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Die blonde Löwenmähne mit der unverkennbaren Stimme ist 70. Hits, wie "It’s a heartache" oder "Total eclipse of the heart", sind Klassiker der Sängerin.

"Meine Mutter war ein Opernfan. Als Kind habe ich sie schon singen gehört, wenn ich aus der Schule kam und noch gar nicht im Haus war. So gesehen musste ich einfach Sängerin werden.“

Diesen Traum hegte Bonnie Tyler schon seit Kindheitstagen. Mit einer Haarbürste als Mikrofonersatz übte sie vor dem Spiegel Songs von Tina Turner oder Janis Joplin.

Im Rugby-Club fing alles an

Bis diese Vorstellungen Realität werden sollten, galt es noch einen langen Weg zurückzulegen. Gayner Hopkins, so ihr richtiger Name, war ein schüchternes Mädchen und in der Schule fiel sie nicht durch Glanzleistungen auf. Zunächst arbeitete sie als Verkäuferin in einem Supermarkt, bis ihre Tante sie bei einem Talentwettbewerb des örtlichen Rugby-Clubs anmeldete.

Dort sang sie "Those were the days" von ihrer Landsmännin Mary Hopkin und den Ray Charles-Hit "I can’t stop loving you" und wurde prompt Zweite. Dieser Erfolg gab ihr Selbstvertrauen: Sie schloss sich der Band "Bobby Wayne & The Dixies" als Backgroundsängerin an, bevor sie ihre eigene Gruppe "Imagination" gründete und durch örtliche Pubs tingelte.

"Sieben Jahre war ich mit meiner Band unterwegs, ohne dass wir die Aufnahmen an eine Plattenfirma geschickt hätten."

Bonnie Tyler im Jahr 1976. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Bonnie Tyler im Jahr 1976. Picture Alliance

Bonnie Tyler wird entdeckt

Der Zufall wollte es, dass der Talentsucher Roger Bell 1974 auf sie aufmerksam wurde. Eigentlich war er nach Südwales gekommen, um eine Band zu sehen, die im Club eine Etage höher spielte. Er verwechselte jedoch das Stockwerk und hörte stattdessen Bonnie Tyler "Nutbush City Limits" singen. Wenig später erhielt sie eine Einladung nach London ins Plattenstudio und ihre erste Single "My! My! Honeycomb" entstand - ein Flop.

Bonnie Tylers Durchbruch

Erfolg stellte sich mit ihrer zweiten Single ein: "Lost in France" erreichte 1976 die Top Ten in Großbritannien. Das Lied konnte sich bei uns 33 Wochen lang in den Hitparaden behaupten. Auch ihr Team war eine runde Sache: Mit Ronnie Scott und Steve Wolfe hatte sie ein Gespann um sich, das nicht nur für das Songwriting verantwortlich zeichnete, sondern auch gleichzeitig ihre Produzenten und Manager in Personalunion waren. 

Die walisische Rock- und Popsängerin Bonnie Tyler mit ihrer Band während der Deutschland-Tournee im Mai 1978.  (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa | Kirmer)
Bonnie Tyler mit ihrer Band während der Deutschland-Tournee im Mai 1978. picture-alliance / dpa | Kirmer

Die Freude über diese ersten Erfolge wurde jedoch bald getrübt, denn es stellten sich Probleme mit ihrer Stimme ein. Auf ihren Stimmbändern hatten sich Knötchen gebildet, die operativ entfernt werden mussten. Nach dem Eingriff klang sie noch rauer als zuvor, was sich aber nicht zum Nachteil entwickeln sollte. In dieser neuen Tonlage gelang ihr 1977 mit "It’s a heartache" der endgültige Aufstieg in die erste Liga. Die Platte lief rund um den Globus höchst erfolgreich und der Begriff eines "weiblichen Rod Stewart" machte die Runde.

"Goodbye to the islands" war das letzte Album, welches sie 1981 unter den Fittichen ihres Teams veröffentlichte. Es war fast schon ein prophetischer Titel, denn ihre Vorstellungen deckten sich nicht mehr mit dem, was Ronnie Scott und Steve Wolfe planten. Es folgte die Trennung.

„Ich hatte keine Lust mehr, diese Country-Rock-Musik zu machen. Ich wollte mehr in Richtung Rock gehen.“

Bonnie Tyler Cover "Lost in France" (Foto: SWR, RCA (Coversan))
Während ihre erste Single "My! My! Honeycomb" noch weitgehend unbeachtet in der Versenkung verschwand, gelang 1976 mit der Nachfolgeplatte "Lost in France" ein Top-Hit, der bis heute regelmäßig im Radio läuft. In Deutschland kletterte der Song bis auf Platz 3 der Hitparaden. Zugleich war das Lied ein Vorgeschmack auf ihr erstes Album "The world starts tonight", das im Februar 1977 veröffentlicht wurde. RCA (Coversan) Bild in Detailansicht öffnen
Mit dem ersten Album "The world starts tonight" gelang in Schweden ein großer Erfolg, während es in anderen Ländern auf weniger Resonanz stieß. Die zweite Single-Auskopplung "More that a lover" fiel bei der BBC auf Grund des Textes in Ungnade und wurde nicht gespielt. RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Der internationale Durchbruch gelang 1977 mit "It’s a heartache". Die Single verkaufte sich weltweit rund 6 Millionen Mal. Wencke Myhre konnte mit der deutschen Version "Lass‘ mein Knie, Joe" punkten. Anlässlich des Jubiläums "50 Jahre ZDF-Hitparade" sangen es beide im ZDF in einer deutsch-englischen Fassung als Duett. RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ihr zweites Album "Natural Force" erschien 1978 und bot Material für gleich fünf Single-Auskopplungen. Vorreiter war "Heaven" gefolgt von "It’s a heartache". Auch die Langspielplatte geriet zum Meilenstein und war die bestverkaufte während ihrer Vertragszeit beim Label RCA. Allein in den USA gingen 500.000 Exemplare über die Ladentische. RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Beim „World Popular Song Festival“ in Tokio siegte Bonnie Tyler 1979 mit "Sitting on the edge of the ocean" für Großbritannien. Der Preis war mit 5.000,-- $ und einer Goldmedaille plus Urkunde dotiert. Der Wettbewerbs-Erfolg führte dazu, dass sie sich erstmals in den japanischen Charts platzieren konnte. Der Song war auch auf dem 1981er-Longplayer "Goodbye to the island" zu hören. Dieser... RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...verzeichnete die schwächsten Verkaufszahlen aller ihrer bisherigen Alben und erreichte nur in Norwegen die Bestsellerlisten. Neuen Schwung erhielt ihre Karriere erst durch den Wechsel der Plattenfirma. Auch die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Produzenten Jim Steinman erwies sich als Glücksgriff. RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1983 geriet "Faster than the speed of the night" zum Millionenseller. Die LP beinhaltete neben Cover-Versionen großer Rock-Hits (unter anderem "Have you ever seen the rain") den Steinman-Song "Total eclipse of the heart", mit dem ein internationaler Nr. 1-Erfolg gelang. CBS (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Der von Brook Benton geschriebene Titel "A rockin‘ good way" kam 1958 mit Priscilla Bowman erstmals auf Platte. Aber erst als zwei Jahre später Brook Benton selbst zusammen mit Dinah Washington den Song aufnahm, gelang ein Hit. 1983 gab es ein gelungenes Remake mit Bonnie Tyler und Shakin‘ Stevens. Epic (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ein weiterer Coup war "Holding out for a hero" aus dem Soundtrack zu dem 1984 gedrehten Film "Footloose". Steinman hatte Tyler als Interpretin vorgeschlagen. Sie wurde in die Paramount Filmstudios in Los Angeles eingeladen, um die noch unbearbeiteten Aufnahmen anzusehen, damit sie sich in die entsprechende Szene richtig einfühlen konnte. CBS (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Mike Oldfield holte sich für einzelne Songs immer wieder großartige Interpreten ins Studio. 1987 arbeitete er mit Bonnie Tyler zusammen und nahm mit ihr den Titelsong seines Albums "Islands" auf. "Sie verleiht diesem Oldfield-Song mit ihrem rauen Timbre eine eigenwillige Note", schrieb damals die Plattenfirma. Virgin (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Der Willy Bogner-Film "Feuer, Eis und Dynamit" (mit Shari Belafonte, Roger Moore und Uwe Ochsenknecht in den Hauptrollen) startete 1990 in den Kinos. Harold Faltermeyer zeichnete für den Soundtrack verantwortlich und Bonnie Tyler sang "Breakout". Den Text schrieb Chris Thompson, der Ex-Sänger von Manfred Man’s Earth Band. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Bonnie Tyler war es gewohnt, Rock-Songs zu singen. Daher zögerte sie zunächst, Lieder von Dieter Bohlen aufzunehmen. Er überredete sie mit dem Hinweis, dass es nach Jahren der Rockmusik an der Zeit wäre, etwas kommerzieller zu werden. "Bitterblue" war Comeback und Trendwende zugleich. Für das gleichnamige Album arbeitete er mit... Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...Elementen der schottischen Volksmusik und setzte beispielsweise Instrumente wie den Dudelsack oder das Akkordeon ein. "Against the wind" war eine weitere Auskopplung und zugleich die Titelmusik des letzten "Schimanski-Tatorts", der Ende Dezember 1991 ausgestrahlt wurde. Zwei Jahre später gab es... Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...Grund zu feiern! Mit "Silhouette in red" legte sie ihr zehntes Studioalbum vor. Es war zugleich die dritte und letzte Produktion mit Dieter Bohlen. Sein Rat zur Neuausrichtung hatte sich als richtig erwiesen und bedeutete Edelmetall-Auszeichnungen zu Hauf und Millionenumsätze. "Sally comes around" war einer der ausgekoppelten Single-Hits. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Matthias Reim war ein Geniestreich gelungen: "Vergiss es" führte 2004 zwei der markantesten Reibeisenstimmen der Popmusik zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Bonnie Tyler noch nie in deutscher Sprache gesungen. Mit der Nummer traten die beiden auch im Fernsehen in mehreren Musiksendungen auf. Capitol (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die französische Sängerin Kareen Antonn wandte sich an Bonnie Tyler, ob sie mit ihr zusammen eine zweisprachige Version von "Total eclipse of the heart" aufnehmen würde. Tyler war skeptisch, hörte sich jedoch eine Demo-Aufnahme der Sängerin an und war beeindruckt. In Folge gab es gleich mehrere Duette, wie "Si tout s’arrête". Mit "Si demain" - auch ein zweisprachiger Song - erreichte sie 2004 in Frankreich Platz 1 der Hitparade. Yanis Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Für "Wings" arbeitete sie 2005 mit dem französischen Produzenten Jean Lahcène alias John Stage zusammen. Erstmals in ihrer Karriere war sie auch als Komponistin involviert. Es sollte für acht Jahre ihr letztes neues Album sein. Stick Music (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Bonnie Tyler heute: "Between the earth and the stars" (2019) war hochkarätig besetzt. Chris Norman und Barry Gibb steuerten Songs bei. Mit Cliff Richard, Rod Stewart und Francis Rossi von Status Quo sang sie im Duett. David Mackay produzierte, der bei ihren ersten beiden Alben in den 1970er Jahren bereits als Co-Produzent dabei war. Edel (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Neuer Plattenvertrag und weltweiter Erfolg

Sie schloss einen Plattenvertrag bei einer neuen Firma ab und begann, mit dem amerikanischen Musikproduzenten und Komponisten Jim Steinman zusammenzuarbeiten. Er war für sie der Mann der Wahl, nachdem er ihr Lieblingsalbum "Bat out of hell" von Meat Loaf produziert hatte - ein Jahrhundertwerk.

Ihre Neuausrichtung erwies sich als Volltreffer. Gleich die erste Veröffentlichung "Faster than the speed of the night", gespickt mit zahlreichen Cover-Versionen großer Rock-Hits und dem Power-Song "Total eclipse of the heart", brach Rekorde.

„Damit war ich die erste Sängerin, die in den britischen Album-Charts direkt von 0 auf Platz 1 kam. Ich habe Pink Floyd von der Spitze verdrängt.“

In Amerika schubste sie mit der Produktion sogar Michael Jackson vom Hitparaden-Thron. Zudem brachte ihr das Album eine Grammy-Nominierung ein.

Bonnie Tylers 80er-Look wird geboren

Die Arbeit mit Jim Steinman entwickelte sich zu einem Höhepunkt in ihrer Karriere. Sie bildeten ein Dream Team, alles passte haargenau. So stammt auch die Hymne "Holding out for a hero" aus dem Soundtrack des Films "Footloose" von ihm. Mit den rockigen Titeln war ein kompletter Imagewechsel verbunden. Es entstand das Erscheinungsbild, welches sich in die Erinnerung vieler gebrannt hat: Leder-Outfit, Schulterpolster, Struwwelfrisur und auffällige Ohrringe.

„Für meine Zottelfrisur habe ich so viel Haarspray benötigt, dass darunter sogar die Ozonschicht gelitten hat.“

Bonnie Tyler mit wilder Mähne. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives | United Archives / Frank Hempel)
Bonnie Tyler mit wilder Mähne. picture alliance / United Archives | United Archives / Frank Hempel

Unter der Regie von Desmond Child entstand 1988 das Album "Hide your heart". Hier sang Bonnie Tyler eine Reihe von Titeln, die allerdings erst später in anderen Versionen weltberühmt wurden: Mit "Save up all your tears" hatten Robin Beck und Cher einen Hit, "The best" geriet mit Tina Turner zum Klassiker und "Don’t turn around" ist mit der britischen Reggae-Band "Aswad" und später mit der schwedischen Pop-Gruppe "Ace of Base" in die Musikgeschichte eingegangen.

„Ich habe nie verstanden, warum dieses Album nicht den Erfolg brachte, den es verdiente.“ 

Bonnie Tyler und Dieter Bohlen

Nach einer kurzen Auszeit, in der sie sich ein im Jahr 1850 erbautes Haus in Wales gekauft und renoviert hatte, begann Bonnie Tyler Anfang der 1990er Jahre damit, ihre Aktivitäten verstärkt auf Europa auszurichten. Dieter Bohlen verhalf ihr mit maßgeschneiderten Liedern zu neuen Erfolgen: "Bitterblue" konnte es in einigen europäischen Ländern mit dem Erfolg ihres karriereprägenden Albums "Faster than the speed ​​of night" aufnehmen und erhielt beispielsweise in Norwegen dafür 4-fach Platin.

 „Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten. Bei einigen Stücken hat er seinen Namen gar nicht erst angegeben, um mir nicht zu schaden. Er wusste, dass seine Person sehr polarisiert.“

Im Anschluss daran ging sie viele Jahre lang als Live-Künstlerin auf Tournee. Sie arbeitete weltweit mit hochkarätigen Produzenten wie Humberto Gatica, David Foster oder Mike Batt zusammen und machte Aufnahmen mit dem "Philharmonischen Orchester Prag". 2013 nahm sie für Großbritannien am Eurovision Song Contest teil, konnte mit ihrem Beitrag "Believe in me" allerdings nicht punkten und landete abgeschlagen auf dem 19. Platz. Dennoch denkt sie gerne an dieses Erlebnis zurück.

Bonnie Tyler beim Eurovision Song Contest 2013.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Korolyova Kristina)
Bonnie Tyler beim Eurovision Song Contest 2013. picture alliance / dpa | Korolyova Kristina

Bonnie Tylers Privatleben

Zusammen mit ihrem Mann Robert Sullivan, den sie 1973 heiratete, lebt Bonnie Tyler heute abwechselnd in ihrer Heimat Wales oder in ihrem Haus an der Algarve. Dort genießt sie die pandemiebedingte freie Zeit, gesteht aber, dass ihr ihre Band, die Bühne und all die Fans fehlen.

„Es ist mir so fremd, so lange nicht auf der Bühne zu stehen.“  Völlig ungewohnt ist es für sie, an ihrem Geburtstag nicht irgendwo einen Auftritt zu haben: „Das ist das erste Mal, seit ich 17 war, dass ich nicht arbeite.“

Bonnie Tyler und ihr Ehemann Robert Sullivan. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Ursula Düren)
Bonnie Tyler und ihr Ehemann Robert Sullivan. picture alliance / dpa | Ursula Düren

Die mit Edelmetall-Auszeichnungen und anderen Preisen - darunter ein "Echo" und dreimal die "Goldene Europa" - hoch dekorierte Rocklady und Trägerin der Ehrendoktorwürde der Swansea Universität steht ihrem runden Geburtstag gelassen gegenüber. Es ist eine Zahl, nicht mehr. Viel wichtiger ist es ihr, bald wieder auf Tournee gehen zu können. Die Planungen hierfür sind in vollem Gange und 2022 wird sie auch in Deutschland viele Konzerte geben. So ist das Motto ihrer aktuellen CD "The best is yet to come" mehr als ein Titel - es kann als Versprechen aufgefasst werden.   

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