Winnetou-Bücher von Karl May (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Andreas Gebert)

Verkaufsstopp von Kinderbüchern

Sprachwissenschaftlerin: Rassismus-Klischees bei Winnetou sind nicht akzeptabel

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Andreas Herrler

Wegen Rassismusvorwürfen nimmt Ravensburger Kinderbücher aus dem Programm. Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper findet das richtig. Warum, erklärt sie im SWR Aktuell-Interview.

Über kaum ein Thema wird zurzeit im Netz so kontrovers diskutiert: Der Ravensburger Verlag hat die Auslieferung mehrerer Winnetou-Kinderbücher gestoppt - wegen Rassismusvorwürfen. Aufgrund der vielen negativen Rückmeldungen habe man sich entschieden, die Titel aus dem Programm zu nehmen, teilte Ravensburger mit.

Die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache hält die Rassismusvorwürfe für gerechtfertigt. Welche Lösungsvorschläge Kämper in dem Zusammenhang hat, verrät sie im Gespräch mit SWR Aktuell.

SWR Aktuell: Die aktuelle Debatte zeigt ja, dass nicht jeder Verständnis für das Zurückziehen dieser Bücher hat. Grundsätzlich gefragt: Sind solche Klischees, die in den Winnetou-Büchern gezeichnet werden, in irgendeiner Form noch akzeptabel? 

Heidrun Kämper: Nein, wenn es um Klischees geht, die bestimmte Stereotype, bestimmte Sichten auf indigene Völker transportieren, die viel mit Rassismus und Diskriminierung zu tun haben, ist es nicht akzeptabel, das müssen wir ganz klar sagen. Insofern ist es auch richtig, dass sich diese Diskussion an diesen beiden Büchern entspinnt. Wir müssen uns klarmachen, dass es sich nicht um Karl-May-Bücher, sondern um eine Adaption der Winnetou-Geschichte handelt. Die Autoren sind Menschen unserer Zeit. Die Bücher sind im 21. Jahrhundert entstanden, es geht hier also nicht um einen Aspekt von Cancel Culture, wie wir das ja häufig in solchen Zusammenhängen hören. 

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SWR Aktuell: Stichwort Cancel Culture: Wenn wir uns die Originalbücher von Karl May anschauen -  sind die denn noch akzeptabel? 

Kämper: Wichtig ist, dass diese Bücher eingeordnet und kommentiert werden müssen. Karl-May-Bücher sollten nicht adaptiert werden in dem Sinne, dass sie umgeschrieben werden unter Berücksichtigung unserer Weltsicht heute. Aber es muss deutlich gemacht werden, wo das Problem liegt und darin sehe ich auch eine große Chance im Hinblick auf Kinder. Den Kindern kann damit klargemacht werden, dass wir unsere Einstellungen geändert haben, dass wir eine andere Weltsicht haben, und das geht am besten, wenn nachvollzogen werden kann, wie diese Welt sich sichtlich geändert hat. Insofern müssen wir sehr gut unterscheiden, eben zwischen einem Original von damals und einer Adaption aus unserer Zeit. 

"Es muss deutlich gemacht werden, wo das Problem liegt."

SWR Aktuell: Bei einem erwachsenen Publikum kann man sich ja vorstellen, dass das gut funktioniert, wenn man zum Beispiel eine kommentierte Ausgabe herausbringt. Aber wie soll das bei Kindern konkret funktionieren? Sollte ein Vorwort den Kindern erklären, dass dieses Buch in einer Zeit spielt, die ganz anders ist als heute? 

Kämper: Ja, so in etwa. Das muss natürlich kindgerecht sein, am besten mit erwachsener Begleitung. Ich denke, da gibt es seitens der Pädagogen viele gute Ideen, wie man so etwas umsetzen kann, aber auf jeden Fall sollte ein Hinweis kommen, wo diskriminiert wird, wo wir es mit Rassismus zu tun haben aus unserer heutigen Sicht. Wichtig ist, dass der Wandel an Bewertungen damit auch deutlich gemacht wird, und das ist eine pädagogische Aufgabe. 

SWR Aktuell: Sie haben eingangs gesagt, wenn eine solche Geschichte neu adaptiert wird im 21. Jahrhundert und diese Klischees immer noch auftauchen, dann ist das inakzeptabel. Wenn man diese Geschichte aber völlig umschreibt, dann ist es am Schluss vielleicht keine Winnetou-Geschichte mehr. Ist es also grundsätzlich eine dumme Idee, solche Geschichten überhaupt nochmal neu zu schreiben? 

Kämper: Meine persönliche Meinung dazu ist: Hier ist eine Chance verpasst worden. Es geht ja um die Stereotype, die mit diesen Texten, egal ob Fiktion oder Sachbuch, transportiert wird. Um die Frage zu beantworten: Natürlich kann man diese Figuren von Karl May nehmen, aber man kann eben aus diesen Figuren ja auch eine ganz andere Story erfinden, die viel mehr mit dem zu tun hat, was unsere heutigen Einsichten sind, die indigene Völker in authentischen Lebensweisen zeigt. Da kommt das Stichwort kulturelle Aneignung auch nochmal ins Spiel. Wir sind inzwischen mittendrin in einem entsprechenden Diskurs und unsere Erkenntnisse könnten da sehr gut verarbeitet werden. 

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