In 60 Prozent der untersuchten Kinder wurden gefährliche und verbotene Weichmacher im Urin gefunden. (Foto: IMAGO, IMAGO / imagebroker)

Umweltbundesamt ermittelt

Verbotener Weichmacher in Urin gefunden

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Ralf Caspary
Ralf Caspary (Foto: SWR)
INTERVIEW
Toxikologin Dr. Marike Kolossa, Umweltbundesamt.
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Lilly Zerbst
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Forschende fanden in Urinproben einen gefährlichen Weichmacher - vor allem Kinder sind betroffen. Woher der kommen könnte und was nun dagegen getan wird, erklärt Dr. Marike Kolossa vom Umweltbundesamt im Gespräch mit SWR2.

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Gefundener Stoff könnte Fortpflanzung gefährden

Ralf Caspary, SWR2: In der aktuell noch laufenden sechsten deutschen Umweltstudie zur Gesundheit sei bislang in 37 Prozent der Proben der Metabolit MNHEXP entdeckt worden. Was ist das für ein Stoff?

Toxikologin Dr. Marike Kolossa, Umweltbundesamt: Wir vermuten, dass es tatsächlich ein Phthalat, ein Weichmacher, ist. Das ist eine Stoffgruppe, die fortpflanzungsgefährdende Wirkung hat und die wir eben deshalb streng beobachten.

In einer deutschen Umweltstudie ist in bislang 37 Prozent der Urinproben ein Stoff gefunden worden, bei dem es sich vermutlich um einen gefährlichen und verbotenen Weichmacher handelt. Arzt betrachtet Urinprobe. (Foto: IMAGO, IMAGO / fStop Images)
In einer deutschen Umweltstudie ist in bislang 37 Prozent der Urinproben ein Stoff gefunden worden, bei dem es sich vermutlich um einen gefährlichen und verbotenen Weichmacher handelt.

Suche nach Quelle: Stoff ist vermutlich gefährlicher Weichmacher

Ralf Caspary: Aber sie wissen es noch nicht hundertprozentig, oder?

Dr. Marike Kolossa: Das ist sehr schwierig zu sagen, weil wir hier einen Stoff vor uns haben, der in Europa gar nicht zugelassen ist. Deshalb wissen wir auch nicht, ob und wo er verwendet wird.

Wir suchen jetzt nach der Quelle. Am naheliegendsten ist, dass tatsächlich dieses Phthalat der Ursprung des Stoffwechselprodukts ist. Man kann aber natürlich auch noch andere theoretische chemische Überlegungen anstellen, die wir auch nachverfolgen.

Ralf Caspary: Welche Überlegungen stellen Sie an?

Dr. Marike Kolossa: Das könnte sich beispielsweise auch um ein größeres mehrkettiges Phthalat handeln, von dem dann eine Seitenkette abbricht. Denn große Moleküle sind nicht unbedingt stabil. Aber das sind sehr theoretische Überlegungen für. Für am wahrscheinlichsten halten wir, dass es tatsächlich ein Abbauprodukt dieses nicht zugelassenen Phthalats ist.

Gefährlicher Weichmacher ist in Europa verboten

Ralf Caspary: Haben Sie denn eine Ahnung oder Hypothese, wo der Weichmacher drin gewesen sein könnte oder drin ist?

Dr. Marike Kolossa: Das ist genau die schwierige Frage. Dadurch, dass der Stoff nicht zugelassen ist, dass er seit 2013 als Stoff mit besonderer Bedenklichkeit gelistet ist, gibt es natürlich auch keine Information, wer ihn einsetzt und verwendet.

Wir haben in Recherchen gesehen, dass er theoretisch früher in Nischenanwendungen verwendet worden ist - für kleine Dichtungen oder spezielle Arten von Gummihandschuhen. Aber eigentlich könnte er nicht auf dem Markt sein, weil es keine Anmeldung und keine Zulassung für den Stoff in Europa gibt.

Weichmacher sind in vielen flexiblen Produkten aus Plastik enthalten - zum Beispiel in Kabeln, Folien, Fußbodenbelägen und Sportartikeln. Einige Weichmacher sind allerdings gefährlich und daher in Europa verboten. (Foto: IMAGO, IMAGO / blickwinkel)
Weichmacher sind in Produkten wie Kabeln, Folien, Fußbodenbelägen und Sportartikeln enthalten. Einige Weichmacher sind allerdings gefährlich und daher in Europa verboten.

Weichmacher könnte von Importprodukten kommen

Dr. Marike Kolossa: Es ist natürlich ein Problem, dass die Zulassungspflicht nicht für Importprodukte gilt. Insofern könnte es durchaus sein, dass es Importprodukte sind, die diesen Stoff jetzt in die Menschen in Europa bringen.

Weichmacher-Belastung bei Kindern besonders hoch

Ralf Caspary: Hat man den Stoff nur bei Erwachsenen gefunden oder gab es auch Proben von Kindern und Jugendlichen?

Dr. Marike Kolossa: In Nordrhein-Westfalen hat das Landesamt für Naturschutz eine Untersuchung an Kindergartenkindern gemacht. Sie haben auch gesehen, dass sie 2015 kaum Belastungen gefunden haben, dann aber in den Proben von 2017 und 2018 schon 26 Prozent und in den Proben von 2021 waren 60 Prozent der Kinder belastet - also ein zunehmender Trend.

Für Erwachsene können wir noch keine Trendaussage treffen. Das untersuchen wir gerade mit einer Zeittrendanalyse in Proben der Umweltprobenbank.

Kommt der gefährliche Weichmacher aus bestimmten Kinderprodukten?

Ralf Caspary: Man kennt jetzt den Zeitraum, in dem es bei den Kindern Änderungen gab. Kann man dann recherchieren, ob sich etwas geändert hat bei den Gegenständen, mit denen die Kindern umgehen?

Dr. Marike Kolossa: Das könnte man schauen. Wenn wir den Zeitraum wüssten, in dem der Stoff auftritt oder beginnt aufzutreten, könnten wir besser die Quellen suchen. Wir haben natürlich ein bisschen die Hypothese, dass wenn sich bestätigt, dass zwischen 2017 und 2018 der Stoff verstärkt auftritt, dass es sich womöglich tatsächlich um einen Ersatzstoff für zu diesem Zeitpunkt verbotene fortpflanzungsgefährdende andere Phthalate handeln könnte.

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Gefährlicher Weichmacher beeinflusst Kindesentwicklung

Ralf Caspary: Sie haben eben angedeutet, dass dieser Stoff als gesundheitsgefährdend eingestuft ist. Was macht der im Körper genau, weiß man das?

Dr. Marike Kolossa: Ja, der Stoff hemmt oder stört das Hormonsystem und wirkt sich negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Vor allen Dingen auf die Fruchtbarkeit von Männern. Und der Stoff beeinflusst auch das Wachstum des Kindes im Mutterleib.

Behörden sind dem gefährlichen Weichmacher auf der Spur

Ralf Caspary: Muss man sich jetzt Sorgen machen?

Dr. Marike Kolossa: Ich denke mal, wir haben in Deutschland so ein gutes vorsorgliches System, um sowas zu untersuchen, dass ich sagen würde, die deutschen Behörden haben das relativ gut im Griff.

Wir arbeiten jetzt natürlich mit den europäischen, für Chemikalienzulassungen zuständigen Behörden zusammen und bauen auch gerade ein europäisches Netzwerk dazu auf. Ich würde mal sagen, dass die Risiken sich in Grenzen halten, besonders weil wir die anderen Stoffe, die additiv wirken, zu diesem Stoff stark begrenzt haben in den letzten Jahren. Wir sehen auch eine starke Abnahme der Belastung mit diesen Stoffen. Ich glaube, man kann uns da vertrauen, dass wir das Problem schnell lösen für die Bevölkerung.

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