Buchkritik

Christoph Hein – Guldenberg

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In „Guldenberg“ prallen Weltanschauungen aufeinander. Die Ankunft einer Gruppe von Flüchtlingen bringt die Gemeinde in Aufruhr.

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Der 1944 geborene Christoph Hein gehörte vor dem Fall der Mauer zu den wichtigsten oppositionellen Autoren der DDR. Romane wie „Horns Ende“ oder „Der fremde Freund“ machten ihn in den 1980er-Jahren auch im Westen bekannt.

Ein regelmäßig wiederkehrender Schauplatz von Heins Romanen ist die fiktive Kleinstadt Bad Guldenberg. Sie ist dem sächsischen Bad Düben nachempfunden; jenem Ort, in dem Hein seine Kindheit verbrachte.

Heins neuer Roman trägt seinen Schauplatz im Titel

Von Beginn an zeichnet Christoph Hein das Bild einer Idylle, die erschüttert wird. Guldenberg, eine kleine sächsische Kurstadt, gehört auf den ersten Blick nicht zu den Wendeverlierern. Die Häuser im Stadtkern wurden mit staatlichen Zuschüssen und privaten Spenden hübsch hergerichtet; die einstmals staatlichen Wohnblöcke sind saniert.

Das Problem der Landflucht scheint in Guldenberg nicht zu existieren: Einige florierende mittelständische Unternehmen haben sich hier angesiedelt und Arbeitsplätze geschaffen; Lokalpolitik, Kirche und Wirtschaft wirken zum Vorteil aller Bürgerinnen und Bürger zusammen. Bis, fast wie in einer klassischen Novelle, ein unerhörtes Ereignis die Stadt in Aufruhr versetzt:

„Eine Unruhe, eine hektische, nervöse Anspannung hatte sich im Ort verbreitet. Das gemächliche Selbstverständnis einer Stadt, das von einem geschichtslosen Alltag und dem gewöhnlichen Rhythmus eines erschöpften Schlendrian geprägt war, wich einer auffälligen Verunsicherung, spürbar in einem überspannten gegenseitigen Misstrauen.“

Was ist geschehen? Auf Anordnung der Landesregierung werden in einem leerstehenden Haus am Stadtrand acht minderjährige Flüchtlinge untergebracht, vier Afghanen und vier Syrer. Die jungen Männer sind, wie sich herausstellen wird, auch untereinander spinnefeind. Vor allem aber ziehen die Neubürger das Misstrauen und den Hass der Einheimischen auf sich.

Vielstimmig, aber nicht harmonisch

Deren Stimmen orchestriert Christoph Hein wechselweise von Kapitel zu Kapitel und arbeitet dabei wie nebenbei auch die jüngere Geschichte des fiktiven Städtchens Guldenberg auf. Es kommt zu Vorfällen. Das Haus des Bürgermeisters wird mit Steinen beworfen. Jemand zersticht die Reifen des Autos einer der Betreuerinnen in der Flüchtlingsunterkunft.

Am Stammtisch kommt ein verqueres, spezifisch ostdeutsches Demokratieverständnis zum Vorschein: Zur Demokratie, so heißt es, gehöre es auch, sich gegen die Anordnungen und Beschlüsse von Politik und Verwaltung zu wehren.

Die Fremden werden zu Sündenböcken für alles, was schief läuft

Die Fremden, die bis dahin tatsächlich kaum jemand zu Gesicht bekommen hat und die sich eher unauffällig verhalten, werden zu Sündenböcken für alles, was im Privat- und Geschäftsleben der Guldenberger Bevölkerung aus dem Ruder gelaufen ist. Als dann ein Mädchen auch noch bei der insgesamt wenig entschlussfreudig wirkenden Polizei eine Vergewaltigung anzeigt, steht der Täter für den Großteil der Einheimischen fest, obwohl er nicht identifiziert werden kann. Man beschließt, Maßnahmen zu ergreifen:

„Lasst es uns doch selber in die Hand nehmen, wenn die Polizei es schon nicht hinkriegt. Wir schnappen uns diese Typen, einen nach dem anderen, und fühlen ihnen mal ein bisschen auf den Zahn. Ganz freundlich, so wie es unsere Art ist. Wir treten ihnen nur ein klein wenig auf die Füße, das, was die Polizei sich heutzutage nicht mehr traut.“

Ein Entschluss, der, so viel darf verraten werden, weit reichende Konsequenzen nach sich zieht.

Fremdenhass ist nicht das einzige Problem der Kleinstadt

Die Ankunft der Flüchtlinge und deren Auswirkung auf die Guldenberger Gegenwart ist allerdings nur ein Aspekt von Christoph Heins Roman. Die dadurch ausgelösten Unruhen legen darüber hinaus ein ganzes Bündel an Problemen frei: Der vermeintlich erfolgreiche Unternehmer, Hersteller von Elektro-Dreirädern, steht nach einem geplatzten Geschäft in Osteuropa kurz vor dem Ruin. Nach und nach zeigt sich, dass sich hinter der bürgerlichen Fassade der meisten Akteure in Guldenberg gescheiterte Existenzen verbergen. Alle strampeln und kämpfen hier um Wohlstand und auch um Identität.

Fremdenfeindlichkeit ist in „Guldenberg“ auch ein Ventil für Ängste und Verzweiflung. Das ist keine Verharmlosung der Verhältnisse, sondern ein von Christoph Hein sorgfältig aufgebautes, plausibles Szenario. In einer derart prekären Situation brechen auch alte Wunden, die der DDR-Unrechtsstaat vor Jahrzehnten gerissen hat, erneut auf:

„Zu meinem Vater kam Martens 1961 und sagte, mein Vater sei ein Großbauer und Kulak. Dabei hatten wir nur vier Hektar. Zu der Zeit stand seit drei Monaten die Mauer, wir konnten nicht mehr verschwinden. Vater musste samt Vieh, Maschinen, Haus und Stall in die Genossenschaft. Seitdem hat mein Vater nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen. Und ich bin auch auf die andere Straßenseite, wenn ich ihn gesehen hab.“

Derjenige, dessen Stimme hier im Stammtischchor spricht, ist, so stellt sich später heraus, niemand anderes als der Guldenberger Bürgermeister höchstpersönlich. Das aus alten Zeiten vergiftete Klima wirkt also bis in die höchsten Instanzen, und Christoph Hein lässt eine Reihe von Stimmen aus unterschiedlichen Generationen und verschiedenen Milieus zu Wort kommen, um das Stimmungsbild der Stadt zu zeichnen.

Christoph Hein ist kein eleganter Erzähler, das will er auch nicht sein. Seine Sprache ist streckenweise von knarzender Trockenheit, und seine Dialoge wirken hin und wieder geradezu hölzern. Angesichts der sonstigen Qualitäten von Heins Prosa ist das allerdings ein leichtgewichtiger Einwand.

Christoph Hein ist kein literarischer Weltverzauberer, sondern ein präzise beobachtender Chronist

Seine Stoffe sind ihm auch in der wiedervereinigten Bundesrepublik nicht ausgegangen. Wieder einmal wird die Kleinstadt Guldenberg zu einem Ort, an dem sich Konflikte der Gegenwart kondensieren.

Die Mechanismen, die dahinter ablaufen und die unseren Blick gerade auf ostdeutsche Verhältnisse prägen, legt Christoph Hein in aller Sachlichkeit und Klarheit frei.

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