TusSies Metzingen beim Spiel gegen die SG BBM Bietigheim. (Foto: imago images, IMAGO / ULMER Pressebildagentur)

Vorfall bei Handballerinnen der TuS Metzingen

Voyeurismus in der Handball-Umkleide: "Die Entdeckung der Kameras war ein Schock"

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In den Umkleidekabinen der Bundesliga-Handballerinnen der TuS Metzingen wurden versteckte Kameras entdeckt. Die Ermittlungen laufen, aber wie geht es den Sportlerinnen?

"Die Entdeckung der Kameras war ein Schock", erzählt Ferenc Rott, Manager der TusSies Metzingen, im Telefonat mit SWR Sport. "Wir dachten zunächst, dass es ein Vollidiot von außen war, das wäre ja schon schlimm genug gewesen." Als dann aber die Nachricht kam, eine Vertrauensperson der Mannschaft, jemand aus dem engen Umfeld sei dringend tatverdächtig, herrschte Fassungslosigkeit im Team, erzählt er.

Ermittlungen dauern an

Mitte Januar waren in der Umkleidekabine der TusSies Metzingen zwei Kameras gefunden worden. Der Verdächtige dieser "widerlichen Tat", wie Rott sie beschrieb, sei wohl eine "direkte Vertrauensperson", teilte der Verein damals mit.

Die Ermittlungen dauern an, heißt es auf SWR-Nachfrage vom Polizeipräsidium Reutlingen. Demnach finden Vernehmungen statt, Beweismittel würden ausgewertet.

Zeit und Hilfsangebote für Spielerinnen

Den Spielerinnen sei umfangreiche Hilfe angeboten worden, sagt Manager Ferenc Rott. Die Handballerinnen hatten mehrere Tage frei, um zu ihren Familien zu reisen. Auf Instagram bat der Verein Medien und Fans um Zeit.

In dieser Woche haben sich die Spielerinnen dann zum erstem Mal wieder zum gemeinsamen Training getroffen. Sie seien über Hilfen, zum Beispiel Angebote des Weißen Rings, informiert worden. Rott und das gesamte Betreuerteam werden zudem versuchen, die Spielerinnen zu beobachten und sie hoffen, dass die Mannschaft ehrlich ist und bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, sagt er gegenüber SWR Sport. Seine Mannschaft habe aber schon viel Stärke bewiesen, als sie, nachdem der Vorfall bekannt wurde, zum Spiel gegen die SG BBM Bietigheim angetreten sei.

Anzahl unbefugter Bildaufnahmen steigt, aber...

Der Vorfall bei der TuS Metzingen fällt unter Paragraph 201a des Strafgesetzbuchs: "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen." Dieser kann mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden. Tatort könne die Wohnung oder ein "gegen Einblick besonders geschützter Raum" (beispielsweise Umkleidekabinen oder Toiletten) sein, teilt das zuständige Polizeipräsidium Reutlingen mit. Im Bereich des Polizeipräsidiums stieg die Anzahl dieser Delikte von 45 (im Jahr 2016) auf 79 (2020) an.

Allerdings fielen darunter nicht nur Bildaufnahmen durch heimlich installierte Kameras. "Die stichprobenartige Auswertung der Fälle ergab ausschließlich anders gelagerte Sachverhalte als der jetzige in Metzingen", ordnet das Polizeipräsidium die Zahlen ein. "Auch ist uns hier bei der Pressestelle aus der Erinnerung heraus kein ähnlich spektakulärer Fall geläufig." Laut Landeskriminalamt (LKA) gibt es landesweit für das Jahr 2019 751 Fälle und für 2020 800 Fälle, die das oben genannte, aber weit gefasste Delikt des Paragraphen 201a betreffen. Die Fälle werden demnach nicht nach den sogenannten Tatorten unterschieden, sodass es vorerst keine genauen Zahlen beispielsweise für Sportstätten gibt.

LKA empfiehlt: Vereine müssen wachsam sein

Das LKA Baden-Württemberg empfiehlt präventiv beispielsweise Zugangsbeschränkungen und eine regelmäßige Kontrolle der entsprechenden Räumlichkeiten. Denn "aus unserer Sicht liegt die Verhinderung solcher Straftaten nicht in der Verantwortung der betroffenen Personen, sondern in der der Vereine beziehungsweise Hallenbetreiber", heißt es. Zugangsberechtigte Personen sollten demnach dafür sensibilisiert werden, "ungewöhnliche Vorfälle beziehungsweise Vorrichtungen oder Personen, die sich widerrechtlich in entsprechenden Räumlichkeiten aufhalten, unverzüglich der verantwortlichen Stelle oder der Polizei zu melden."

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Ähnlicher Vorfall bei Handballerinnen in Niedersachsen

Wenige Tage vor den entdeckten Kameras bei den TusSies Metzingen war ein anderer, aber ähnlicher Fall bei den Spielerinnen der HL Buchholz 08-Rosengarten bekannt geworden. Ein 55-Jähriger soll im September 2021 vor dem Bundesligaspiel gegen die SG BBM Bietigheim Kameras hinter Lichtschalter-Attrappen in den Duschräumen der Teams versteckt haben.

Luchse waren "schockiert, dass es uns passiert"

Mareike Vogel, Kapitänin der HL Buchholz 08-Rosengarten, erzählt im Gespräch mit SWR Sport, dass ihr Team zunächst sehr erschrocken darüber gewesen sei, dass so etwas wirklich auch ihre Mannschaft getroffen hat. In der Halbzeitpause beim Spiel gegen Bietigheim habe die Polizei die Beweismittel sichergestellt. Nachdem in der Mannschaft viel miteinander gesprochen wurden, sei das Thema nun nicht mehr so präsent. Ihre Mannschaft bestehe aus "starken Persönlichkeiten". Trotzdem hoffen sie natürlich, dass keine Aufnahmen im Internet sind. In anderen Hallen sind sie seit dem Vorfall wachsam. "Man guckt in anderen Hallen schon mal", so die 35-Jährige. Aber auch ihre Mannschaft stellt sich die Frage: Wer macht so etwas?

Warum spannen Männer in der Umkleide?

Sportpsychologin Jeannine Ohlert von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) forscht zum Thema sexualisierte Gewalt im Sport. Auch wenn sie die Hintergründe des mutmaßlichen Täters in Metzingen nicht genau kennt, weiß sie aus anderen Studien, dass es den Tätern häufig um Macht geht. Es seien Menschen, die sich selbst in ihrem Umfeld nicht als sozial erfolgreich erleben. "Die versuchen dann über diesen Weg, sich Macht über andere Menschen wieder zu holen. Und indem ich jemanden heimlich beobachte, habe ich natürlich schon Macht darüber."

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