Bilanz des Festivalmachers und Dirigenten Manfred Reichert Augen wie Ohren öffnende Dokumentation

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Buchkritik vom 28.3.2018

Das ist keine klassische Autobiografie – auch wenn sie so ähnlich beginnt. Manfred Reicherts neues Buch ist im Rhythmus der Jahreszahlen gegliedert. In gebündelter, sachlicher Sprache erfährt der Leser, wie der Autor zur Musik kam, zum Dirigieren, zum damaligen Südwestfunk und schließlich zu seinen eigenen Festivals. Das war 1980:

Manfred Reichert mutet seinen Hörern etwas zu – dieser Satz zieht sich, direkt oder indirekt formuliert, durch die zahlreichen Zeitungskritiken, die der Autor zwischen seine eigenen Texte einschiebt. Die Zumutungen richten sich dabei auch gegen den Mainstream der Avantgarde, denn Reichert versucht in seinen Konzerten bewusst, festgefahrene Formate aufzubrechen. Er bietet den Querdenkern, Querschlägern und Querulanten unter den Komponisten ein Forum für ihre Werke. Dabei verliert er aber nie den Anschluss an die Musikgeschichte aus den Ohren. Schon unkommentierte Konzertprogramme sprechen so für sich:

Auch solche Werk- und Interpretenlisten wie hier aus der Karlsruher „Wintermusik“ von 1996 enthält Manfred Reicherts Buch. Ganz unscheinbar findet sich dort zwischen diesen Zeilen auch dessen Titel wieder: „Fremder Ort Heimat“, ein für ihn besonders wichtiger Begriff und gleichzeitig ein Festivalmotto, ein Bild vor seinem inneren Auge, das Bild einer Straße. Es wird auch einmal persönlich in Reicherts Buch:

Ab den 1990er Jahren erweitern sich die beiden Festivals „Wintermusik“ und „Musik auf dem 49.“ allmählich um die Komponente Multimedia. Festivalmacher und Dirigent Reichert konzipiert eigene Hör- und Seh-, Klang- und Bildcollagen und dringt tiefer in den Bereich des Musiktheaters vor. Anlässe dazu kommen manchmal auch von außen, wie etwa das große Mozart-Jubiläum im Jahr 1991:

Das Spiel mit den Elementen und ihren Spannungsverhältnissen – es wird auch künstlerisch zum Credo von Manfred Reichert. Das erschließt sich dem Leser mit der Zeit, wenn er sich aufmerksam durch Konzertprogramme, Programmhefttexte und Rezensionen durchgearbeitet hat. Immer wieder fällt dabei auch der Name des Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm, der Reichert sowohl musikalisch als auch konzeptionell wohl am längsten unterstützt hat. Reicherts zahlreiche Uraufführungen von Rihm-Werken sind am Ende des Buches komplett dokumentiert.

Manfred Reicherts Buch „Fremder Ort Heimat“ ist im Grunde genau das, was auch seine Festivals und seine eigenen Hör- und Sehcollagen sind: eine Reihung von Fragmenten. Das macht es dem Leser nicht immer ganz leicht, in die teils komplexen Ideen hinter den Kompositionen und den Programmkonstellationen einzudringen. Dafür kann man gemeinsam mit dem Autor in der Rückschau erleben, wie sich seine Visionen, seine künstlerischen Ambitionen, seine Erkenntnisse weiter entwickelt und beflügelt haben. Eine sehr lesenswerte autobiografische Dokumentation also. Nicht nur etwas für Karlsruher Festivalbesucher und Freunde ehemals zeitgenössischer Nischen-Avantgarde, sondern auch für junge heutige Festivalmacher ein erhellendes und Augen wie Ohren öffnendes Buch.

Buchkritik vom 28.3.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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