SWR2 Wissen

KI im Fußball – Mit Algorithmen zum Sieg

Stand
Autor/in
Tassilo Hummel und Jan Karon
Jan Karon (links) und Tassilo Hummel
Onlinefassung
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer

Jürgen Klopp hat Liverpool zum 1. Platz in der Premier League verholfen. War hier Künstliche Intelligenz im Spiel? Kann man mit Datensammeln Weltmeister werden?

Audio herunterladen (13,6 MB | MP3)

Fussballfans kennen die immer komplexeren Statistiken über Ballbesitz oder Passquoten schon längst. Antrittsgeschwindigkeit, Passgenauigkeit, Schusswinkel, Atemfrequenz, Erholungszeiten – alles wird erfasst und ausgewertet.

Scouting und Tracking: Datenanalyse ist wichtig

Die Grundlage für die Analyse bilden zwei verschiedene Kategorien von Daten: Mit sogenannten Scouting-Daten lassen sich alle Aktionen eines Spielenden statistisch erfassen: Wie oft wird geschossen? Wie oft wird das Tor getroffen? Wie viele der Pässe finden ihr Ziel? Wie viele Zweikämpfe werden gewonnen?

Hinzu kommen sogenannte Tracking-Daten. Mit ihnen wird das Laufverhalten und das Positionsspiel erfasst. Für sich genommen sind diese Daten wertlos. Wer Erfolg haben will, muss verstehen, wie die Einzelinformationen zusammenhängen. Traditionell machen Scouts diesen Job – doch immer öfter übernehmen Computerprogramme diese analytische Leistung.

Der FC Liverpool, Champions League-Sieger 2019 und noch immer eins der besten Teams im englischen Männerfußball, gilt darin weltweit als führend. Branchenkenner sagen: Der Club setzt auf Künstliche Intelligenz, also auf Algorithmen, die gewisse Muster in Daten erkennen und ihren Quellcode selbständig weiterentwickeln. Fünf Datenanalysten, genannt Data Scientists, arbeiten in Liverpool. Sie hätten, so erzählt man sich, 2015 auch ausgerechnet, dass der deutsche Trainer Jürgen Klopp für Liverpool der richtige sei, obwohl der am Ende in Dortmund keinen Erfolg mehr hatte.

Trainer Jürgen Klopp jubelt 2019 nach dem Gewinn der Champions League mit seiner Mannschaft FC Liverpool. Der englische Club gilt als führend beim Einsatz künstlicher Intelligenz zur Optimierung der Leistung.
Trainer Jürgen Klopp jubelt 2019 nach dem Gewinn der Champions League mit seiner Mannschaft FC Liverpool. Der englische Club gilt als führend beim Einsatz künstlicher Intelligenz zur Optimierung der Leistung.

Trend zum Datensammeln kommt aus dem amerikanischen Baseball

Die Idee, massenhafte Daten im Sport zu sammeln, kommt aus den USA. Genauer gesagt aus dem Baseball. Ähnlich wie Finanzanalysten an der Wall Street Unternehmensbilanzen analysierten, begannen Sport-Fanatiker Ende der 1970er-Jahre, das Baseball-Spiel in seine statistischen Einzelteile zu zerlegen. So verhalfen sie bald einigen Proficlubs zum Erfolg. Auch andere US-Sportarten übernahmen die komplexen Analyseverfahren.

Im europäischen Fußball hielten solche Berechnungen lange keinen Einzug. Dass ausgerechnet der FC Liverpool einer der Vorreiter ist, ist kein Zufall: Der englische Club gehört zum amerikanischen Sportvermarktungskonzern Fenway Sports Group. Dessen Gründer John W. Henry wurde als Rohstoffhändler an der Börse reich. Er erfand einen Algorithmus, mit dem er Kursschwankungen auf dem Soja-Markt vorhersehen konnte.

Ozzie Smith bei einem Spiel 1978. Die Idee, massenhafte Daten im Sport zu sammeln, kommt aus den US-amerikanischen Baseball. Sport-Fanatiker begannen Ende der 1970er-Jahre, das Spiel in seine statistischen Einzelteile zu zerlegen, um Proficlubs zum Erfolg zu verhelfen.
Ozzie Smith bei einem Spiel 1978. Die Idee, massenhafte Daten im Sport zu sammeln, kommt aus den US-amerikanischen Baseball. Sport-Fanatiker begannen Ende der 1970er-Jahre, das Spiel in seine statistischen Einzelteile zu zerlegen, um Proficlubs zum Erfolg zu verhelfen.

Umkämpfter Datenmarkt im Fußball

Hugo Bordigoni ist Informatiker und auf Fußballdaten spezialisiert. Er hat kürzlich einen Vertrag mit Liverpool abgeschlossen. Die Daten-Nerds vom Liverpooler Team kennt er persönlich. In seinem Pariser Startup-Unternehmen Skill-Corner arbeiten zehn Personen an Bildschirmen und starren auf Grafiken, die an abstrakte Kunst erinnern. Hugo Bordigoni ist kaum größer als Lionel Messi, er ist blass und sehr schmächtig. Ein Weltklasse-Fußballer wäre er allenfalls an der Playstation. Doch er verfügt vielleicht über mehr Daten über Fußball als irgendwer sonst.

Bordigoni ist spezialisiert auf Machine Learning und entwickelte eine künstliche Intelligenz, die Fußballspiele auf der ganzen Welt beobachtet und automatisch in riesige Datensätze umwandelt. Die Zusammenarbeit mit dem FC Liverpool bahnte sich kurz nach der Fußball-WM 2018 an – für den Franzosen, dessen Land gerade Weltmeister geworden war, ein doppelter Grund zur Freude.

Die Technologie hinter Bordigonis Arbeit ist Bilderkennung durch sogenannte neuronale Netzwerke, ähnlich wie sie im autonomen Fahren oder bei der Gesichtserkennung durch Überwachungskameras angewendet wird. Im Fußball ist das bereits ein umkämpfter Markt.

Mit Daten geniale Transfers ausrechnen

Doch massenhaft Daten über sich, seine Gegner oder Gegnerinnen und potenzielle Neuzugänge zu horten, macht ein Team noch nicht erfolgreich. Denn als Nächstes kommt es auf die Expertise des Clubs an, diese Daten für Spielentscheidungen zu nutzen. Genau das betreibt der FC Liverpool seit Jahren mit Erfolg. Schon 2012 holte Liverpool dafür den promovierten Physiker Ian Graham an Bord – eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Heute sehen Journalistinnen und Journalisten in ihm einen “Guru”.

Der Grund: Graham gelang es durch seine Analysen, dem Club geniale Transfers vorzuschlagen. Mithilfe großer Mengen von Scouting- und Trackingdaten konnte er ausrechnen, welche Spieler am besten ins Gesamtkonzept des Clubs passten – und angesichts niedriger Ablöseforderung unterschätzt waren. Obwohl die von Oligarchen finanzierten Clubs wie Manchester City oder Chelsea mehr Finanzkraft als Liverpool hatten, stellten die Manager an der Anfield Road das momentan beste Team des Landes zusammen. Einblicke in seine Algorithmen gibt der FC Liverpool nicht. Ian Graham und sein Team lehnen systematisch Interviewanfragen ab – auch die von SWR2 Wissen.

Auch deutsche Proficlubs wie der FC Bayern München wollen nichts dem Zufall überlassen: Soner Mansuroglu ist der Daten-Experte des Rekordmeisters
Auch deutsche Proficlubs wie der FC Bayern München wollen nichts dem Zufall überlassen: Soner Mansuroglu ist der Daten-Experte des Rekordmeisters

Nutzen Deutsche Clubs – ganz nach dem Liverpooler Vorbild – schon flächendeckend Algorithmen oder gar Künstliche Intelligenz? Expertinnen und Experten wie Hugo Bordigoni erklären, dass die englische Premier League hier Wegbereiter ist. Deutsche Fußballclubs interessierten sich zunehmend für die Nutzung von Daten, aber die Bundesliga sei noch lange nicht auf demselben Level laut Bordigoni. Doch letztlich bleibt der Profi-Fußball ein Spiel zwischen 22 Menschen auf dem Platz, für Tausende im Stadion und Millionen an den Bildschirmen. In dem Emotionen, Individual- und Gruppenpsychologie und irrationale Faktoren immer ihren Platz haben werden. Daran werden wohl auch die besten Algorithmen der Welt nie etwas ändern.

SWR 2020 / 2021

Künstliche Intelligenz: aktuelle Beiträge

Künstliche Intelligenz Neues KI-Zentrum in Kaiserslautern soll praxisnah arbeiten

Der Bundesminister für Digitales und Verkehr, Volker Wissing, hat heute das KI-Innovations- und Qualitätszentrum (IQZ) in Kaiserslautern eröffnet. Es soll im Bereich der Künstlichen Intelligenz forschen, aber auch praktische KI-Anwendungen entwickeln.

Impuls SWR Kultur

Bildung Das sagen Eltern zu KI und Noten in der Schule

Ein Drittel der Eltern befürchten, dass ihr Kind in einer von KI geprägten Berufswelt schlechtere Jobchancen haben wird. Außerdem fordern sie ein neues Noten-System an Schulen. Das hat eine Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung ergeben.
Martin Gramlich im Gespräch mit Anja Braun, SWR Wissenschaft.

Impuls SWR Kultur

Sport Wie KI den Sport verändert – Mehr Leistung, weniger Fairness

KI wird nicht müde, eine Kampfrichterin irgendwann schon. KI erkennt selbst bei schnellsten Drehungen eines Turners seine Ungenauigkeiten. Und sie ist ein kostengünstiger Trainer-Ersatz. Von Lena Dillenburg (SWR 2024) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/ki-im-sport | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen

Das Wissen SWR Kultur

Künstliche Intelligenz Testphase: KI-Chatbots kommunizieren mit Usern auf Instagram

Wir schreiben unserem Lieblingsstar eine Direktnachricht bei Instagram. Die Antwort kommt schnell und liest sich wie eine persönliche Nachricht. Das Problem: Der Star hat die gar nicht geschrieben – sondern ein KI-Chatbot. Genau das testet Instagram gerade in den USA.

Impuls SWR Kultur

Fakt ab! Eine Woche Wissenschaft Next Step zu Terminator: Roboter mit menschlicher Haut

Diese Woche mit Julia Nestlen und Aeneas Rooch.

Ihre Themen sind:
- Nilpferde können nicht schwimmen, aber ein bisschen fliegen (00:32)
- Künstliche Intelligenz so witzig wie Menschen (06:42)
- Wie lässt sich menschliche Haut an Robotern befestigen? (14:34)
- Tiere, die wie Menschen klingen (22:18)

Weitere Infos und Studien gibt’s hier:
Nilpferde können nicht schwimmen, dafür ein bisschen fliegen:
https://peerj.com/articles/17675/
Künstliche Intelligenz so lustig wie Menschen:
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0305364
Menschliche Haut für Roboter:
https://www.cell.com/cell-reports-physical-science/fulltext/S2666-3864(24)00335-7
Kleiner optischer Eindruck: https://www.tiktok.com/@solidscience/video/7386332255918066977?_r=1&_t=8cpnxMxWegU
Tiere versuchen menschliche Sprache nachzuahmen:
https://www.iflscience.com/from-orcas-to-ducks-the-surprising-animals-that-can-mimic-human-speech-74930
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Warum-Amseln-in-Kiel-Geraeusche-von-E-Rollern-nachmachen-und-wie-das-klingt,amseln100.html

Unser Podcast-Tipp der Woche:
nicht witzig – Humor ist, wenn die anderen Lachen
https://www.ardaudiothek.de/sendung/nicht-witzig-humor-ist-wenn-die-anderen-lachen/12662427/

Habt ihr auch Nerd-Facts und schlechte Witze für uns?
Schreibt uns bei WhatsApp oder schickt eine Sprachnachricht: 0174/4321508
Oder per E-Mail: faktab@swr2.de
Oder direkt auf http://swr.li/faktab

Instagram:
@charlotte.grieser
@julianistin
@sinologin
@aeneasrooch

Redaktion: Martin Gramlich und Chris Eckardt
Idee: Christoph König

Technik Fußball-EM: Wie verlässlich ist der Videobeweis?

Diskussionen bei der Fußball-Europameisterschaft: Der Videobeweis hatte großen Einfluss auf den Verlauf einiger Spiele, zum Beispiel das Achtelfinale Dänemark gegen Deutschland. Wie kann die Software so genau erkennen, dass ein Spieler nur wenige Zentimeter im Abseits steht? Wie verlässlich ist das System?
Jochen Steiner im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Aeneas Rooch

Impuls SWR Kultur

Fußball

Sport Bundesliga im Krisenmodus – Wie Corona den Fußball verändert

Die Pandemie hat deutlich gemacht, wie anfällig das globale Fußballgeschäft ist. Welche Lehren zieht die Bundesliga aus der Krise? Von Lukas Meyer-Blankenburg

SWR2 Wissen SWR2

Kaiserslautern

Porträt Fritz Walter – Fußball-Legende und Vorbild

Am 31. Oktober 2020 wäre Fritz Walter 100 Jahre alt geworden. Als Kapitän der Fußball-Weltmeister von 1954 und als Spielmacher des 1. FC Kaiserslautern schrieb er Sportgeschichte.

SWR2 Wissen SWR2

28.3.1954 Historisches Fußballspiel – Saarland gegen Deutschland

28.3.1954 | Die saarländische Fußball-Nationalmannschaft spielt im Saarbrücker Ludwigsparkstadion gegen den späteren Weltmeister Deutschland.