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Der Komponist, Dirigent und Lehrer von Weltruf galt als radikaler Erneuerer

Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez, einer der weltweit bedeutendsten Vertreter der musikalischen Avantgarde, ist tot. Der berühmte Franzose lebte in Baden-Baden und war unter anderem Dirigent des SWF-Sinfonieorchesters. Er starb nach Angaben seiner Familie am Dienstag, den 5. Januar im Alter von 90 Jahren.

Pierre Boulez bei den Donaueschinger Musiktagen 2008 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Pierre Boulez bei den Donaueschinger Musiktagen 2008 picture-alliance / dpa -

Routine und Tradition - Manierismen und die Konzentration auf die Hauptsache: Zwei Gegensatzpaare bestimmten das Denken und das musikalische Handeln von Pierre Boulez. Schlamperei war für ihn ein Unding, das Wesentliche immer im Fokus.

Pierre Boulez (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / dpa -)
Pierre Boulez wurde am 26. März 1925 in Montbrison im französischen Département Loire geboren. Wäre es nach seinem Vater gegangen, wäre er Ingenieur geworden. Boulez war mathematisch so begabt, dass er vom katholischen Collège in Saint-Etienne weiter nach Lyon auf ein naturwissenschaftliches Spezial-Seminar geschickt wurde. Doch mit 18 Jahren ging er nach Paris und änderte grundlegend seine Zukunftspläne. picture-alliance / dpa - Bild in Detailansicht öffnen
So schrieb er sich im Oktober 1944 am Konservatorium in Olivier Messiaens Klasse für Harmonielehre ein. Durch Messiaen lernte Boulez die Klangwelt von Strawinsky, Bartók und der alten und neuen Wiener Schule kennen. Als erste Talentprobe sendete der französische Rundfunk seine "Trois Psalmodies" (1945) für Klavier, noch zaghafte Schülerarbeiten im Stil des Lehrers mit einem Hang zu Schönbergscher Abstraktion. Foto: Der französische Komponist Olivier Messiaen, Lehrer von Pierre Boulez Imago imago/ZUMA/Keystone Bild in Detailansicht öffnen
1951 war Pierre Boulez zum ersten Mal bei den Donaueschinger Musiktagen vertreten. Seit Mitte der 1950er-Jahre gehört er neben Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono zu den herausragenden Vertretern der musikalischen Avantgarde, speziell der seriellen Musik. Dabei beurteilte er besonders in seiner ersten Schaffensphase seine eigenen Werke wie auch die Kompositionen anderer sehr kritisch. Zahlreiche Frühwerke zog er wieder zurück. Mit Gleichgesinnten störte er mehrmals Aufführungen konservativerer Kollegen. Foto: Donaueschinger Musiktage 1957: v.l.n.r. Luigi Nono , Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen SWR - Bild in Detailansicht öffnen
1958 begann die Dirigenten-Karriere von Pierre Boulez: Hans Rosbaud erkrankte, Boulez sprang für ihn ein. Als ständiger Gastdirigent blieb er dem Südwestfunk-Orchester verbunden. Daneben war er unter anderem ständiger Gastdirigent des Cleveland Orchestra (1967 bis 1972), Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra (1971 bis 1975) und der New Yorker Philharmoniker (1971 bis 1977). Bild: Donaueschinger Musiktage 1958, v.l.: Hans Rosbaud, Heinrich Strobel, Pierre Boulez SWR - Dr. Karl Widmaier Bild in Detailansicht öffnen
1966 dirigierte Pierre Boulez erstmals auch bei den Bayreuther Festspielen, zuerst den "Parsifal" in der Inszenierung von Wieland Wagner. 1976 bis 1980 leitete er beim "Jahrhundertring" in der Regie von Patrice Chéreau das Orchester. Zuletzt dirigierte er erneut den "Parsifal" in der umstrittenen Inszenierung von Christoph Schlingensief.Foto: 2. Aufzug des Parsifal in der Inszenierung von Christoph Schlingensief picture-alliance / dpa - Jochen Quast Bild in Detailansicht öffnen
Von 1977 an widmete sich Pierre Boulez überwiegend seiner Arbeit in dem von der französischen Regierung unterstützten "Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique" (IRCAM) im Pariser Centre Pompidou, das er bis 1992 leitete. Auch danach blieb er Präsident des im IRCAM ansässigen Ensembles Intercontemporain, das er 1976 gegründet hatte. Es gilt als eines der besten Ensembles für zeitgenössische Musik. Imago imago/Leemage Bild in Detailansicht öffnen
Im Laufe der Jahre hat Pierre Boulez für seinen Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts zahlreiche Auszeichnungen erhalten. So erhielt er 1995 unter anderem den Preis der deutschen Schallplattenkritik und wurde von der englischen Musikzeitschrift Gramophone zum "Künstler des Jahres" ernannt. 1996 wurde ihm der Berliner Kunstpreis verliehen, und die Königlich Schwedische Musikakademie zeichnete ihn mit dem Polar Music Prize als große kulturelle Persönlichkeit aus.Foto: Schwedens König Carl Gustav (links) der Übergabe des Polar Musik Prize an die Sängerin Joni Mitchell (Mitte) und Pierre Boulez (rechts). picture-alliance / dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Im Laufe seiner Karriere ist Pierre Boulez auch immer wieder auf Widerspruch gestoßen. Er wollte sich keinen Moden fügen, sondern nur seiner eigenen Vorstellung von musikalischer Kraft folgen. Bild in Detailansicht öffnen
Pierre Boulez war ein lustvoller Polemiker, der Kollegen schon mal zu unfähigen Dilettanten erklärte - von Ives bis Cage, von Schostakowitsch bis Scelsi. 1967 erregte Boulez Aufsehen mit einem Spiegel-Interview, in dem er die modernen Opernhäuser als ungeeignet für moderne Opern bezeichnete und als "eleganteste" Lösung vorschlug, die Häuser in die Luft zu sprengen. Über 30 Jahre später, nach den Anschlägen des 11. September 2001, wurde er deshalb in der Schweiz von der Polizei als potentieller Terrorist einem Verhör unterzogen. SWR - Klaus Fröhlich Bild in Detailansicht öffnen
2015 sollte der 90. Geburtstag von Pierre Boulez groß gefeiert werden. Die Stadt Baden-Baden, in der Boulez seit 1959 lebte, ernannte ihn zum Ehrenbürger. Doch das Geburtstagskonzert musste ohne ihn stattfinden, da Boulez schon zu krank war. Foto: Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg beim Geburtstagskonzert am 18. Januar 2015 im Festspielhaus Baden-Baden Bild in Detailansicht öffnen

"Sprengt die Opernhäuser in die Luft"

In einer Zeit des Auf- und Umbruchs, als der Zustand der Gesellschaft grundlegende Reformen verlangte, sah er sich nach dem Zweiten Weltkrieg als junger Mensch umfassend herausgefordert. "Aufbruch" war ein Stichwort für viele in seiner Generation, Boulez war unter ihnen immer einer der konsequentesten und reflektiertesten und zugleich einer der radikalsten. Vielfach zitiert wurde seine 1967 erhobene Forderung, man möge doch die Opernhäuser in die Luft sprengen - sie wandte sich gegen musikalische Unzulänglichkeiten und zielte auf grundlegende ästhetische Veränderungen. Der Schweizer Polizei reichte diese Formulierung, um Boulez über 30 Jahre lang als potentiellen Terroristen in den Akten zu führen – sie verhaftete den längst renommierten und inzwischen älteren Herrn schließlich 2001 nach einem Dirigat in Basel; filmreif-spektakulär, um 4.00 Uhr morgens.

Schonungsloser Kritiker

"Sprengkraft" hatte in jedem Fall dessen konsequentes und sensibles Komponieren. Zugleich war Pierre Boulez ein spekulativer Theoretiker und Musikdenker, vor dessen schonungsloser Kritik kein Musiker aus Geschichte oder Gegenwart sicher sein konnte. Skrupulös kümmerte er sich als Dirigent um möglichst authentische Interpretationen. Und als Kulturmensch: um die Bedingungen der Möglichkeit von alle dem, um die musikalischen Institutionen.

Dirigent von Weltruhm

Als Chef der New Yorker Philharmoniker reformierte Boulez die Programmgestaltung, er war Chefdirigent in London und zu Gast bei unzähligen Festivals und Orchestern weltweit. Legendär wurde seine Interpretation von Wagners "Ring" in Bayreuth Ende der 1970er Jahre, eine Wagner-Vorstellung, weit weg vom mythischen Nebel und weihevollen Tempeldienst.

Pierre Boulez (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / dpa -)
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Prägende Figur des französische Musiklebens

Für das französische Musikleben des späteren 20. und frühen 21. Jahrhunderts war und ist Pierre Boulez die prägende Figur. Er gründete das Ensemble Intercontemporain, das erste institutionelle Ensemble für Neue Musik, und im Auftrag von Georges Pompidou das legendäre elektronische Studio IRCAM. Auch brachte er in den 80er Jahren die Pariser Cité de la Musique auf den Weg.

Karrierestart bei den Donaueschinger Musiktagen

Bei den Donaueschinger Musiktagen 1951 entdeckte die Musikwelt den Komponisten Boulez, als dessen "Polyphonie X" dort zur skandalträchtigen Uraufführung kam; es war zugleich der Beginn einer Verbindung des Komponisten zum Südwestfunk, später: Südwestrundfunk in Baden-Baden und zu seinem Orchester, die bis zu Boulez' Tod nicht abreißen sollte. Die Musik in diesem frühen und in zahlreichen weiteren Werken schien in neue syntaktische und semantische Zusammenhänge zu geraten, Boulez befreite sie von erzählerischen Strukturen, um dem Gestischen Raum zu geben. Er erfand immer neue Ausdeutungen und Varianten von einzelnen Ideen, arbeitete seine eigenen Werke immer wieder um, war dem Klangsinn unermüdlich auf der Spur.

2015 feierte man vielerorts in Europa den 90. Geburtstag des Komponisten, Dirigenten, Musikdenkers und Institutionengründers Pierre Boulez. In Baden-Baden, das neben Paris zu Boulez' Heimatstadt wurde, erklangen dazu abschließend die "Notations" – ein Werk, das in der fulminanten Orchesterbearbeitung des Komponisten dabei ist, den Weg ins allgemeine Konzertrepertoire zu finden.

Musik 5. Todestag von Pierre Boulez – Erinnerungen an den Pultstar und Avantgarde-Komponisten

Pierre Boulez gehörte zu den herausragenden Vertretern der musikalischen Avantgarde. Vor fünf Jahren – am 5. Januar 2016 – ist der französische Komponist und Dirigent im Alter von 90 Jahren gestorben.  mehr...

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