„Zeigt, mit was für Rostlauben die Russen rumfahren.“ Greenpeace zu Tankerunglück

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Von Autor/in Andreas Böhnisch

Einer der havarierten Tanker (Screenshot aus Video der russischen Behörden)

„Zeigt, mit was für Rostlauben die Russen rumfahren.“ Greenpeace zu Tankerunglück

Ein Ölteppich auf dem Wasser. Das ist die Folge einer Schiffshavarie am Wochenende in der Meerenge von Kertsch. Die verbindet das Schwarze Meer mit dem Asowschen Meer. Beteiligt waren zwei Öltanker der russischen Marine. Über die Umweltschäden hat SWR-Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch mit dem Meeresbiologen Thilo Maack von Greenpeace Deutschland gesprochen.

SWR Aktuell: Was bedeutet das denn für Flora und Fauna, dass die Schiffe wohl sehr küstennahe dort in dieser Meerenge von Kertsch unterwegs waren?

Thilo Maack: Zunächst einmal bedeutet das Auslaufen von Öl im Meer, dass sich ein großer Teppich ausbreitet, der diese Schicht zwischen Wasser und Luft nicht mehr durchlässig macht. Alle Tiere, die mit diesem Ölteppich in Kontakt kommen, sind eigentlich verloren beziehungsweise stark gefährdet. Die Windrichtung ist gerade so, dass über kurz oder lang offensichtlich dieser Ölteppich - die russischen Behörden sprechen von 4300 Tonnen Heizöl, die ausgelaufen sind - an die Küste kommt. Und dort wird er auch sein gefährliches Werk tun. Das heißt, dort werden küstennahe Seevögel betroffen sein. Und das Ganze ist ein Desaster, über das wir leider nur ganz dünne Informationen haben. Aber es erinnert an die Katastrophe von 2007, wo schon mal fast 3000 Tonnen Öl ausgelaufen sind.

SWR Aktuell: Das Ganze soll ja in Küstennähe passiert sein. Das heißt also, dass die Verschmutzung an Land, die Tiere, die Pflanzen, dass das jetzt auch sehr schnell geht?

Maack: Wir haben im Grunde genommen so die gleichen Wetterbedingungen wie jetzt, zumindest hier in Hamburg, so zwischen 3 und 10 Grad. Als die Havarien passiert sind, war Sturm. Beide Schiffe sind vollkommen veraltet. Wenn die Angaben der russischen Behörden stimmen, dann ist das havarierte Schiff, das auseinandergebrochen ist, 55 Jahre alt. Und das zeigt im Grunde genommen auch, wie Schifffahrt dort betrieben wird, mit was für Rostlauben die da rumfahren. Beide Schiffe sind Tankschiffe für die russische Marine, und das kann so nicht sein. Wir wissen von dieser Katastrophe eigentlich nur, weil diese wirklich bewegenden und spektakulären Bilder von diesem auseinandergebrochenen Schiff im Internet kursiert sind. Sonst hätte ich mir auch vorstellen können, dass diese Katastrophe gar nicht bekannt wird.

SWR Aktuell: Jetzt heißt es, Russlands Präsident Wladimir Putin habe angeordnet, ein Kommando zur Beseitigung der Umweltkatastrophe einzusetzen. Aber das ist alles aufgrund der spärlichen Informationen, die wir aus Russland bekommen, wirklich sehr, sehr schwer einzuschätzen. Das haben Sie auch eben schon deutlich gemacht. Was sagen Ihre Kollegen aus ihrem Büro in der Ukraine in Kiew? Hat die russische Regierung überhaupt die Ausrüstung, um so eine Ölpest zu beseitigen?

Maack: Ich bin mit meinen Kolleg*innen im ukrainische Team immer wieder in Kontakt, die sagen, die Ausrüstung steht nicht zur Verfügung. Das ist alles ein Lippenbekenntnis, was die russische Regierung da jetzt macht. Und die fühlt sich offensichtlich einfach nur aufgrund der westlichen Berichterstattung bemüßigt, überhaupt irgendetwas dazu zu sagen. Meine Kollegin Natalia Buzek sagt, dass wenn in westlichen Medien dieses Video nicht aufgetaucht wäre, wir wahrscheinlich von dieser Havarie noch nicht mal erfahren hätten.

SWR Aktuell: Es gab Mutmaßungen darüber, ob die beiden Schiffe etwas mit der sogenannten Schattenflotte zu tun haben könnten, also mit den Transportschiffen, die Russland mit Öl und Militärgütern versorgen. Was sagenSsie, ist das so?

Maack: Nein, das ist tatsächlich nicht so. Die Schiffe, die havariert sind, sind Tankschiffe für die russische Marine. Die sind ganz Lokal für den Transport von Schiffsbrennstoff im Einsatz. Deswegen ist auch Heizöl ausgelaufen. Die Schattenflotte, die Russland betreibt, das sind ein paar hundert, bis zu 600 Schiffe. Die bringen russisches Rohöl aus den russischen Ostseehäfen durch die Ostsee in die ganze Welt, in erster Linie nach China und Indien, wo das russische Rohöl raffiniert wird und dann als indische oder chinesische Ölprodukte Kerosin, Diesel, Benzin et cetera unter anderem auch wieder in der Europäischen Union ankommt. Summa summarum: Mit dieser Schattenflotte umgeht Russland unter anderem die EU-Sanktionen, um seine Kriegskasse zu füllen, Raketen zu bauen, mit denen dann in der Ukraine Krankenhäuser und Kindergärten beschossen werden. Eine unhaltbare Situation, die glücklicherweise jetzt so ein bisschen eingefangen wird, weil gestern der Rat der europäischen Außenminister die Sanktionsliste erweitert hat, um Schiffe der Schattenflotte. Die scheiden jetzt über kurz oder lang aus dem Export von russischem Rohöl aus. Das ist gut, das ist richtig. Aber da geht auf jeden Fall noch mehr. Mehr Schiffe müssen auf diese Sanktionsliste, damit die russische Kriegskasse ausgetrocknet wird.