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26.8.1972: Die olympischen Spiele in München beginnen

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Jörg Beuthner

Die Olympischen Spiele in München sollten ein großes Fest werden, ein Gegenentwurf zu den Propagandaspielen der Nationalsozialisten im Jahr 1936. Sie begannen am 26. August 1972, heute vor 50 Jahren und endeten mit nach dem Überfall der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September auf israelische Sportler. Elf Israelis starben, ein Polizist und 5 Geiselnehmer.

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Olympia begann als Fest der Verständigung

„Meistens ist es ja so, dass die Vorstellung die Wirklichkeit übertrifft, aber heute würde ich einmal umgekehrt sagen, die Wirklichkeit war fast schöner als man sich das vorgestellt hat.“

So die Liebeserklärung des früheren Münchener Oberbürgermeisters Hans Joachim Vogel an die Eröffnungsfeier. 70.000 Zuschauer begrüßten im neuen sonnendurchfluteten Stadion die Athleten aus aller Welt. Olympia begann als Fest der Verständigung und faszinierte dann mit herausragenden Leistungen.

So gewann der US-Schwimmer Mark Spitz sieben Goldmedaillen in sieben Endläufen. Es gab Hochspannung wie bei der 4 mal 100 Meter Staffel der Frauen. Und dann startete am 4. September eine 16-jährige Schülerin im Hochsprung – Goldmedaille für Ulrike Meyfarth, die jüngste Leichtathletin der Spiele.

Ein vorprogrammiertes Fiasko

Zwölf Stunden später war die Freude darüber vorbei. Eine palästinensische Terrororganisation hatte in den Morgenstunden des 5. Septembers das Olympische Dorf überfallen, zwei israelische Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen.

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Ihre Forderung: Freilassung von rund 200 inhaftierten Palästinensern. Die israelische Premierministerin Golda Meir lehnte ab. Alles lief nun auf eine bewaffnete Befreiung hinaus, ein vorprogrammiertes Fiasko.

Der damalige Münchener Polizeipräsident Manfred Schreiber: „Wir waren von der Munition, vom Recht und von der Absicht, die Spiele als friedliebende Spiele eines friedliebenden Deutschland zu gestalten überhaupt nicht vorbereitet.“

Neun Geiseln kamen ums Leben

Anfangs wollten die Behörden die Geiseln im olympischen Dorf befreien, aber die Vorbereitungen dafür liefen live im Fernsehen. Informationen aus erster Hand auch für die Terroristen. Sie drohten, die israelischen Sportler umgehend zu erschießen und forderten nach Ägypten ausgeflogen zu werden.

So versuchten Sicherheitskräfte die Geiselnahme am Flughafen Fürstenfeldbruck zu beenden. Lediglich fünf Scharfschützen lieferten sich ein Feuergefecht mit den Attentätern.

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Nach dessen Ende zog der Pressesprecher des Organisationskomitees Hans Klein eine verheerende Bilanz: „Neun Geiseln sind bei der nächtlichen Aktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck ums Leben gekommen.“

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Eine kritische Aufarbeitung blieb aus

Dabei kam der Terrorakt nicht, wie oft behauptet, aus heiterem Himmel. Die Dortmunder Polizei warnte die Münchener Kollegen unmittelbar vor den Spielen in einem Telex. Betreff: Vermutlich konspirative Tätigkeit palästinensischer Terroristen.

Der Spiegelautor Dr. Klaus Wiegrefe hat die bisher freigegebenen Akten zum Münchener Attentat gelesen: „Es gab einen Abu Daud, das war ein Mann, der im Vorfeld der olympischen Spiele in Deutschland unterwegs war. Er gilt bis heute als einer der Drahtzieher des Attentats. Dem war die Polizei auf die Spur gekommen und hat den Hinweis auch nach München weitergegeben doch hier ist die Spur aus Gründen, die wir nicht kennen, versickert. Auf jeden Fall war Abu Daud während des Anschlags in München.“

Die Politik verzichtete auf eine kritische Aufarbeitung, schließlich gab es im November 1972 Bundestagswahlen und so herrschte ein überparteilicher Burgfrieden.

Eine Fortsetzung, über das Entsetzen hinweg

Erleichtert wurde diese Sichtweise auch durch die Entscheidung des Internationalen olympischen Komitees. „The games must go on.“ forderte der IOC Präsident Avery Brundage auf der Gedenkfeier für die israelischen Sportler.

Und so gab es die viel kritisierte Fortsetzung der Münchener Spiele – über das Entsetzen hinweg. Zurück blieben die Angehörigen der getöteten Athleten, die Jahrzehnte lang für eine angemessene Entschädigung und die Würdigung ihres Leids stritten.

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Jörg Beuthner