Musikstück der Woche mit Alexej Gorlatch Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3

AUTOR/IN

Unterwelt, Trauer, Verwünschungen und alles, was nicht ganz geheuer ist: Das ist die Sphäre der Tonart c-Moll, die Beethoven für sein drittes Klavierkonzert wählte. Es ist nebenbei das einzige Konzert in einer Moll-Tonart. Beethoven kostet den düsteren Charakter genüsslich aus und setzt ihn in ein wirkungsvolles Spannungsverhältnis zu lichten Passagen. "SWR2 New Talent" Alexej Gorlatch ist Solist in diesem Konzert vom 29.11.2013 im Konzerthaus Karlsruhe mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Nicolas Simon.

Musik über Musik

Der erste Satz ist Musik über Musik. Wie ein Mosaik fügen sich die einzelnen Elemente, die Musik ausmachen, zusammen: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben, Dynamik, der Kontrast zwischen dem Solisten und der Gruppe und schließlich die große Architektur der Sonatensatzform mit ihren zwei unterschiedlichen Themen. Beethoven baut die Elemente Schritt für Schritt zusammen, fast wie nach Rezept. Dennoch haftet der Musik keineswegs etwas Schematisches, Lehrbuchhaftes an – im Gegenteil: Jede neue "Zutat" wirkt wie eine kleine Sensation und gibt der Musik neue Würze.

Vom zarten Ausdruck des Pianoforte

Der zweite Satz verlässt den finsteren Moll-Bereich; er ist gleichsam auf der südlichen Halbkugel angesiedelt: in strahlendem E-Dur. Er gehört ganz dem Klavier. Die gedämpften Streicher begleiten dezent mit tupfenden Akkorden und treten nur dann hervor, wenn das Klavier schweigt. Ein Zeitgenosse schrieb 1805, zwei Jahre nach der Uraufführung: "B. hat hier mehr, als von frühern Komponisten für das Pianof. irgend einer, alle Mittel, die dies Instrument zum Ausdruck sanfter Gefühle besitzt, ins Spiel gesetzt; und denen, die aus altem Glauben ... immer noch einander nachsagen, es fehle dem Pianoforte denn doch an zarterm Ausdruck, ist das gehörige Vorspielen dieses Stückes wenigstens eine eben so vollständige Widerlegung, als das Gehen jenes Philosophen eine Widerlegung der Zweifel seines Kollegen war, der die Bewegung leugnete."

Mit naiver Einfachheit vorzutragen

Der dritte Satz, ein symmetrisch angelegtes Sonatenrondo, lebt von seinem prägnanten Thema; Beethovens Schüler Carl Czerny empfahl: "Das Thema dieses Finales ist zwar klagend, aber mit einer naiven Einfachheit vorzutragen." Genau in die Mitte des Satzes schreibt Beethoven ein polyphones Fugato, in dem das spielerische Element, die "naive Einfachheit" des Themas ganz ausgeklammert ist.

Dem Prinzen von Preußen gewidmet

Beethoven widmete das Konzert dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, von dem er sagte, er spiele nicht "prinzlich oder königlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler." Bei der Uraufführung im April 1803 saß Beethoven selbst am Klavier. Er spielte aus Noten, die er allerdings nur in eilig hingeworfener, stenographischer Kurzschrift festgehalten hatte – was seinen Umblätterer ziemlich ins Schwitzen brachte: "Ich erblickte fast lauter leere Blätter, höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar mir recht unverständliche Hieroglyphen hingekritzelt." Beethoven soll sich darüber königlich amüsiert haben.

Alexej Gorlatch (Klavier)

Der Pianist Alexej Gorlatch, der 2013-2015 als SWR2 New Talent gefördert wurde, kam 1988 in Kiew auf die Welt und lebt seit 1991 in Deutschland. Er begann seine Klavierausbildung im Alter von sieben Jahren bei Eduard-Georg Georgiew in Passau, wurde mit zwölf Jungstudent an der Universität der Künste Berlin bei Martin Hughes und zwei Jahre später bei Karl-Heinz Kämmerling an der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Seinem Sieg beim Internationalen ARD Musikwettbewerb, wo Alexej Gorlatch zugleich den Publikumspreis und mehrere weitere Sonderpreise entgegennehmen durfte, war eine bemerkenswerte musikalische Laufbahn vorausgegangen – innerhalb von nur sechs Jahren bekam er die Ersten Preise von neun bedeutenden internationalen Klavierwettbewerben zugesprochen, darunter im japanischen Hamamatsu (2006), beim Deutschen Musikwettbewerb (2008), beim Internationalen A. G. Rubinstein-Wettbewerb (2009) und in Dublin (2009), sowie die Silbermedaille in Leeds.

Alexej Gorlatchs intensive Konzerttätigkeit führt ihn auf die wichtigsten Konzertpodien der Welt. Er ist aktuell Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, der Deutschen Stiftung Musikleben sowie der Mozart Gesellschaft Dortmund.

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Foto: SWR, SWR - Marco Borggreve)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg SWR - Marco Borggreve

1946 wurde das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gegründet. Bis heute identifiziert es sich mit den Idealen seiner "Gründerväter", die der festen Überzeugung waren, dass die engagierte Förderung der neuen Musik ebenso wichtiger Bestandteil des Rundfunk-Kulturauftrags ist wie der Umgang mit der großen Tradition.

In diesem Sinne haben die Chefdirigenten von Hans Rosbaud über Ernest Bour bis zu Michael Gielen gearbeitet und ein Orchester kultiviert, das für seine schnelle Auffassungsgabe beim Entziffern neuer, "unspielbarer" Partituren ebenso gerühmt wird wie für exemplarische Aufführungen und Einspielungen des traditionellen Repertoires eines großen Sinfonieorchesters. An die 400 Kompositionen hat das Orchester bisher uraufgeführt und damit Musikgeschichte geschrieben; es gastiert regelmäßig in den (Musik)-Hauptstädten zwischen Wien und Amsterdam, Berlin und Rom, Salzburg und Luzern. Michael Gielen prägte das Orchester als Chefdirigent in den Jahren 1986-1999, dann übernahm Sylvain Cambreling. Seit September 2011 steht François-Xavier Roth an der Spitze.

In der Aufnahme des Konzert vom 29.11.2013 im Konzerthaus Karlsruhe dirigiert Nicolas Simon das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg.

AUTOR/IN
STAND