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Was wir essen, hat womöglich Einfluss auf unser Wesen, unsere Stimmungen und auf die psychische Gesundheit. Zumindest haben Forscher:innen weltweit immer mehr Hinweise darauf.

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Die Darm-Hirn-Achse

Es scheint diverse Verbindungen zwischen unserem Darm und dem Gehirn zu geben – die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Matthias Laudes vom Exzellenzlehrstuhl für Innere Medizin des Universitätsklinikums Kiel sagt: Dass der Darm in irgendeiner Form mit unserem Gehirn kommuniziert, ist seit vielen Jahren bekannt. Es gibt mindestens drei Möglichkeiten:

1. Unsere Ernährung kann mit dem Darmnervensystem in Interaktion treten und elektrische Signale über die Nervenbahn ins Gehirn leiten.

2. Je nachdem was wir essen, werden verschiedene Hormone gebildet und verschiedene Hormone lösen dann im Gehirn verschiedene Reaktionen aus.

3. Unsere Ernährung beeinflusst natürlich die Darmbakterien. Die Gemeinschaft der Darmbakterien unterscheidet sich in ihrer Mischung von Mensch zu Mensch, geprägt von Geburt, Umwelt und Ernährung. Und sie beeinflusst offenbar auch, wie wir uns fühlen.

Illustrierung des menschlichen Darms (Foto: Imago, imago images/Science Photo Library)
95% des Glückshormons Serotonin werden im Darm gebildet. Imago imago images/Science Photo Library

Glück kommt aus dem Darm

Davon jedenfalls ist die Psychiaterin Kamila Jauch-Chara überzeugt, Leiterin des Zentrums für Integrative Psychiatrie in Kiel: "

Wir wissen auch, dass die Bakterien teilweise daran beteiligt sind, Neurotransmitter, also Substanzen, die auf unsere Stimmung einwirken zu produzieren. Und dazu gehört Serotonin. 95% des Glücks-machenden Hormons werden tatsächlich im Darm gebildet."

Was alles im Gehirn ankommt

Bis vor einiger Zeit galt die Blut-Hirn-Schranke als Grenze. Durch sie schützt sich das Gehirn, trifft eine Auswahl, welche Stoffe hereingelassen werden und welche nicht. Inzwischen aber weiß man, dass manche Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, so genannte Metabolite, diese Barriere zum Gehirn überwinden. Und so könnten Entzündungsbotenstoffe auch ins Gehirn gelangen.

"Es gibt Hinweise, das ist nichts was noch bewiesen werden muss, dass Stress die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut erhöht. Und dadurch entzündungsbildende Substanzen wie Interleukin-6 oder T-Zellen vermehrt ausgeschüttet werden. Diese führen dann zu niedrigdosierten Entzündung und wirken sich dann negativ auf die Stimmung aus."

Versuche an Mäusen

Solche Aussagen stützen sich allerdings meist auf Versuche an Mäusen. In Bezug auf den Menschen können die Forscher oft nur Zusammenhänge beobachten. Also zum Beispiel, wie eine große Gruppe von Menschen sich ernährt – und welche Krankheiten sie bekommt.

Hier fällt besonders die westliche Ernährungsweise negativ auf. Wer viel Fleisch, viel tierisches Fett, Frittiertes und Zucker isst, bekommt statistisch häufiger körperliche Erkrankungen wie Diabetes und Stoffwechselstörungen – aber eben auch geistige Auffälligkeiten, wie eine Verschlechterung der Gehirnfunktion und eine Zunahme von Ängsten. Allerdings bleibt das Henne-Ei-Problem: Führen Ängste zu einer schlechteren Ernährungsweise – oder umgekehrt?

Eine Frau sitzt verdecktem Gesicht vor einem schwarzen Hintergrund. (Foto: Imago, imago images/photothek)
Erholt sich die Darmflora, könnte es dazu beitragen, dass sich Symptome einer Depression ebenfalls wieder bessern. Imago imago images/photothek

Die Darmflora kann den Verlauf von Depressionen beeinflussen

Eine weitere Beobachtung ist in diesem Zusammenhang, dass Menschen mit Depressionen auch Veränderungen in der Darmflora aufweisen, sagt die Psychiaterin und Psychosomatikerin Kamila Jauch-Chara:

"Es gilt als nachgewiesen, dass bei Menschen mit Depressionen bestimmte Bakterien nicht vorkommen (…) und daher liegt es nahe zu sagen: Wenn wir die Darmflora wieder normalisieren, dann könnte es dazu beitragen, dass die Symptome einer Depression sich deutlich schneller wieder bessern."

Ein Weg zur seelischen Heilung könnte es also sein, die Mikroorganismen im Darm wieder aufzupäppeln.

Probiotischer Joghurt (Foto: Imago, imago/Science Photo Library)
Probiotischer Joghurt beinhaltet Bakterien, die im Darm vorhanden sind. So könnten psychische Krankheiten, wie Depression, gemildert werden. Imago imago/Science Photo Library

Joghurt als Depressionsprophylaxe

Die Idee von Kamila Jauch-Chara klingt erstaunlich simpel: Sie möchte ihren stationären Depressionspatient:innen vier Wochen lang täglich probiotischen Joghurt verordnen. Der enthält nämlich Bakterienstämme, die auch im Darm beheimatet sind. Zu Beginn und am Ende der Studie soll die Darmflora der Patienten analysiert und ihre Stimmung per Fragebogen erhoben werden. Die Joghurtindustrie, versichert die Forscherin, sei nicht beteiligt.

Kein Ersatz für Psychotherapie

Ganz wichtig ist ihr auch zu sagen: Ernährung kann eine zusätzliche Therapie bei Depressionen sein, bei weitem nicht die einzige und erste.

"Ich würde mit Joghurt nie im Leben Medikamente oder Psychotherapie ersetzen wollen. Aber es ist für mich eine zusätzliche Maßnahme. Und ich glaube, hier ist sehr viel Platz nach oben."

Ein Patient sitzt in ihrem Behandlungszimmer vor seiner Therapeutin. (Foto: Imago, imago images/Cavan Images)
Wichtig: Eine umgestellte Ernährung ersetzt keine Psychotherapie. Imago imago images/Cavan Images

Mehr Vollkornprodukte, mehr Ballaststoffe

Die Forscherin glaubt auch: Es wird nicht bei Joghurt allein bleiben. Wahrscheinlich werde es viele Lebensmittel geben, die hierzu verwenden können. Sie starten mit Probiotika, weil in Tierexperimenten gute Ergebnisse entdeckt wurden. Man wisse aber auch, dass das menschliche Mikroorganismen durch Vollkornprodukte günstig beeinflusst werden können. "Es dauert länger. Es kann aber sein, dass jenseits gesunder Ernährung bestimmte Nahrungsmittel noch an Bedeutung zu nehmen. Und das sind die Präbiotika. Alles, was ballaststoffreich ist, gehört in diesen Bereich", so die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kiel.

Ernährungsumstellung braucht langen Atem

Fest steht: Wer seine Ernährung ändert, ändert allmählich auch seine Bakterienzusammensetzung im Darm. Hoch im Kurs steht derzeit die mediterrane Diät mit viel frischem Gemüse, Olivenöl, etwas Fisch, Nüssen und Vollkornprodukten – und wenig Fleisch. Sie soll entzündungshemmende Effekte haben.

Der Diabetologe und Entzündungsforscher Matthias Laudes betont aber, dass bei der Ernährungsumstellung ein langer Atem gefragt ist:

"Ein Punkt, der mir wichtig ist: Wir reden hier von dauerhaften Veränderungen. Es scheint nicht sinnig zu sein, eine bestimmte Ernährungsform für zwei Wochen durchzuführen und dann wieder in alte Verhaltensmuster zu gehen. Wenn man es ernst meint mit einer solchen Umstellung, dann ist das was, was Monate, Jahre durchgeführt werden muss, um positive Effekte zu erzielen."

Eine Frau steht mit ausgebreiteten Armen in einem sonnendurchfluteten Waldstück. (Foto: Imago, imago / Action Pictures)
Für einen gesunden Körper lohnt es sich immer auf eine gesunde Ernährung umzustellen. Imago imago / Action Pictures

Gesunder Körper, gesunder Geist

Obwohl also noch nicht abschließend bewiesen ist, in welchem Ausmaß unsere Ernährung unsere Stimmung und unsere psychische Gesundheit beeinflusst, schadet es nicht, sich schon einmal mit weniger Zucker und gesättigten Fetten vollzustopfen und auf eine mediterrane Ernährung umzuschwenken. Dass es dem Körper gut tut, gilt als bewiesen. Und in einem gesunden Körper wohnt ja bekanntlich auch ein gesunder Geist.

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