylvio Dittrich)
Tiere wie beispielsweise Zugvögel verlieren durch die Lichtverschutzung teilweise die Orientierung und geraten mitunter in Gefahr. imago images/Sylvio Dittrich

Lichtverschmutzung hat dramatische Auswirkungen auf die Flora und Fauna

Für Tiere ist das nächtliche Licht oft sogar eine tödliche Gefahr. Milliarden Insekten sterben an Lampen, Vögel fliegen große Umwege, um die Lichtglocke einer Stadt zu meiden, Fledermäuse verlieren die Orientierung und auch in Seen leiden die Fische.

Wir kennen die direkte Wirkung auf verschiedene Tiere wie zum Beispiel der Zugvögel. Die fliegen nachts direkt in die Nähe eines beleuchteten Gebäudes und fliegen dann eigentlich direkt rein, und das ist sehr gefährlich. Besonders bei schlechtem Wetter während der Zugvogelzeit. Der Lebenszyklus oder Lebensrhythmus vieler Tierarten ändert sich. Tiere verletzen sich, finden keine Nahrung mehr und sind desorientiert. Das Problem gibt es insbesonders bei Insekten.

Unsere Städte leuchten inzwischen zum Teil viertausendmal heller als das natürliche Nachtlicht. Da die Lichtverschmutzung die Ökosysteme beeinflusst, fordern Wissenschaftler*innen weltweit, klüger und verantwortungsvoller mit Licht umzugehen.

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