Zeitgenossen

Meron Mendel: „Mein Ziel ist, dass wir alle vorurteilsbewusst werden.“

STAND
INTERVIEW
Doris Maull

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Kritik am Lagerdenken

„Dass die Künstler aus dem globalen Süden uns provozieren, ist an sich nicht zu kritisieren“, sagt Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne-Frank Frankfurt. Rund um die Antisemitismusvorwürfe gegen die diesjährige Documenta hat sich der Publizist, Historiker und Pädagoge unermüdlich für den Dialog eingesetzt.

„Was am Ende bei mir bleibt, ist das Gefühl, es gibt zwei Lager, die sich unversöhnt gegenüberstehen“, so Mendel. Und das seien eben nicht die Lager, die wir so kennen, Rechte und Linke bzw. Extremisten. „Wir reden über ein Milieu der Menschen, die sich als liberal, weltoffen und kulturaffin begreifen.“ Man verspüre einfach ein hohes Maß an Emotionalisierung bis zu dem Punkt, dass man einfach nicht mehr miteinander sprechen wolle. „Das hat mich sehr erschüttert“, gibt Mendel zu.

Keine sachliche Debatte

Der Streit um die Documenta sei definitiv nicht sachlich verlaufen, kritisiert der Direktor der Anne-Frank Bildungsstätte. Stattdessen hätten sich die Beteiligten sehr früh auf die eine oder andere Position festgelegt.

Wenn jemand von Anfang an der Meinung war, hier werden übelste Antisemiten nach Deutschland gebracht, dann habe er oder sie, wie ein Puzzlestück, immer wieder Beweise dafür gefunden. Wenn jemand hingegen der Meinung war, hier würden unschuldige Künstler aus dem globalen Süden sofort auf die Anklagebank gesetzt, dann wurden auch dafür Belege gefunden. „Es geht eigentlich nicht um die Sache selbst, sondern es geht um Selbstbestätigung und um die eigene Identität.“

Antisemitismus noch immer weit verbreitet

Grundsätzlich hänge das Urteil über antisemitische Tendenzen in unserer Gesellschaft von der Antisemitismus-Definition ab, betont Meron Mendel. Beim Attentäter von Halle etwa gebe es einen eindeutigen Konsens darüber, dass diese Person antisemitisch

ist. Schwieriger würde es dann, wenn eine fundamentale Kritik an Israel mit Antisemitismus vermischt werde. Der Nahostkonflikt sei schnell anschlussfähig zu bestimmten antisemitischen Denkmustern. „Wenn man Antisemitismus so versteht, würde ich sagen, dass wir hier ein sehr viel größeres Problem haben als in einer bestimmten, sehr überschaubaren rechtsextremen Ecke.“

Vorurteilsbewusst statt vorurteilsfrei

In seiner Arbeit als Direktor der Anne-Frank Bildungsstätte beschäftige er sich nicht nur mit Antisemitismus, sondern mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, so Meron Mendel. Der Diskriminierungsgedanke und damit die Vorurteile gegen Andere seien verbreitet in allen Altersstufen, in allen Milieus, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft.

„Es geht nicht darum, dass wir alle vorurteilsfrei sind. Mein Ziel ist, dass wir alle vorurteilsbewußt werden.“ Deshalb schulten er und seine Mitarbeiter neben Polizisten und BKA-Beamten auch Versicherungsangestellte und Fließbandarbeiter. „Wenn ich weiß, was meine blinden Flecken sind, dann werde ich diese Vorurteile nicht ganz loswerden, aber ich werde damit reflektiert umgehen und das ist schon sehr viel.“

Mehr zum Antisemitismus-Skandal auf der documenta fifteen:

Gespräch Meron Mendel über die Antisemitismusdebatte bei der Documenta: „Es gibt bis heute eine linke jüdische Denktradition“

„Die jüdische Tradition ist in ihrer DNA pluralistisch“, sagt Meron Mendel im Gespräch mit SWR2 Kultur Aktuell. Der Versuch von Maxim Biller eine linke jüdische Denktradition als nicht jüdisch darzustellen sei ein klassisch hegemonialer Versuch, die eigene Meinung als die einzig legitime darzustellen, sagt Meron Mendel. Das widerspreche jahrtausendealten Traditionen. Schon bei der Talmud-Interpretation gibt es den Begriff der „machloket“, also einer konstruktiven Kontroverse verschiedener Rabbiner, auch wenn das den Leser manchmal verwirrt. „Vielleicht können wir heute aus dieser Tradition etwas lernen“ meint Mendel im Hinblick auf die Kontroversen um Emily Dische-Becker, Eva Menasse oder die antisemitischen Kunstwerke bei der Documenta.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer  mehr...

Gespräch Meron Mendel: Antisemitismus-Vorwürfe gegen documenta 15 „unbegründet“

Die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta 15 erachte er als unbegründet, sagt Meron Mendel, Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank im Gespräch mit SWR2. Der Weltkunstschau wurden Vorwürfe gemacht, weil ein eingeladener palästinensischer Künstler den kulturellen Boykott Israels unterstützen würde.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Politologin Saaba Nur-Chema zur documenta: Andere Bezüge von Antisemitismus im globalen Süden

Zwar habe der Antisemitismus seine Ursprünge in Europa, sagt die Politologin Saaba Nur-Chema in SWR2. „Aber es ist klar, dass wir es im globalen Süden mit neuen Assimiliationsformen von Antisemitismus zu tun haben, wo tatsächlich mit alten Bildern gearbeitet wird“, sagt Nur-Chema mit Blick auf das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi bei der Kasseler Kunstmesse documenta.
Man müsse jedoch sehen, dass die Beziehung dieser Gesellschaften zum Staat Israel eine andere sei. Indonesien greife als frühere Kolonie auf andere Erfahrungen zurück. Saaba Nur-Chema arbeitet an der Frankfurter Universität an einem Projekt zu Antisemitismus im Bereich der Erziehung im Vor- und Grundschulalter.
Bei einer Podiumsdiskussion auf der Kasseler documenta hatten über Antisemitismus in der Kunst unter anderem Meron Mendel vom Anne Frank Haus und der Kurator der letzten Documenta, Adam Szymczyk, gesprochen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Meron Mendel: „Fronten verhärten sich in der documenta-Debatte nur noch!“

Im Gespräch mit SWR2 nimmt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank Stellung zur aktuellen Entwicklung in der Antisemitismus-Debatte rund um die documenta fifteen. Von der eingesetzten Expertenkommission erwartet Mendel keine schnellen Statements: „Die Experten müssen sich erst einmal untereinander austauschen und eine eigene Bewertung ziehen, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen“, sagte Mendel in SWR2, „ich verliere langsam das Vertrauen in die Bereitschaft von Ruan Grupa hier tatsächlich einen konstruktiven Prozess in Gang zu setzen.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch „Die documenta fifteen war ein Spezialfall“ – Meron Mendel wirbt für eine neue Erinnerungskultur

„Ich hätte gern ein positives Fazit gezogen, aber an diesem Punkt kann ich das wirklich nicht tun“, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank bei SWR2 über die diesjährige documenta.  mehr...

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