Opernkritik Beat Furrers "Violetter Schnee" an der Staatsoper Berlin

Von Maria Ossowski

Beat Furrers achte Oper "Violetter Schnee" wurde am 13. Januar hochmotiviert und mit hervorragenden Sängern in Berlin uraufgeführt. An der Produktion gibt es viel zu loben, für unsere Kritikerin war es aber letztendlich etwas zu viel an Depression und Endzeitdebakel.

Beat Furrer hat ein Gespür für Schnee. Schnee ist bei dem Schweizer Komponisten die Metapher für den Klangraum des verlorenen Menschen. Der Schnee rieselt musikalisch leise. Er stürmt orchestral wild. Er macht akustisch blind. Er erstickt mit der Stille. Er lässt erfrieren, er lässt hungern. Er tötet und macht Individuen zu Kannibalen. Er kündigt das Ende der Menschheit an.

Existentielles statt Schweizer Alpenidylle

Schnee hat in Furrers Werk nach der literarischen Vorlage von Wladimir Sorokin gar nichts mit Schweizer Alpenidylle und Hüttengemütlichkeit beim Käsefondue zu tun, nein, im Violetten Schnee geht es um das Existentielle, und die Sprachlosigkeit des Menschen als Vorbotin der Apokalypse. Wie funktioniert das in einer Oper? Erstens durch kristalline, eisige Klänge, die immer wieder hinübergleiten in Töne und Schattierungen voller Sehnsucht nach Wärme und menschlichem Miteinander. Zweitens durch ein Bild.

Martina Gedeck als Tanja vor dem Kunstwerk "Jäger im Schnee" (Foto: Imago, imago/Martin Müller -)
Martina Gedeck als Tanja vor dem Kunstwerk "Jäger im Schnee" Imago imago/Martin Müller -

Ikone der flämischen Malerei im Zentrum

Pieter Breughels Jäger im Schnee, eine Ikone der flämischen Malerei, steht im Zentrum des Werks und der Regie. Eine weiß gekleidete, ätherisch anmutende Martina Gedeck führt als Sprecherin mit einer Bildbeschreibung durch dieses Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, das mit seinen schwarzen Gestalten und Tieren, seiner Helligkeit ohne Sonne und seiner Ödnis zum berühmtesten Winterbild der Kunstgeschichte wurde.

Das Bild erscheint zunächst als große, raumfüllende Projektion vor der Bühne, wird langsam transparent, und es treten Menschen aus der Szenerie hervor. Immer wieder fährt die Kamera auf Details dieses Jahreszeitenbildes. Und die Menschen? Wie sie heißen? Es spielt keine Rolle. Sie lagern in einem modernen Raum und steigen auf in einen intergalaktischen Todesstreifen. Beides, die Aktualität ist ein schelmischer Zufall, wird eingeschneit. In abgehackten Versatzstücken suchen sie einander.

Solisten leisten Großes

Anna Prohaska als Silvia in Beat Furrers Oper Violetter Schnee von Beat Furrer (Foto: Imago, imago/photothek - Felix Zahn)
Anna Prohaska als Silvia Imago imago/photothek - Felix Zahn

Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Georg Nigl, Martina Gedeck und alle weiteren Solisten hatten zu Recht Panik am Anfang der Proben. Sie leisten Großes, können sich weder an Melodien noch an Texten festhalten. Und der überfrachtete intellektuelle Überbau ist ebenfalls wenig hilfreich. Furrer, Sorokin und der Librettist Händl Klaus haben Andrej Tarkowskis Film Solaris, Lars von Triers Melancholia und Verse von Lukrez eingearbeitet.

Magische Momente

Regisseur Claus Guth hat Bilder von ungeheurer Suggestivkraft gewählt, um einer Handlung, die eher verkopft und spannungsarm ist, Assoziationen entgegen zu setzen. Unterstützt vom immensen Klangreichtum in Furrers Komposition, die Matthias Pintscher dirigiert, ergeben sich so immer wieder magische Momente. Wenn Breughels schwarzgekleidete Frauen mit Reisigbündeln oder Schlitten zeitlupenartig vorbeiziehen an den sprachlosen Figuren unserer Zeit. Violett wird nichts, die Sonne, die am Schluss aufscheint, ist eisig weiß und kalt, der Planet verloren, die Menschen verschwinden orientierungslos im All.

Zu viel Apokalypse

Was ist als Fazit zu loben? Zunächst die Energie der Staatsoper und ihres wagemutigen Intendanten Matthias Schulz, dieses wenig kulinarische Werk uraufzuführen – und das mit einer hochmotivierten Staatskapelle und hervorragenden Sängern. Die Regie von Claus Guth und das Bühnenbild von Etienne Pluss entfalten einen erschütternd düsteren Zauber. Und was missfällt der Kritikerin? Eben zu viel Apokalypse, zu viel Depression, zu viel Endzeitdebakel. Das mag dem Zeitgeist entsprechen, aber es fehlte die Spannung in der Handlung, und so dehnten sich die knappen zwei Stunden hin und wieder leider in die Länge.

Vorbericht von Maria Ossowski

Dauer
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