Nils Petersen applaudiert nachdenklich

Nach Petersen-Aussagen zu mentalen Problemen

Sportpsychologe: "Kein Mensch ist davor geschützt, psychisch krank zu werden"

Stand
Interview
Johannes Seemüller

Ex-Fußballprofi Nils Petersen sprach über psychische Probleme während seiner Karriere. Markus Gretz, Fachmann für Sportpsychologie, weiß aber: "Bei einigen Fußballern ist das Thema noch nicht angekommen."

Petersen, Ex-Profi des SC Freiburg, berichtete kürzlich davon, dass er während seiner Karriere an Schlafstörungen und Existenzängsten litt. Der Stürmer holte sich Hilfe und ging anderthalb Jahre zur Therapie. Die meisten Leistungssportler machen ihre mentalen Probleme erst nach dem Ende ihrer Karriere öffentlich – bis auf wenige Ausnahmen wie Benjamin Pavard. Psychische Erkrankungen scheinen nach wie vor ein Tabuthema zu sein.

Das weiß auch Markus Gretz. Der 34-Jährige ist sportpsychologischer Experte. Der Mann aus Leutkirch/Allgäu arbeitet als Leiter der Sportpsychologie am Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SSV Ulm 1846 Fussball und berät weitere Spitzensportler (u.a. in Kooperation mit dem Olympiastützpunkt Stuttgart).

SWR Sport: Warum ist das Reden über psychische Erkrankungen im Leistungssport und insbesondere im Fußball immer noch so schambehaftet?

Markus Gretz: Im Leistungssport geht es allgemein darum, möglichst wenig Schwächen zu zeigen, da diese vom Gegner ausgenutzt werden könnten. Psychische Erkrankungen werden als Schwäche gesehen. Deshalb sprechen die meisten Profis, wie Nils Petersen, erst nach dem Karriereende über ihre Probleme. Kein Mensch ist davor geschützt, psychisch krank zu werden.

Petersen litt u.a. an Schlafstörungen und Existenzängsten. Er sprach davon, dass auch viele andere Fußballer ihre "Rucksäcke" mit sich herumtrügen. Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen im Fußball?

Gretz: Man kann davon ausgehen, dass psychische Erkrankungen ähnlich verbreitet sind wie in der Normalbevölkerung. Wir sprechen hier von etwa 25 Prozent, die mit solchen Erkrankungen zu tun haben. Leistungssportler können sich durch den Sport zwar mehr Widerstandsfähigkeit erarbeiten, aber letztlich ist kein Mensch davor geschützt, psychisch krank zu werden.

Markus Gretz lächelt in Kamera
Markus Gretz, Experte für Sportpsychologie

Mit welchen Problemen kommen die Sportler zu Ihnen?

Gretz: Das große Thema ist der Leistungsdruck. Einerseits setzen sich die Sportler selbst enorm unter Druck. Andererseits bewegen sie sich in einem Umfeld, das viel von ihnen erwartet. Sie stehen in der medialen Öffentlichkeit und werden in den sozialen Medien mit Kritik konfrontiert. Diese Dinge füttern den eigenen persönlichen Kritiker und setzen noch mal eins obendrauf.

Sie arbeiten als Leiter der Sportpsychologie am Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SSV Ulm 1846 Fussball. Wie aufgeschlossen erleben Sie den Fußball-Nachwuchs gegenüber diesem Thema?

Gretz: Das ist unterschiedlich. Manche kommen sehr offen auf mich zu und sprechen über den Druck, den sie empfinden. Andere sind es gewohnt, solche Dinge mit sich selbst auszumachen. Wenn wir Workshops oder Impulse anbieten, sind die Jungs sehr interessiert.

Im Gegensatz zu den NLZs gibt es bei den Proficlubs keine DFB-Vorgabe, dass ein hauptamtlicher Psychologe beschäftigt werden muss. Von den 56 Profivereinen in Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga verzichten gut zwei Drittel auf einen Psychologen. Stattdessen gibt es aber zahlreiche Einwurf-, Ecken, Athletik- oder Taktikspezialisten. Ist das eine falsche Gewichtung?

Gretz: Die Ausrede vieler Clubs lautet: Die Profis haben doch schon alle einen eigenen Sportpsychologen, den sie sich auf dem freien Markt ausgesucht haben. In der Tat steht jeder in der Eigenverantwortung, sich jemanden zu suchen, mit dem er gern zusammenarbeitet. Allerdings könnten die Clubs davon profitieren, wenn ihren Profis bereits präventiv ein Angebot gemacht würde. Denn bei einigen Fußballern ist das Thema noch nicht angekommen.

Die Führungsetagen der Profifußball-Clubs sind in der Regel Männerrunden. Sind Männer weniger aufgeschlossen für das Thema Psychologie?

Gretz: In der Sozialisation vieler Männer lautet das Motto immer noch: Hauptsache keine Schwäche zeigen und sich keine Blöße geben. Bei vielen Führungspersonen ist dieses Denken sicherlich in Fleisch und Blut übergegangen. Diese Leute waren und sind wahrscheinlich selbst sehr widerstandsfähig und haben nie psychologische Unterstützung gebraucht. Deshalb können sie den Bedarf bei diesem Thema nicht sehen. Vielleicht sollten die Vereinsbosse mal ihre Spieler und Trainer befragen, ob sie ein sportpsychologisches Angebot machen sollten.



Wie helfen Sie Sportlern, mental stark zu werden?

Gretz: Ich mag den Begriff "mentale Stärke" nicht sonderlich. Er befeuert die Auffassung, man müsse immer stark sein und dürfe keine Schwächen haben. Ich spreche lieber von "mentaler Fitness". Wir Menschen haben alle Emotionen, die mal angenehm und mal unangenehm sind. Wir sind alle mal traurig oder ängstlich. Ich finde es wichtig, dass wir auch die unangenehmen Gefühle annehmen und unsere Werte leben. Dann kann man Spaß haben und genießen, obwohl man auch mal traurig, ängstlich oder voller Sorgen ist. Unangenehme Gefühle gehören zum Leben dazu.

Frühzeitig Hilfe holen

Also sollte man die Gefühle integrieren und nicht wegdrücken?

Gretz: Genau. Die Gefühle sollten nicht verdrängt werden, denn sie kommen meist irgendwann zurück und fühlen sich dann noch stärker an.

Nils Petersen ging einmal wöchentlich zu seiner Psychologin. Insgesamt zog sich seine Therapie über eineinhalb Jahre. Das klingt nach einem langen Zeitraum...

Gretz: Dies ist ein Zeitraum, den man für eine Therapie braucht, wenn es schon zu einer Störung, also zu einer psychischen Erkrankung gekommen ist. Wenn Sportler sich aber frühzeitig damit beschäftigen, sind in der Regel keine wöchentlichen Sitzungen nötig. Um Routinen zu finden und zu erlernen, die einem gut tun, benötigt man deutlich weniger Zeit. Wichtig ist, dass man sich kümmert, ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist und sich frühzeitig Hilfe holt.

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Johannes Seemüller