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Buchkritik vom 27.7.2016

Wer an musikalische Improvisation denkt, denkt zunächst an Jazz: an Trompeter wie Dizzy Gillespie und Miles Davis, an Saxophonisten wie Charlie Parker und John Coltrane, an Pianisten wie Keith Jarrett und Oscar Peterson und viele Improvisationsstars mehr, die teilweise über ihre eigenen Themen fantasierten oder auch über bekannte Jazz-Standardmelodien. Es gibt allerdings auch eine internationale Szene freier musikalischer Improvisation, die weder mit Jazz noch mit irgendeinem anderen etablierten Musikstil etwas zu tun haben will. Frei heißt: Die Musiker sind in jedem Augenblick neugierig auf ihre äußeren Gegeben- und inneren Gestimmtheiten und bringen sie musikalisch auf möglichst individuelle Art zum Ausdruck. Es geht im musikalischen Augenblick darum, Klänge und Figuren der Mitspieler zu hören, darauf zu reagieren, sie zu erforschen und weiterzuentwickeln. Weil das Forschen offenbar schon im Musizieren selbst geschieht, trägt der erste wissenschaftliche Band, der sich mit der Kunst der freien Improvisation beschäftigt, auch den Doppeltitel „Improvisation erforschen – improvisierend forschen“.

Das Buch geht auf ein Symposium zurück, das vor zwei Jahren im Exploratorium in Berlin-Kreuzberg stattfand – einem anerkannten Zentrum für improvisierte Musik. Hier erforschen Musiker aus aller Welt Klänge, während sie sie spielen – so jedenfalls beschreiben sie ihre improvisatorische Tätigkeit auffällig übereinstimmend. MitherausgeberReinhard Gagel reagiert darauf, indem er Improvisation als Thema der Wissenschaft so angeht:

Das kann natürlich beim Symposium selbst leichter gelingen als es die Publikation vermag. Trotzdem spürt man auch noch in dem Wissenschaftsband etwas von dem unbedingten Willen, der musikalischen Improvisation mit ihren eigenen Mitteln auf die Spur zu kommen. So sind Zeichnungen des Künstlers Fridhelm Klein zu bewundern. Er bannte während des Symposiums seine Impressionen von den Wort- und Musikvorträgen live auf Papier – improvisatorisch hingeworfene Mischungen aus Notizen, Personenskizzen und abstrakten Schwarz-Weiß-Gebilden. Sie sind nicht nur schön, sondern sie geben auch einen Eindruck von der Mühe und von dem Aufwand des Nachdenkens über eine Kunstform, die noch viel flüchtiger zu sein scheint als notierte Musik – und die selbst vielen Musikern von heute völlig unvertraut ist. Notierte und improvisierte Musik lassen sich kaum vergleichen – improvisierende Musiker dagegen mit Sportlern, speziell mit Basketballspielern, findet der Musikphilosoph Alan Bern. Denn ähnlich wie in der Gruppenimprovisation beinhaltet ein Basketballspiel komplexe, unvorhersehbare Situationen, die dennoch von den Spielern aufgrund ihres Erfahrungsschatzes überblickt werden:

Ganz anders sieht es bei klassischen Musikern aus. Die Interpretation präexistenter Musik hat bestimmte Kompetenzen verkümmern lassen, meint Alan Bern:

Ins Kulturkritische gewendet wird diese Vorherrschaft des Vorhersehbaren in der Musik insbesondere von Eddi Prévost. Der britische Schlagzeuger ist ein anerkannter Altmeister der freien Improvisation. Dem eingefahrenen Musikbetrieb gegenüber sieht er musikalische Improvisation als maximale Wachheit. Sie dient dazu, auf unsere Umwelt einzugehen und sie zu kompensieren. Improvisationskünstler, schreibt Prévost, sind musikalische Schamanen:

Das Buch als Ganzes enthält interessante und verständliche Beobachtungen. Einsteiger in das Thema Improvisation sollten aber zunächst den nicht wissenschaftlichen Zugang wählen. Dennoch kann man die Bereicherung spüren, die einträte, wenn freie musikalische Improvisation in unserer Musikwelt einen festeren Platz hätte. Ihre Vertreter hätten offenbar praktisch wie theoretisch das Rüstzeug dafür.

Buchkritik vom 27.7.2016 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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