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Kinderarmut in Deutschland – Ungleiche Chancen

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Silvia Plahl
Silvia Plahl (Foto: SWR, privat)
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Ulrike Barwanietz / Candy Sauer

Jeder fünfte junge Mensch unter 18 Jahren ist heute in Deutschland von Armut betroffen. Durch Corona wurde diese Lage noch verschlechtert. Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen bleiben fast zwangsläufig ihr Leben lang benachteiligt.

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Zahl der armutsgefährdeten Kinder und Jugendlichen steigt

2,8 Millionen Kinder wachsen in Armut auf. Die Zahl hält sich schon lange auf hohem Niveau und die Zahl der armutsgefährdeten Kinder und Jugendlichen in Deutschland steigt.

Die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben, ist seit Ende der 1980er-Jahre von 40 Prozent auf 70 Prozent angestiegen – so der „Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021“.

Nur acht Prozent der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien haben Eltern mit einem Hauptschulabschluss oder gar keinem Schulabschluss, so der „Datenreport 2021“ vom Statistischen Bundesamt und wissenschaftlichen Instituten aus der Sozial- und Wirtschaftsforschung.

"Index der Entbehrungen": Es fehlt an Freizeit, Essen und Platz

2012 schlüsselte das Kinderhilfswerk Unicef den sogenannten „Index der Entbehrungen“ armer Kinder in Deutschland auf: Am häufigsten fehlten ihnen regelmäßige Freizeitaktivitäten. Aber auch die tägliche warme Mahlzeit fällt aus, sie haben keinen Platz, um ihre Hausaufgaben zu machen. Arme Kinder erleben permanent Defizite. Darunter leiden ihr subjektives Wohlbefinden und ihr Selbstwertgefühl.

Alleinerziehende demonstrieren under dem Motto "ES REICHT FÜR UNS ALLE" gegen Benachteiligung und Kinderarmut 2018 in Berlin  (Foto: IMAGO, IMAGO / snapshot)
Alleinerziehende demonstrieren under dem Motto "ES REICHT FÜR UNS ALLE" gegen Benachteiligung und Kinderarmut 2018 in Berlin IMAGO / snapshot

Psychisches Probleme, Missbrauch und Gewalt nehmen pandemiebedingt zu

Seit Beginn der Pandemie ist in nahezu allen Familien zu Hause die Anspannung gestiegen, auch dem sind die Kinder ausgeliefert. Die Untersuchung „COPSY-Corona und Psyche“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergab: Unter Kindern ab sieben Jahren gibt es vermehrt Anzeichen einer Angststörung oder Depression. Andere Studien aus dem In- und Ausland belegen eine Zunahme von Essstörungen, Mediensucht, Kindesmissbrauch und familiärer Gewalt. Und: All diese negativen Corona-Begleiterscheinungen treffen benachteiligte Kinder und Jugendliche besonders stark.

Benachteiligung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wegen Corona

Im März 2021 veröffentlichte der Initiator der „Shell-Jugendstudien“ Klaus Hurrelmann mit dem Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie eine Untersuchung, die warnt: Durch die Pandemie werde es künftig insgesamt weniger Auszubildende und mehr Azubis mit Abitur geben – was diejenigen ohne Abitur wiederum benachteiligen wird. „Kein Anschluss trotz Abschluss?!“ heißt der Studientitel. Das Zurückbleiben ist heute viel dramatischer in den Auswirkungen, als es noch vor 20 Jahren der Fall war, so Klaus Hurrelmann.

2020 startete die Bertelsmann-Stiftung auf Youtube und in weiteren sozialen Medien die Initiative #StopptKinderarmut, um mehr Bewusstsein für die akute Lage der Kinder und Jugendlichen zu schaffen, verschärft in der Corona-Pandemie: Sorgen und Unsicherheit belasten sie, sie haben es dadurch an den Schulen doppelt schwer, nehmen weniger an außerschulischen Aktivitäten teil, fühlen sich kaum zugehörig zu dieser Gesellschaft. Die Stiftung skizziert die Gefahr einer „Abwärtsspirale“. Eine Befragung des Sozialverbands „Arbeiterwohlfahrt“ bestätigt diesen Trend. Dabei wird sehr deutlich: Je länger die Armut anhält, desto gravierender sind die Folgen für die jungen Menschen.

Gibt es Auswege aus der Ausgrenzung durch Kinderarmut?

Die Fachleute benennen dafür zwei entscheidende Säulen:

  1. Die erste davon besteht aus Elternarbeit in den Kommunen und Stadtteilen rund um Kindergärten und Schulen oder dort selbst. Unterstützende Fachkräfte aus der Sozialarbeit und den Gesundheitsberufen. Eine digitale wie eine persönliche Förderung. Dauerhafte Patenschaften für die Familien wie auch zusätzliche Lernpatenschaften oder persönliches Mentoring etwa durch Studierende.
  2. Die zweite Säule stellt die Grundsicherung des Kindes dar – durch Geld, für Kleidung, Essen, Wohnen, Bildung und Teilhabe.

Doch die eigene finanzielle Absicherung für Kinder ist eine Forderung, um die schon lange in Deutschland gerungen wird. Das Zukunftsforum Familie der AWO etwa setzt sich seit über elf Jahren dafür ein und kritisiert: Das Kindergeld komme bei Alleinerziehenden oder vielen Familien, die Hartz IV beziehen fast nicht an, weil es verrechnet werde. Das Geld aus dem Bildungs- und Teilhabepaket für Bücher, Sport oder Musikunterricht werde kaum abgerufen, es sei bürokratisch und stigmatisierend. Während gleichzeitig wohlhabendere Familien von Kinderfreibeträgen im Steuerrecht profitieren.

Kind hält 5-Euroschein in der Hand: Das Kindergeld kommt bei Alleinerziehenden und vielen Familien, die Hartz IV beziehen, fast nicht an, weil es verrechnet wird (Foto: IMAGO, IMAGO / photothek)
Das Kindergeld kommt bei Alleinerziehenden und vielen Familien, die Hartz IV beziehen, fast nicht an, weil es verrechnet wird IMAGO / photothek

Forderung einer Kindergrundsicherung

Das Bündnis für Kindergrundsicherung ist darum in den letzten Jahren stark gewachsen, die Forderung liegt derzeit bei 695 Euro pro Monat und Kind. Die Kindergrundsicherung stelle auch einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel dar, so Alexander Nöhring vom Zukunftsforum Familie der AWO: "Weg von der staatlichen Bevormundung, hin zu mehr Eigenverantwortung. Und dann würde die Kindergrundsicherung natürlich eine enorme finanzielle Umsteuerung bedeuten."

Währenddessen legt die Corona-Pandemie weiterhin bloß, was zu den ungleichen Kindheiten in Deutschland beiträgt: Gering verdienende Familien sind stärker von Kurzarbeit und Jobverlust betroffen, ihr Lohn reicht auch sonst oft nicht für den Lebensunterhalt. Die meisten Alleinerziehenden sind Frauen – mit niedrigerem Gehalt. Und die Kinder und Jugendlichen werden nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt. Doch Kinder und Jugendliche wissen oft selbst, was sie brauchen und was sie stark machen kann. Höchste Zeit, sie danach zu fragen und ihnen dabei zu helfen.

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