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Komponierte Musik existiert in verschiedenen Aggregatzuständen. Der schriftliche Zustand kann als der vergebliche Versuch gewertet werden, dem eine Gestalt zu geben, was eigentlich immateriell ist. Im Gegensatz zur verbalen Schrift hat die musikalische zwei Funktionen zu erfüllen: Einerseits gilt es, die klanglichen Intentionen eines Komponisten angemessen grafisch zu übersetzen, andererseits sollte sie dem Interpreten klare Aufführungsanweisungen geben. Aus diesem Spannungsfeld lassen sich alle Veränderungen im Umgang mit der überkommenen Notenschrift im 20. Jahrhundert herleiten. Die traditionelle Notenschrift, die an harmonische und rhythmische Grundbedingungen der klassisch-romantischen Musik gebunden ist, war den neuen kompositorischen Überlegungen nicht mehr gewachsen. Es galt nun, eindeutig und präzise alle Parameter zu bestimmen. Außerdem mussten Ideen zum Unbestimmten, Mehrdeutigen und zum Zufall (Aleatorik) Gestalt gewinnen. Größte Veränderung erfuhr die Notenschrift durch die Einbeziehung des Geräuschs in das musikalische Denken. Hier liegen die Wurzeln für die Erfindung zahlreicher neuer Schriftzeichen. Es zeigte sich, dass sich klangliche Vorstellungen gegebenenfalls besser darstellen lassen, wenn man sich einer Aktionsschrift bedient – weniger genaue Festlegung, als vielmehr bildhaft-assoziative Informationen. Oder aber man greift auf die Verfahren der Griffnotation zurück und erweitert das Repertoire der verbalen Anweisungen (Hans-Joachim Hespos hat ca. 4000 neue Spielanweisungen erfunden): als Umschreibung der Hervorbringung von Klängen. In beiden Fällen erhöht sich der schöpferische Anteil des Interpreten am Werk, da sich der Spielraum zwischen Partitur und Ausführung vergrößert. In Folge dessen entwickelten sich mit der Musikalischen Grafik und der Visible Music Notationsformen,
bei denen die Schrift bildhafte Eigenständigkeit erhält.

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