Jorge Bolet spielt Liszt Kraftvoll und virtuos

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CD-Tipp vom 2.2.2018

Verborgene Schätze
Jorge Bolet, der große kubanische Klaviervirtuose, war in den 1960er und 70er Jahren häufig beim RIAS in Berlin zu Gast. Damals war sein Ruf als Jahrhundertpianist noch nicht bis zu den Ohren der großen Plattenfirmen durchgedrungen. Die entdeckten ihn erst spät, als er schon fast 60 Jahre alt war. In den Rundfunkarchiven in Deutschland und Europa aber liegen seine frühen Aufnahmen – verborgene Schätze, die erst jetzt Stück für Stück ans Licht kommen. – Aus den Archiven des RIAS hat die Plattenfirma audite in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur bereits im vergangenen November ein Album mit drei CDs herausgegeben: mit Konzertmitschnitten und Studioproduktionen, die Jorge Bolet beim RIAS in den Jahren 1962 bis 1973 aufgenommen hat. Große Klavierwerke von Chopin, Liszt und Debussy sind darauf zu hören, sowie Zugaben und Bearbeitungen von Moszkowski und Godowsky.

Was für ein Pianist
Jetzt liegt ein weiteres Album mit den zwei Klavierkonzerten von Franz Liszt vor. Es sind Mitschnitte zweier Konzerte, die Jorge Bolet 1971 und 1982 beim RIAS gegeben hat. Schon nach wenigen Tönen muss man sagen: Wow – was für ein Pianist: Kraftvoll und virtuos gibt er Gas in den stupenden Tonkaskaden, zeichnet die melodischen Linien mit Wärme und einem gewissen Schmelz. Leidenschaftlich, aber nie sentimental, virtuos, aber nie effekthascherisch, technisch souverän, aber nie routiniert macht er seinem Ruf als einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts alle Ehre.

Risikofreudige Vitalität
Besonders die frühere der beiden Aufnahmen – das erste Klavierkonzert in einem Konzertmitschnitt von 1971 mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Lawrence Foster – hat es mir angetan. Die Unmittelbarkeit und risikofreudige Vitalität seines Spiels springt hier ganz unmittelbar über, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – der Dirigent Lawrence Foster, ein junger, damals gerade 30-jähriger Amerikaner das eine oder andere Mal in die Pathos-Falle tappt und in den Tempi mal wie ein junger Hengst davongaloppiert, mal plötzlich im Detail sich verliert. Jorge Bolet, damals immerhin schon 57 Jahre alt, bleibt in allen Situationen souverän, hellwach und von hinreißender Musikalität.

Großer Liszt-Interpret
Obwohl Jorge Bolet ein riesiges Repertoire beherrschte, galt er vor allem als Liszt-Experte. Das lag zum einen daran, dass er einem breiten Publikum bekannt wurde, weil er in den 1960er Jahren den Soundtrack zu der Hollywoodverfilmung der Biografie von Franz Liszt eingespielt hatte. Tatsächlich aber ist er – unabhängig von allem glamourösen Hollywood-Ruhm, der für einen ernsthaften Musiker ja durchaus auch seine karrieregefährdenden Seiten hat – ein großer Liszt-Interpret. Wolfgang Rathert schreibt dazu im sehr informativen Booklet zu dieser CD: „Dies betraf nicht nur die immer wieder beeindruckende manuelle Beherrschung des Instruments, sondern vor allem seine musikalische Intelligenz, die Geschmack, klangliche Differenzierung und – die größte Tugend für Liszt-Interpreten – den Sinn für die Gestaltung der Spannungsbögen vereinte.“ Beide Klavierkonzerte von Franz Liszt bietet diese Platte sowie drei Sätze aus dem zweiten Band der „Années de Pèlerinage“ und – ein Paradepferd der damaligen Konzerte von Jorge Bolet – die „Tannhäuser“-Ouvertüre für Klavier, paraphrasiert von Franz Liszt. Den großen Spannungsbogen dieser Orchesterouvertüre zum „Tannhäuser“ auf das Klavier zu übertragen – dafür braucht es nicht nur eine Bearbeitung wie die von Franz Liszt, sondern auch einen Pianisten wie Jorge Bolet.

Große klangliche Wärme und Differenziertheit
Für diese Aufnahme lasse ich einige neue Liszt-Einspielungen liegen – und auch klanglich müssen sich diese Mitschnitte, die damals ja auf Tonband gemacht wurden, vor heutigen Produktionen nicht verstecken. Digitally remastered, sind sie rauschfrei und von großer klanglicher Wärme und Differenziertheit.

CD-Tipp vom 2.2.2018 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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