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Am letzten Prozesstag, der kurz vor Mitternacht endet, ersuchen Elli Barczatis und Karl Laurenz um richterliche Gnade. Beide werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet.

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Gnadengesuche der Angeklagten

Elli Barczatis wirkt sehr gefasst. Sie sagt, ihre Taten seien nicht zu verteidigen und bittet das Gericht um die Gnade, die Forderung der Staatsanwaltschaft in eine lange Gefängnisstrafe umzuwandeln. Sie habe viele Dinge erst in der U-Haft bzw. am heutigen Prozesstag erfahren. Das entschuldige jedoch nichts.

Unter Tränen bittet sie um ein milderes Urteil, um sich während des Haft und danach zu bewähren. Die Anklage sei zutreffend. „Ich habe Staatsgeheimnisse weitergegeben“ und „ich habe dadurch auch den Terror unterstützt, der in Westdeutschland gegen Friedenskämpfer vor sich geht.“ Sie bezeugt noch einmal ihre enge Freundschaft zum Mitangeklagten Laurenz.

Karl Laurenz tritt vors Mikrofon. Er spricht von seinen chronischen Konflikten mit den Behörden der DDR und von seiner offenbar damit inkompatiblen „österreichischen Wesensart“. Seine Michael Kohlhaas-Natur lasse ihn stets gegen Ungerechtigkeit ankämpfen, und in der Ablehnung all seiner Bewerbungen sah er die größte persönliche Ungerechtigkeit, „eine sinnlose Vernichtung meiner Existenz“.

Er hielt die SED für eine Kampfpartei, die Kritik aushalten und mit Opposition rechnen müsse. Aber er bedachte dabei nicht, dass er durch die Opposition gegen die SED auch in Opposition gegen die DDR ging, was er nicht wollte.

Laurenz' Schlussworte

"Ich empfinde es als persönlich tragischen Konflikt, dass ich mir durch meine unentschuldbaren Verbrechen selbst den Stempel aufgedrückt habe, ein Feind des Staates zu sein, den ich als meine zweite Heimat trotz mancher bitterer Erfahrung doch lieben gelernt habe. Ich finde es auch deshalb als tragischen Konflikt, weil ich mich absolut frei weiß von einem Gefühl irgendeiner Feindschaft oder irgendeines Hasses, wie denn diese beiden Gefühlswerte in meiner religiös abgestimmten Gefühlsskala gar nicht vorhanden sind. Es ist mir nach ziemlich schwerem Kampf gelungen, den inneren Schweinehund, der seit `52 von mir Besitz ergriffen hatte, zu überwinden. Ich habe diese für mich immerhin wichtige Tatsache in einem Verschen festgehalten, das da lautet:

Ich komme aus Nacht und Finsternis
sie sollen mich nicht mehr begleiten
Ein dunkler Vorhang plötzlich zerriss
ich will dem Lichte entgegen schreiten

Hoher Senat, auch von mir kann man noch irgendetwas für den Aufbau erreichen, natürlich im Rahmen des Strafvollzugs. Von dem toten Laurenz hat niemand etwas. Ich bitte Sie sehr, ich sage es ganz offen, Gnade vor Recht gehen, walten zu lassen."

Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Damit endet der Mitschnitt. Die Urteilsverkündung und Urteilsbegründung sind nicht erhalten. Der Prozesstag endet kurz vor Mitternacht. Gnadengesuche werden von Grotewohl abgelehnt. Elli Barczatis und Karl Laurenz werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet.

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