4- CD Box mit frühen Interpretationen von Martha Argerich Poetische Klang- und Phrasenzauberin

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CD-Tipp vom 15.6.2018

Frühe Aufnahmen einer Klavierlegende

Sergej Prokofjews Toccata op. 11 ist nur eines der zahlreichen Stücke, bei denen Klavierfans sofort der Name jener Pianistin als Referenz in den Kopf schießt, die man, unumwunden und ohne Überstrapazierung von Klischees, Klavierlegende nennen darf: Martha Argerich. Die Argerich geht im Jahr 2018 immer noch mitunter auf Bühnen, fast nie solistisch, meist in Begleitung von Freunden und Weggefährten. Nach wie vor sagt sie Konzerte ab, aber wenn sie dann spielt, ist sie totsicher tagelang Gesprächsthema bei den Klavierenthusiasten, die das Glück hatten, Karten zu ergattern. Tritt sie auf, oder sagt sie ab? Ein bisschen unberechenbar war Martha Argerich schon zu Beginn ihrer Karriere.

Als sie mit Mitte 20 sensationell den Chopin Wettbewerb gewann, hatte sie ja schon eine tiefe Sinnkrise hinter sich, während derer sie wohl wochenlang mit dem Gedanken haderte, ob sie nicht besser Sekretärin als Pianistin geworden wäre. Die Klassik-Welt dankt es ihr bis heute, dass sie schließlich Pianistin wurde. Das Label Profil Edition Günter Hänssler veröffentlicht heute eine 4 CD-Box mit Aufnahmen der Argerich, die allesamt vor dem Gewinn des Chopin Wettbewerbs entstanden sind. Vor der ersten großen Krise und vor dem endgültigen Durchbruch. Aufnahmen, die im Alter von 14, 16 oder 20 Jahren entstanden sind. Schnell war sie damals schon, Adrenalin verbrennend wie ein Hochtemperaturofen. Aber auch eine ungeheuer poetische Klang- und Phrasenzauberin.

Die Sonate für Klavier Nr. 13 B-Dur KV 333 ist ein magisches Beispiel für den poetischen Klangsinn der schon 19-jährigen Martha Argerich, die, raffiniert wie kaum jemand, winzige Nuancen dieses langsamen Mozartsatzes modelliert. Als andere, ebenfalls unwiderstehlich bezwingende Komponente dieser frühen Meisterschaft erlebt man in diesen frühen Aufnahmen das Timing der Ausnahmepianistin. Wieder reichen ein paar Augenblicke Beethoven, um mit offenem Mund zu staunen. Jede Hundertstelsekunde der zahlreichen Pausen ist fast unheimlich abgeklopft auf ihr Potential: Abwarten? Loslegen? Spannung erzeugen? Ungeduld bezähmen oder demnächst feste druff? Jeder winzige Augenblick Stille bekommt die spannendste Rolle seines Lebens.

Die meisten der Aufnahmen in der neuen Hänssler-CD-Box sind mit erst 19 Jahren aufgenommen. Martha Argerich ist 1960 schon ganz die aufregende Künstlerin der Jahre nach der folgenden Krise, spielt oft draufgängerisch rücksichtslos, dann wieder fragil und leise, hat dabei etwas, das man vielleicht als poetische Ungeduld bezeichnen würde; Unruhe, die einen als Hörer immer auf die Stuhlkante zwingt. Wie sie manchmal verzögert, dann wieder vorwärts geht, Wimpernschläge wartet oder auch zu früh weiterspielt. Ganz verkürzt könnte man sagen, wann immer auch nur momentweise die Gefahr besteht, dass man sich zurücklegt, dann scheint Frau Argerich den Moment zu wittern: weiter, los geht’s. Eines ihrer Paradestücke aus dieser Zeit ist aus den SWR Archiven ausgegraben worden: Maurice Ravels Konzert für Klavier und Orchester G-Dur, 1960 in Baden Baden aufgenommen worden mit dem damaligen Südwestfunk Sinfonieorchester. Dieses Konzert unter der Leitung von Ernest Burg ist auf der ersten von insgesamt vier CDs mit frühen Argerich Aufnahmen bereits ein Höhepunkt.

Unbedingt lohnende Sammlung

Viele eingefleischte Fans werden natürlich einige der Aufnahmen der Profil Edition Günter Hänssler CD Box kennen, teilweise sind sie natürlich in den unendlichen Weiten des Internets auffindbar oder anderswo bereits veröffentlicht oder gesendet worden, zum Beispiel hier im SWR. Dennoch ist diese Box eine unbedingt lohnende Sammlung fantastischer Aufnahmen aus den Anfangsjahren einer - Achtung, ich wiederhole mich - Klavierlegende. Wer mehr über die Person Martha Argerich erfahren möchte,  ist allerdings gut beraten, sich zusätzlich eine Biografie zu kaufen oder eine Filmdokumentation über ihr Leben zu schauen. Das beigelegte Booklet dokumentiert vor allem die Aufnahmen, weniger die Umstände der Entstehung. Ein Paket für echte Freunde hochwertiger Klaviermusik, pur und schnörkellos serviert, dafür aber mit akustischem Mehrwert.

CD-Tipp vom 15.6.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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