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Marion Poschmann: Nimbus

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Es gibt nur wenige deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich gleichermaßen elegant wie virtuos in Lyrik und Prosa bewegen. Marion Poschmann ist eine dieser seltenen Begabungen, wobei auch ihre Romane, zuletzt das filigrane Werk „Die Kieferninseln“, sprachlich immer wieder nahe an das lyrische Sprechen heranreichen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Marion Poschmann am hohen Ton entlangschreibt und trotzdem Komik und Ironie aufrechterhält. Das Heilige und das Profane haben bei ihr gleichermaßen Platz, und das mit einer staunenswerten Leichtigkeit.

Das zeigt sich schon im Titel von Poschmanns neuem Gedichtband: Allein schon in dem Wort „Nimbus“ fließen Assoziationen von Religion und Weltlichkeit ineinander. Denn der Nimbus, wörtlich übersetzt „dunkle Wolke“ ist Heiligenschein und meteorologisches Phänomen zugleich; unangreifbar zum einen, Regen spendend zum anderen.

Und wie schon im „Schwarzweißroman“ und in den „Kiefernwäldern“ bewegt Poschmann sich auch in den Gedichten geografisch in Richtung Osten, nach Sibirien und nach Japan.

Dachse, Rehe, Murmeltiere und Kolkraben kreuzen den Weg des beobachtenden und erfahrenden Ich, das am Ende, im großen, den Titel stiftenden Gedicht, bei der Kunst der japanischen Töpferei landet: „Was ist Dunkelheit? Räume, durchsetzt von der unwahrscheinlichen / Glätte der Teeschalen, pechschwarze Blüten in alten / Brokatbeuteln, frisch entfaltet wie am ersten Tag.“ Erstaunlich, überraschend und sehr schön.

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Autor/in
SWR