„Die alte Wehrpflicht-Armee wird nicht wiederkommen“, hat Verteidigungsminister Pistorius am Sonntag gesagt. Doch was kommt stattdessen? Wie kann Deutschland für den Ernstfall verteidigungsfähig werden? Pistorius will auf jeden Fall die militärische Reserve der Bundeswehr verstärken. Es geht aber auch um einen möglichen Gesellschaftsdienst, wie ihn die Wehrbeauftragte Högl mehrfach angeregt hat. Wie sich das auswirken könnte, hat die Soziologin Rabea Haß von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung in der Studie „Ein Gesellschaftsdienst für alle" untersucht. SWR-Aktuell-Moderator Bernhard Seiler hat mit ihr gesprochen.
SWR Aktuell: Brauchen wir denn nach ihren Erkenntnissen so einen Gesellschaftsdienst?
Rabea Haß: Im Grunde genommen haben wir auch heute in Deutschland schon so eine Art Gesellschaftsdienst. Wenn wir uns angucken, was wir an Angeboten haben, Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Bundesfreiwilligendienst, dann kommt das Gesellschaftsdienst schon sehr nahe. Und es kann aus meiner Sicht auch als Blaupause dienen, um diese Art von Angeboten auszuweiten. Denn wir sehen, dass gerade junge Menschen von den Angeboten wahnsinnig profitieren. Und das ist für sie ein Lern- und Orientierungsort, wo sie viel sowohl darüber erfahren, was sie beruflich machen wollen, aber - aus meiner Sicht noch viel wichtiger - auch erfahren, wie sie sich in die Gesellschaft einbringen können.
Dienst - zum Beispiel im Katastrophenschutz - flexibler gestalten
SWR Aktuell: Und wie könnte man das gestalten? Welche Bereiche sollte man da in einen neuen Gesellschaftsdienst einbeziehen?
Haß: Zum einen würde ich tatsächlich auf den Bestand aufbauen, denn wir haben jetzt schon eine Vielfalt an Angeboten und in Deutschland auch eine sehr, sehr lange Tradition. Die evangelischen Freiwilligendienste haben gerade ihr 70-jähriges Jubiläum gefeiert. Und die sind ja auch im europäischen Vergleich wirklich auch mit einer guten und historisch gewachsenen Struktur einfach gut aufgestellt. Aber was wir eben auch sehen: Momentan machen so ungefähr zehn bis zwölf Prozent eines Schulabgängerjahrgangs einen solchen Dienst. Und es gibt einfach viele Gruppen, die wir nicht erreichen. Und es gibt auch einige Einsatzbereiche, für die die Dienstformate, so wie sie heute sind, nicht so gut passen, zum Beispiel im Zivil- und Katastrophenschutz. Die können nicht so gut Leute in Vollzeit für zehn Monate oder ein ganzes Jahr in ihre Strukturen integrieren. Die bräuchten deutlich flexiblere Ansätze, was auch die Zeitkontingente angeht. Dafür müsste es aber auch ein System geben, wo die Organisationen die Leute länger halten können, sodass sie dann nicht nach einem intensiven Jahr wieder wechseln, sondern eben auch länger zur Verfügung stehen - gerade dann wenn es ein Hochwasser gibt, wenn irgendwo im Zivilschutz Bedarf ist, dass sie auf diese Personen auch über einen längeren Zeitraum zurückgreifen können. Ein Stück weit, so wie wir diesen Ersatzdienst noch zu Wehrdienst-Zeiten kannten, wo man über zehn Jahre zum Beispiel beim Technischen Hilfswerk peu á peu die Stunden im Katastrophenschutz oder auch bei der Freiwilligen Feuerwehr leisten konnte.
Viele Jugendliche wissen schlicht und ergreifend gar nicht, dass es diese Angebote gibt.
SWR Aktuell: Anlass unseres Gesprächs ist, dass es darum geht, wie Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit verbessern kann. Inwiefern würde so ein Gesellschaftsdienst die Bundeswehr oder die Verteidigungsfähigkeit stärken?
Haß: Momentan werden die Angebote als sehr unterschiedliche Dinge wahrgenommen, auch weil sich die Rahmenbedingungen stark unterscheiden, zum Beispiel, was Bezahlung angeht. Und das andere ist, dass wir sowohl bei den zivilen als auch den militärischen Angeboten für Freiwilligendienste sehen, dass ganz viele Jugendliche schlicht und ergreifend gar nicht wissen, dass es diese Angebote gibt. Das heißt eine Informationskampagne, wo man gleichermaßen über die Angebote in der Bundeswehr als auch im zivilen Bereich informiert, flächendeckend kuratiert in der Sprache der Jugendlichen, das wäre aus meiner Sicht ein ganz wichtiger erster Schritt, um erst mal so ein einheitliches Informationsniveau in der Bevölkerung zu schaffen. Und ich denke, daraus würden schon auch deutlich mehr Bewerbungen resultieren und ein guter erster Schritt gemacht werden.
SWR Aktuell: Es ist ja im Moment so: Wer in die Bundeswehr eintritt, der wird relativ gut bezahlt. Wer beim Roten Kreuz zum Beispiel ein freiwilliges soziales Jahr macht, kriegt eher ein Taschengeld. Welche Rolle spielt das, um die Bewerberzahlen zu steigern?
Haß: Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Gerade in den sozialen Freiwilligendiensten sehen wir, dass es Jugendliche gibt, die sich so einen Dienst nicht leisten können, gerade wenn sie eben nicht mehr zu Hause bei den Eltern wohnen und für ihren Lebensunterhalt schon ein Stück weit selbst verantwortlich sind - oder wenn sie weite Fahrtwege haben, sodass das Taschengeld im Prinzip schon komplett für ein Zugticket oder so aufgebraucht wäre. Aber wir sehen auch, dass es nicht der einzige Grund ist. Momentan werden Modelle diskutiert angelehnt an das BAföG im Studium, die bedarfsgerecht die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen unterstützen, die von Zuhause weniger mitbekommen. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Dienste deutlich zu wenig anerkannt werden, auch im Sinne von der Wertschätzung oder auch eine Anrechnung auf das weitere Berufsleben.