Weihnachtslieder

Macht hoch die Tür

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Ein Königsberger Pfarrer dichtete das Adventslied "Macht hoch die Tür", das eng mit Psalm 24 verwandt ist. Ein idealer Text für die Einweihung eines neuen Gotteshauses – umso mehr, als die Kirchweih am 2. Advent stattfindet, wenn die Gemeinde ohnehin die Ankunft Christi feiert.

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Komponiert für die Einweihung einer neuen Kirche

Martin Luther hat diesen Psalm – Psalm 24 – mit kraftvoller Sprache ins Deutsche übersetzt. Er formuliert eine ganz klare Aufforderung: steht auf, öffnet alles, was ihr verschlossen habt! Dann kann Christus zu euch hereinkommen.

Im Winter 1623 wird in Königsberg eine neue evangelische Kirche eingeweiht. Der Königsberger Pfarrer Georg Weissel dichtet für die Kirchweih ein Lied, das ganz eng mit dem Psalm verwandt ist:

Ein idealer Text für die Einweihung eines neuen Gotteshauses – umso mehr, als die Kirchweih am 2. Advent stattfindet, also in jener Zeit des Kirchenjahrs, in der die Gemeinde ohnehin die Ankunft Christi feiert. Christus soll einen würdigen Platz finden: In der neuen Kirche und im Herzen von jedem Gemeindemitglied. Der Königsberger Kantor Johann Stobäus schreibt zu dem Text seines Pfarrer-Kollegen einen feierlichen fünfstimmigen Chorsatz.

Einprägsame Melodie eines unbekannten Verfassers

Die Melodie, die wir heute für "Macht hoch die Tür" kennen, ist völlig anders: sie schwingt und fließt im Dreiertakt, ist schlicht und einprägsam und entspricht mit ihren musikalischen Binnenwiederholungen ideal der Struktur des Textes – da sind nämlich auch immer zwei Zeilen zu einem Reimpaar gebündelt.

Wir wissen nicht, von wem diese Melodie stammt. Sie ist gemeinsam mit dem Text erstmals im Freylinghausenschen Gesangbuch abgedruckt, im Jahr 1704. Der Theologe Johann Anastasius Freylinghausen hat für dieses Gesangbuch 1500 geistliche Liedtexte gesammelt, außerdem 600 alte und neue Melodien.

Wer in diesem Buch blättert, findet garantiert für jede Lebenslage das passende Lied – und genau das ist der Anspruch, den die Frömmigkeitspraxis der Barockzeit erfüllen will: jeder Tag soll von morgens bis abends durchdrungen sein vom Glauben und von einem Bewusstsein für die Gegenwart Gottes.

Praxisorientierte Gesangbücher

Die Theologen erfinden dafür einprägsame Eselsbrücken: Der fromme Christ soll schon morgens beim Anziehen daran denken, wie die Kleider Christi verteilt wurden, bei den Mahlzeiten erinnert er sich an das letzte Abendmahl. Auf dem Feld, beim Kochen, bei der Handarbeit hat er idealer Weise ständig ein Lied, einen Psalm oder sonstigen frommen Text auf den Lippen.

Die Gesangbücher der Zeit spiegeln diese Verknüpfung von Alltag und Religion deutlich wider. Manche von ihnen sind ausgesprochen praxisorientiert angelegt – es gibt zum Beispiel extra Reise-Gesangbücher im handlichen Miniatur-Format, die im Anhang Stadtpläne, immerwährende Kalender und sogar Umrechnungstabellen für die wichtigsten Währungen enthalten.

Der Einzelne steht im Mittelpunkt

Man kann diese Bücher also ganz individuell nutzen. Und Individualität – das ist das große Thema in der Frömmigkeit der Barockzeit. Plötzlich wird das Wort "ich" ganz zentral. In vielen Liedern ist es jetzt das einzige Personalpronomen überhaupt. In Luthers Liedern kommt dagegen das "ich" nur ganz selten vor, da ist fast nur die Rede von "wir" oder "uns".

"Macht hoch die Tür" ist 1623 entstanden, also mehr als 100 Jahre nach der Reformation. Hier findet man den Perspektivwechsel von der gesamten Gemeinde hin zum Einzelnen fast in jeder Strophe: "Gelobet sei mein Gott" wird refrainartig wiederholt. Und in der letzten Strophe wandelt sich die Szenerie zu einem Dialog zwischen dem Gläubigen und Christus: "Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, mein Herzens Tür dir offen ist" heißt es da.

Der Komponist Max Reger hat im 19. Jahrhundert die alte barocke Melodie behutsam mit romantischen Harmonien unterlegt – seinen Chorsatz hören wir in einer Aufnahme mit dem Orpheus Vokalensemble.

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