Bellinis „Norma“ aus London auf DVD Musikalisch empfehlenswert

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DVD-Tipp vom 8.2.2018

Regiekonzept eher schwach, Personenführung weitgehend statisch statisch

Der Junge ist eingeschlafen. Im Hintergrund flackern noch ein paar Zeichentrick-Hasen über den Bildschirm, Spiele-Burg und Spielzeugauto stehen im Hintergrund. Ein Kinderzimmer von heute. Die Mutter heißt Norma, eine Powerlady. Ein großes Kreuz baumelt vor ihrer Brust, plötzlich hat sie ein Messer in der Hand. Sie würde die schlafend-kindliche Unschuld am liebsten töten – aus Schutz vor weiterem Leid. – So beginnt der zweite Akt aus Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ in der Londoner Inszenierung des katalanischen Regisseurs Àlex Ollé, Mitglied des berühmten Theaterprojekts „Fura dels Baus“. Ollé lässt die Titelfigur als Priesterin eines christlichen Ordens auftreten, Druidenführer Oroveso (Normas Vater) führt eine beinahe paramilitärische Organisation an. Anfangs ist der hintere Bühnenrand übersäht mit Kruzifixen – eine düster-hoffnungslose, gespenstische Welt, fernab von einer Religion des Hoffens. Das Regiekonzept bleibt insgesamt eher schwach. Die Personenführung wirkt weitgehend statisch; und was in den Köpfen der beteiligten Figuren vor sich geht, erschließt sich dem Zuschauer kaum; von ihm ist reichlich eigene Fantasie gefragt. Die einzige wirkliche Überraschung bietet der Regisseur, wenn er am Ende – vor einem opulent lodernden Bühnenbild – Oroveso seine Tochter erschießen lässt. So entgeht sie ihrem freiwilligen Flammentod.

Dramatisch und lyrisch zugleich spielendes Orchester

Warum ist diese Produktion dennoch eine Empfehlung wert? Es ist das Dirigat von Antonio Pappano am Pult des Royal Opera Houses: Er schafft es, schwerblütige Romantik mit einem hohen Maß an Transparenz zu verbinden, er lässt das Orchester dramatisch und lyrisch zugleich spielen. Pappano setzt alles daran, um Bellinis „Belcanto“-Musik in all ihrer Tiefe auszuloten, mit ihren lang gezogenen Bögen, mit ihrer Melancholie und Tragik und mit ihrer ganzen dramatischen Kraft.

Sängerisch herausragendes Protagonistenpaar

Sängerisch ragen aus einem soliden Ensemble die zwei Protagonisten heraus. Joseph Calleja singt in dieser Produktion erstmals die Partie des Pollione. Er ist der Vater von Normas Kindern, aber der Beziehung zu ihr müde geworden und hat sich neu verliebt. Aus diesem Geflecht erwächst die eigentliche Spannung des Dramas. Calleja singt das mal zupackend und prägnant (dabei nicht immer unbedingt ‚schön‘), mal in weit gezogenen Linien, aber stets eindringlich. – Auch die Bulgarin Sonya Yoncheva ist in ihrer Rolle als Norma zum ersten Mal zu hören. Hinreißend! Mag man die Gestaltung ihrer Rezitative noch als intensivierungsbedürftig einstufen, so bewältigt sie die rein gesanglichen Passagen mit wunderbarer Wandlungsfähigkeit, trauernd, entflammbar, leidenschaftlich, aufbegehrend, leidend, weltentsagend. – Was die Regie zu wünschen übrig lässt, lösen Dirigent und Protagonistenpaar dieser „Norma“ ein: Sie horchen tief in die Figuren hinein, zeigen sie schwankend zwischen zarten Muttergefühlen und unerbittlichem Machtbegehren, zwischen leisem Leiden und diktatorischer Schärfe – und das jederzeit ohne falsches Pathos.

DVD-Tipp vom 8.2.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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