Musikstück der Woche vom 04.04.2016 Er ist's!

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Johannes Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur, op. 73

Wer vor etwa 200 Jahren in Wien als Komponist was werden wollte, dem saß Beethoven im Nacken. Johannes Brahms ging das noch täglich so, als er längst ein berühmter Mann mit einer schicken Wohnung am Wiener Karlsplatz war, der im Musikverein ein und aus ging und sich 1877 endlich seine erste Symphonie abgerungen hatte.

Immer, wenn Brahms sich an den Flügel in seinem Musikzimmer setzte, dann schwebte Beethovens "Geist der Symphonik" über ihm: versinnbildlicht als Büste oben an der Wand. Zum Glück brachte es Brahms doch noch fertig, vier Symphonien zu schreiben. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg spielte die zweite beim Eröffnungskonzert des Heidelberger Frühlings im Kongresshaus Heidelberg am 15. März 2014 unter der Leitung von Chefdirigent François-Xavier Roth.

Kennen Sie Brahms?

Johannes Brahms (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - DB dpa)
Johannes Brahms picture-alliance / dpa - DB dpa

Ein schon zu Lebzeiten hochdekorierter, recht kauziger Intellektueller mit Traumbibliothek und Kaffeefahne, der Walle-Sakko und Rauschebart trug und mitunter gemütlich umhüllt von Zigarrenqualm seine Oktav-Pranken in die Klaviatur sausen ließ… Johannes Brahms war viel mehr als das. Nicht bloß ein Pianist, Dirigent und Herausgeber, der richtig gut im Geschäft war; nicht allein ein kompositorisches Schwergewicht, ging es um musikalischen Todernst, um Kontrapunkt, Hemiolen oder die Vertonung schwieriger Versmaße. Brahms konnte nicht nur düster-melancholisch stimmen, sondern ihm lagen auch musikalische Zärtlichkeiten, die sich nie billig anhörten und trotzdem die meisten Zeitgenossen hellauf begeisterten. So auch seine zweite Symphonie in D-Dur op. 73.

Süße, frühlingsblühende Klänge waren das, die am 30. Dezember 1877 durch die Ohren im Großen Saal des Wiener Musikvereins flatterten, als Brahms’ op. 73 in der Konzertreihe der Wiener Philharmoniker zum ersten Mal aufgeführt wurde. Der Wagner-Spezialist Hans Richter dirigierte ein für Brahms’ Tonverhältnisse ausgesprochen lieblich schwebendes Orchester, und Eduard Hanslick, der mächtigste Advokat des Komponisten neben Robert Schumann, kritisierte. Wenige Tage nach der Uraufführung orakelte Hanslick am 3. Januar 1878 in der Neuen Freien Presse: "Die zweite Symphonie scheint wie die Sonne erwärmend auf Kenner und Laien, sie gehört allen, die sich nach guter Musik sehnen… Brahms’ neue Symphonie leuchtet in gesunder Frische und Klarheit; durchweg faßlich, giebt sie doch überall aufzuhorchen und nachzudenken."

Frühling für raffinierte Lauscher

Zum Nachdenken über all dies hat man in der zweiten Symphonie genügend Muße: vier gediegene Sätze, verteilt auf ein Hörpanorama von 40 Minuten, wie es Brahms größtenteils in der "Sommerfrische" 1877 am Wörthersee aufgeschrieben hatte. (I) Allegro non troppo, (II) Adagio non troppo, (III) Allegretto grazioso quasi Andantino – Presto ma non assai – Tempo primo – Presto ma non assai – Tempo primo, (IV) Allegro con spirito. Brahms selbst hatte in schönster Bedienung gängiger Klischees kurz vor der Veröffentlichung seiner Symphonie vorgegeben, er habe "noch nie so was Trauriges, Molliges geschrieben". Dabei sind die dunkleren Fäden dieser massiven und doch lauschigen Musik von Anfang an besonders raffiniert eingewoben.

Erst allmählich mischen sich tiefe Streicher, Basstuba, Posaunen und Pauken unter die hell wärmenden Streicher, Hörner, Flöten- und Oboen-Klänge. Die Vitalität der dauernden Veränderungen von Motiven schon im ersten Satz zeigt wenig von jener einsamen Trübseligkeit, an die meistens denkt, wer "Brahms" sagt. Erst recht nicht die herrlich getupfte Anmut des dritten Satzes, wie sie zwischen Dur und Moll schaukelt und dabei immer wieder der klanglichen Grandezza entgegen schwingt; noch weniger der letzte Satz, wenn er aus dem vollen Orchester heraus lossprudelt. Mal in feinen Linien unablässig irisierend, dann vor lauter Akkordbrechungen energisch glucksend und feierlich wummernd – horcht, von fern ein zarter Geigenton, ein Hornsolo, ein Flötenflimmern! Brahms, ja du bist's!

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Foto: SWR, SWR - Marco Borggreve)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg SWR - Marco Borggreve

Komplexe Symphonien gut zu spielen ist schwer genug. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kann noch viel mehr. Es hat sich zu einem Magneten für Solisten und Dirigenten der Extraklasse rund um den Globus entwickelt, vor allem im zeitgenössischen Bereich. Seit der Gründung 1946 konzertiert das vielfach ausgezeichnete Orchester weltweit mit Musik aus vier Jahrhunderten bis zur Gegenwart. Es nahm außerdem mehr als 600 Kompositionen auf, darunter die erste Einspielung des orchestralen Gesamtwerks von Olivier Messiaen, entwickelte Kinder- und Jugendprojekte zur Musikvermittlung und trat bei den großen Festivals in Salzburg, Luzern, Wien, Hamburg, Paris, Strasbourg sowie Amsterdam auf.

Seit der Neugründung der Donaueschinger Musiktage 1950 brachte das SWR Sinfonieorchester dort über 400 Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts zur Uraufführung. Zuletzt wurde das Orchester unter der Leitung von François-Xavier Roth mit dem Special Achievement Award der International Classical Music Awards ausgezeichnet.

François-Xavier Roth

François-Xavier Roth (Foto: SWR, SWR - Marco Borggreve)
François-Xavier Roth SWR - Marco Borggreve

François-Xavier Roth – geboren 1971 in Neuilly-sur-Seine, erst Flötist, dann Dirigent, studierte am Conservatoire National Supérieur de Musique und hat selten Langeweile: Derzeit leitet er sowohl das Gürzenich Orchester Köln als auch das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Zudem arbeitet François-Xavier Roth mit Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Concertgebouw Amsterdam und dem Boston Symphony Orchestra. Das Repertoire des Dirigenten reicht vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart und umfasst Oper, Kammermusik und Symphonik. Schon 2003 hat er ein Orchester für außergewöhnliche Klangerlebnisse gegründet, Les Siècles, das diesen Sommer gemeinsam mit der Pina Bausch Company Strawinskys "Le Sacre du Printemps" aufführen wird.

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